Die Bamberger Symphoniker hatten 2006 den damals 79-Jährigen zu ihrem Ehrendirigenten gemacht und damit seine intensive Zusammenarbeit mit dem Orchester und seine musikalische Lebensleistung herausgestellt: damals wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass Herbert Blomstedt auch zwölf Jahre später noch vital und unangestrengt am Pult stehen würde – wobei „stehen“ buchstäblich zu verstehen ist. Berühmt und geliebt für seine einleuchtenden Interpretationen der Sinfonik von Beethoven, Brahms und Bruckner, machte der tiefgläubige Adventist am Karfreitagabend nun seine Verbundenheit mit dem vierten großen „B“ deutlich: Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion im Keilberth-Saal der Konzerthalle gehört zu Blomstedts musikalischem Kosmos ebenso wie im Sommer zuvor Bruckners Fünfte Symphonie im sakralen Raum des Bamberger Doms.

Herbert Blomstedt © Martin U.K. Lengemann
Herbert Blomstedt
© Martin U.K. Lengemann

Den mächtigen Prospekt der Jann-Orgel in der Manier großer Kathedralen immer im Blick, gruppiert die Architektur der Konzerthalle die Zuhörer um das Orchester herum, platziert sie dicht an die musikalischen Abläufe, ja bezieht sie regelrecht ein ins dramatische Geschehen der Passionserzählung. Bach hatte seine erste Fassung dieser Passion nach 1724 mehrfach umgearbeitet, da sie den Leipziger Ratsherren zu theatralisch erschien, betonte später mehr die Meditation über das Leiden Christi. Die daraus abgeleitete Konzertfassung, die heute zumeist aufgeführt wird, hat Bach selbst nie gehört.

Blomstedt gab beiden Ebenen Raum zur Entfaltung, betonte gleich zu Beginn die scharfen Akzente und drängende Ungeduld der Orchestereinleitung, die von den Streichern und Holzbläsern der Symphoniker in düsterem g-moll dicht ausgeprägt wurde. Die vierzig Damen und Herren des WDR Rundfunkchores (Einstudierung Stefan Parkman und Robert Blank) setzten mit großem Nachdruck ein, vom Ruhm des Herrschers zu berichten und in seiner Passion die Verherrlichung des Himmelskönigs zu preisen. Hier und in den fulminanten Turba-Sätzen, in denen sie den Hohepriestern, den Knechten oder der Volksmasse Stimme gaben, waren sie in ihrem Element, konnten virtuos die Verflechtungen der Fugeneinsätze herausstellen und die religiösen Hassausbrüche der Fanatiker gestalten. Die eher demütigen, teils anrührend schlichten Choraleinsätze, die das Passionsleiden reflektieren, gerieten ihnen oft zu massiv, konnten erst im Laufe der Strophe Zartheit und introvertiertes Innehalten der Gläubigen wiedergeben.

Mit Andrew Staples hatte Blomstedt einen überzeugenden Evangelisten zur Seite, der neben dem schon enorm anspruchsvollen Passionsbericht auch die Tenor-Arien zu bewältigen hatte. Waren seine anfänglichen Szenen noch etwas kernig und in der Höhe eng, konnte er sich in seiner ersten Arie „Ach, mein Sinn“ frei singen und Handlung wie Reflexion bildhaft, klangprächtig und emotional involviert mit vollendeter Textverständlichkeit ausdeuten, ohne zu gefühlig zu erscheinen; überzeugend danach die Arie „Erwäge, erwäge“ im intensiven Zusammenspiel mit den Violae d'amore von Martin Timphus und Christoph Kuen. Mit profundem Bariton gestaltete Johannes Weisser die Worte Christi, expressiv und gewichtig, ohne falsches Pathos. Arioso und Bass-Arien des zweiten Teils wurden von dem jungen isländischen Bariton Jóhann Kristinsson vorgetragen, dessen helle Stimmfärbung das Solistenquartett bereicherte; besonders eindrucksvoll gelungen seine letzte Arie „Mein teurer Heiland“ im Wechsel mit den hier nur zart begleitenden Chorstimmen und der überaus klangschönen Continuo-Gruppe aus Ulrich Wedemeier (Laute), Christian Schmitt (Truhenorgel) und Ulrich Witteler (Violoncello). Pilatus' Dilemma eines Schiedsspruchs zwischen der Unschuld Christi und den religiös aufgeheizten Jüden machte Arndt Schumacher auch stimmlich überzeugend deutlich.

Leider hat Bach die weiblichen Solostimmen nur mit je zwei Arien bedacht; man hätte den hervorragenden Solistinnen gerne noch weiter gelauscht. Elisabeth Kulman, ehemals gefragte Opernsängerin im dramatischen Fach, konzentriert sich seit 2015 ausschließlich im Lied- und konzertanten Bereich. Ihre Arie „Es ist vollbracht“ wurde zu einem berührenden heimlichen Höhepunkt der Leidensreflexion, ihr atemberaubendes Timbre verschmolz großartig mit dem warmen, doch klar fokussierten Ton von Hille Perl an der barocken Viola da gamba. Die tschechische Sopranistin Hana Blažíková ist gerade auch als Bach-Sängerin mit Dirigenten wie Ton Koopman oder Philippe Herreweghe bekannt geworden; ihr sanfter, fast zerbrechlich wirkender Stimmeinsatz und die schlanke, unprätenziöse Geradlinigkeit ihres Vortrags ließ Bilderreichtum und Verzierungen in der frühen Arie „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ (zusammen mit den konzertierenden Flöten) und später in „Zerfließe, mein Herze“ klar hervortreten.

Die Bamberger Musiker haben ihren Ehrendirigenten schätzen und lieben gelernt; sie erwiderten in filigran-harmonischem Fluss die Klangrede seiner sparsamen Gestik, die alle Mitwirkenden zu Wort kommen ließ und zeigten, dass Blomstedts Konzentration auf den musikalischen Inhalt keine äußerlichen Schaueffekte benötigt. In seinem Reisegepäck liegt bereits die Partitur für den nächsten Bamberger Auftritt des Maestro im Sommer, mit Mahlers Neunter Symphonie!

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