Wie gelingt eine Überleitung von Isoldes Liebestod zu Klängen aus der Neuen Welt? Dirigent Antonello Manacorda zeigte mit den Göteborger Symphonikern und Lisa Larsson, dass der schönste Weg von Deutschland nach Amerika über einen Schlenker nach Schweden führt. 

Als gut gewählter Einklang waren Vorspiel und Liebestod aus Richard Wagners Tristan und Isolde zu hören, die sich langsam und mit undurchsichtiger Stärke auftürmten. Man fühlt mit Isolde, als am Ende eine leise Harfe ertönt, die wie ein letztes irdisches Zeichen zu ihr zu sprechen scheint. Ein Ende, das trotz seiner Tragik nach einem süßen Entschlummern klingt.

Die im Jänner 2015 in Zürich uraufgeführten Lieder des schwedischen Komponisten Rolf Martinsson bildeten das Herzstück des romantisch sehnsuchtsvollen Abends. Unter dem Titel Ich denke dein... komponierte Martinsson Musik zu Texten von von Rilke, Goethe und Eichendorff, die von unterschiedlichen Perspektiven auf die Liebe und idyllischen Beschreibungen der Natur erzählen. In Zusammenarbeit mit der Sopranistin Lisa Larsson vertonte er die bekannten deutschen Verse in einer süßen bis programmatischen Manier. Im einleitenden Liebeslied von Rilke präsentiert er mit den Streichern einen wunderschönen musikalischen Gedanken, der in seinem neuen Vokalwerk immer wieder aufleuchtet. Wie die altbekannte Melodie aus der Lieblingsoperette trug man diesen schwelgerischen Klang auch nach dem Konzert noch mit nach Hause.

In den folgenden Liedern greift der Komponist immer wieder auf lautmalerische Techniken zurück, die er sowohl in die vokalen als auch in die instrumentalen Stimmen einbaut. Eine besonders einfühlsame Interpretation gelang mit Eichendorffs Mondnacht, bei der die Sopranstimme teilweise nur von einem einzelnen Instrument begleitet wird. „Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküsst“, beginnt die Melodie ganz schlicht und beschwört damit sofort den überirdischen Schein einer hellen Mondnacht herauf. Mit leiser, ganz reiner Stimme erweckte Larsson dieses wundervolle Naturspiel vor dem inneren Auge des Zuhörers zum Leben. Sie setzte kein Vibrato ein, und auch ohne übertriebene Lautstärke gelang es ihr, den ganzen Raum mit ihrem brillanten Sopran zu füllen. Die strahlenden Farben ihrer Stimme trugen sich mühelos durch den ganzen Saal, ohne dabei je aufdringlich zu werden; selbst im leisesten Piano behielt sie größte Spannung und führte ihre Töne immer auf gerader Linie. Der Blütenschimmer, die weiten Felder und leisen Wälder die hier zu hören waren, ließen wohl so manche Seele im Saal die Flügel aufspannen.

Als Lisa Larsson „ihre“neuen Martinsson-Lieder sang, war es nicht eine bloße Darbietung, sondern ein passgenaues Anschmiegen des Werkes an ihre Stimme. Ihr großer Beitrag bei der Entstehung der Lieder war bei jedem Ton zu hören, sei er gehaucht, gesprochen oder strahlend hell in der Höhe. Ihr perfektes, akzentfreies Deutsch ermöglichte einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Texte mit der Musik, und eine vergessene Zeile verzieh man ihr dabei mit einem schmunzelnden Augenzwinkern. Als sie im letzten Stück mit den Worten „Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt“ von der Sehnsucht erzählte, konnte man meinen, das Lied sei speziell für das Göteborg voll herbstlichem Licht und Meeresluft geschrieben worden, in dem diese Musik erklang. Die Reaktion des Publikums und die herzliche Umarmung von Larsson und Martinsson lassen auf kommende Zusammenarbeiten des schwedischen Duos hoffen.

Es gibt Musik, die auch beim hundertsten Hören nicht ihren Zauber verliert. Die Musiker bewiesen an diesem Abend einmal mehr, dass Antonín Dvořák Neunte Symphonie zu diesen Werken zählt. Schon beim Vorspiel zum großen ersten Satz fiel der erdige Klang in Blech- und Holzbläsern auf, der der ganzen Symphonie einen warmen Charakter verlieh. In hitzigen Wogen wurde man durch Dvořáks Bericht, verfasst auf dem neuen Kontinent, getragen, der voll von Abenteuern ist, aber nichtsdestotrotz sehnsuchtsvolle Gedanken nach der Heimat auslöst. Dieser nostalgische Klang fand besonders starken Ausdruck in den Soli des Englischhorns. Immer wieder ließ das sehnsuchtsvolle Aufseufzen dieses Instrumentes aufhorchen und genussvoll die Augen schließen. Auch die Streicher spannen mit hauchzarten Bewegungen ein so zartes Konstrukt, dass man meinte, es mit der bloßen Hand zerreißen zu können. Und doch nahm einen dieses Netz aus Musik immer mehr gefangen, bis man sich am Ende weder wehren konnte noch wollte.

Dynamisch kostete Antonello Manacorda jedes Decrescendo und Crescendo voll aus und machte aus dem Kampf damit immer wieder ein spielerisches Treiben. Als im finalen Satz lautstark das Anfangsthema in den Posaunen erklang, war jedoch wieder aller Ernst zurückgekehrt, der in diesem Abschnitt keinen Moment mehr verloren ging. Indem Manacorda das letzte Piano mit reduziertem Tempo noch deutlicher hervorhob, gestaltete er den mächtigen Schluss noch effektvoller. Eine Musik, die so erfüllt war von mitreißender Feurigkeit, entfesselte auch die Begeisterung bei den ruhigen Schweden: Standing Ovations für Antonello Manacorda und die Göteborger Symphoniker. 

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