Bei den Konzerten des diesjährigen Festivals Alte Musik Knechtsteden unter dem Thema „Verborgene Wirklichkeiten“ umfasste der Blick auf die titelgebende Epoche das ganze Spektrum und setzte Erzeugnisse vergangener Jahrhunderte – vornehmlich die Johann Sebastian Bachs – in Bezug zu sich selbst, anderen Komponisten, Zeiten und Orten. Bach im 19. Jahrhundert ist dafür sicherlich ein Paradebeispiel, nicht allein durch Mendelssohn und dessen Wiederaufführung der Matthäus-Passion im März 1829 mit der Berliner Singakademie. Sie wird heutzutage als das Revival Bach'scher Rezeption im Zuge „Historischer Concerte“ in aller Munde geführt, wobei sie – im Knechtstedener Abschlusskonzert nur gedanklich zum Anlass genommen – den Ausgangspunkt für Nachkommendes setzte, wie auch Schumanns Neueinrichtung der Johannes-Passion belegte. Und zwar für dargebrachte Bach-Konzerte Johannes Brahms' sowie Motetten und Lieder Brahms' und Heinrich von Herzogenbergs.

Danae und Kiveli Dörken
© Nicola Oberlinger

Zentral stand bei Brahms Aufführungen von Bachkantaten in den 1850er Jahren in Detmold und später Wien, schließlich auch bei der Eröffnung des Neuen Bach-Vereins Leipzig, Bachs Kantate Christ lag in Todesbanden, die nun Hermann Max und seine Ensembles der Rheinischen Kantorei und des Kleinen Konzerts – nach neuer Erstrezeption des Kollegen Jos van Immerseel 2013 – am Konzertende in Brahms' Instrumentierung und Partituranweisungen spielten. Auffällig dabei, dass sie um ein Drittel schneller war als Bachs Original, selbst wenn das alla breve im Versus I redigiert wurde. Das Tempo führte allerdings zu keinem Mehr an Dramatik, sondern leider eher zum beherrschenden Gefühl abspulender Eintönigkeit. Erst recht kam mangelnder Eindruck beim ansonsten schnellsten, hier nivellierten Tenorvers auf, bei dem Simon Bodes Einsatz weder Kantatenstilistik noch wirklich passenden Textausdruck aufwies. Besser klappte dies im Versus VI mit Veronika Winter, die sich wie die trockenere, leicht o-lastige Julie Comparini, sicherer, aber zunächst von Max uneindeutiger Rhythmuswahl in seinem Vers irritierter Matthias Vieweg und die in üblicher (ähnlich Brahms' Detmolder) Kammerchorstärke aufgebotene, durchaus elastische Rheinische Kantorei von verlässlicher Seite zeigten.

Zuvor präsentierte Max als jeweilige Einstiege mit Brahms' Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen und zwei Stücken von Herzogenbergs Opus 10 a-capella-Chormusik, bei der sich die bachtypische Besetzung von großem Vorteil für die Transparenz erwies. Bei Brahms wusste die Kantorei mit dem spürbaren Wandel vom herausgestellt betroffenen „Warum“ zum tröstlich-feierlichen „Siehe, wir preisen selig“ und besinnlichen Choral zu überzeugen, wobei besonders der Alt Leuchtspitzen senden und der Bass das harmonische Fundament im Ineinandergreifen legen durfte. Bei Herzogenberg stimmten vor allem weiter Dynamik und aufgehender, weicher Legatoschwung positiv. Den Gesangspart vervollständigten solistisch einerseits Bode mit Kiveli Dörkens konzertant-intensivem Hammerklavier mit Liedern der beiden Komponisten, in denen der Tenor zuvörderst mit hell-lichter Lieblichkeit, klarer Artikulation und großer Registerspanne beeindruckte; andererseits Vieweg und Orchester in den neuzeitlich erstaufgeführten, gefälligen, gut gelegenen, bis zur dramatischen Oratoriumsarie gesteigerten Drie geestelijke liederen des im Programm untergebrachten großen deutsch-niederländischen Jubilars Johann Wilhelm Wilms, in denen der routinierte Bariton den hohen Wert von Klarheit, Diktion und Geschmeidigkeit in barer Münze auszahlte.

Den rein instrumentalen Teil steuerten die Pianistinnen Danae und Kiveli Dörken an den Hammerklavieren für das Cembalokonzert in d-Moll und das von Brahms mit Clara Schumann nachweislich aufgeführte Doppelkonzert in C-Dur in dessen Fassung bei. Befand sich Max bei von Danae Dörken mit präsentem Tatendrang konzertiertem d-Moll-Konzert im ersten Satz auf verlorenem Posten, im zweiten dann zu sehr beim Orchesterklang, hatten sich die Musiker im dritten so balanciert eingegroovt, dass Dörken nicht mehr auszubremsen war, in gemeinsamer (Dynamik-)Balance hüpfend-pointiert die Vorzüge des historischen Flügels auch in den weich-variierten melodiösen Girlanden zum Effekt zu bringen. Eindeutig das Highlight des Abends, fungierte das organisch-harmonierende, kommunikative Tandem Dörken im inventionsartigen Doppelkonzert als prägnanter Takt- und Impulsgeber, der die Farbchangierungen der Hammerklaviere so zum Funkeln brachte wie die schwesterlichen, glitzernden Paillettenkleider.

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