Die Pandemie hat viele Konzerte verhindert. Doch nun konnte Sir John Eliot Gardiner endlich mit seinem Monteverdi Choir und Orchestre Révolutionaire et Romantique gemeinsam mit vier hochkarätigen Solist*innen Beethovens Missa solemnis beim Musikfest Berlin zu Gehör bringen.

Sir John Eliot Gardiner
© Fabian Schellhorn | Berliner Festspiele

Gravitätisch eröffnete der metrisch uneindeutig gesetzte D-Dur-Dreiklang das Kyrie. Als der Monteverdi Choir die in den Anfangsakkorden vorweggenommenen Kyrie-Rufe vortrug, staunte man doch, dass 36 Sänger*innen eine derartige Klangfülle im Saal erzeugten. Der Ton des punktierten Rhythmus war unnahbar herrschaftlich, so wie Gott-Vater für Beethoven unbegreifbar war. Doch erklang zunächst verborgen im Orchester, dann deutlicher vorgetragen von der Altistin Ann Hallenberg eine Kantilene, die wie als Vordersatz auf einen Nachsatz wartet, der erst im fünften Satz, in der Dona nobis pacem-Melodie, vom Chor beantwortet wird. In so großen Bögen ist Beethovens Missa komponiert! 

So tief in die Struktur der Musik in dieser Aufführung auch eingedrungen wurde – diese Missa wurde auch als großes Tongemälde dargeboten. Wie eine Rakete ließ Gardiner die aufsteigenden Tonleiter-Motive zu Beginn des Glorias im Fortissimo auffahren, um die göttliche Herrlichkeit wie im Sturm zu feiern. Diese Aufführung mit historischen Instrumenten, von denen die urtümlichen Posaunen und Naturtrompeten hervorstachen, ließ eine gleißende Helligkeit im angetriebenen Crescendo auflodern, die dann jäh in der dunkel getönten Bitte um den Frieden auf Erden implodierte. Gardiner ließ derartige Kontraste auch in den Folgesätzen stets direkt aufeinander prallen und glättete sie nirgendwo. Das „Qui tollis peccata mundi, miserere nobis“ gestaltete er als fast barocke Szene und ließ in den schnell repetierten Tönen des verminderten Septimenakkords die Sünder regelrecht zittern. Im „Incarnatus“ verstand es der Tenor Giovanni Sala die dorische Melodie zunächst als frei schwebende Melodie vorzutragen und im „et homo factus est“ dann in die Nähe einer italienischen Belcantoarie zu lenken. Im „Crucifixus“ hämmerte das Orchester die Akkorde wie Nägel in den Saal. Passionsstimmung breitete sich kurz im „et Sepultus“ aus, bevor der ebenfalls nur auf wenige Takte beschränkte a-cappella-Auferstehungs-Ruf fanfarenartig alle Betrübnis hinwegfegte. Die schier endlose Amen-Fuge klang, im Angesicht der Schwierigkeiten, die sie dem Chor stellt, beinahe mühelos und leicht vorgetragen.

Das Sanctus wurde mit Andacht musiziert; das hervorragend besetzte Solistenquartett intonierte die Worte fast demütig. In dem die Wandlung begleitenden Präludium erklang dann improvisierte Musik, fast wie auf einer Orgel gespielt. Der Erste Konzertmeister ließ, unterstützt von der Flöte, sein Solo wie vom Himmel in seraphischen Tönen herunter schweben, während die Chor-Bässe psalmodierend ihren Text auf dem gregorianischen Reperkussionston deklamierten.

In der schwarzen Tonart h-Moll begann das Agnus Dei mit seiner Bitte um Erbarmen. In einem Brief an Goethe von 1823 schlug der Komponist vor, die Messe als Oratorium aufzuführen. Und spätestens im Verlauf des Agnus Dei musste auch eingelöst werden. Gardiner und das Orchester trugen die von zwei Militärsignalen eingerahmte Schlachten-Fuge mit großem Aufwand vor und steigerten das Ganze zu einem regelrechten Schlachtengetümmel. Das war schon kein Oratorium mehr, da erklang der Auszug einer veristischen Oper. Umso berührender erklang die Dona nobis pacem-Kantilene, um die „Bitte um inneren und äußeren Frieden“ in Klang zu entfalten. 

Das Ende von Beethovens Missa teilt mit den Schlüssen Brucknerscher Finalsätze, dass sie im Grunde nicht schließen, sondern fast abrupt enden. Solche letzten Takte sind schwer zu musizieren! Gardiner gelang es, ein Nachklingen zu gestalten und das Werk gewissermaßen aus der Zeit wieder herauszunehmen.

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