Das Gastspiel des Philharmonischen Orchester Kiel in der Elbphilharmonie stand als geschlossenes Benefizkonzert ganz im Zeichen der geplanten Renovierung des Konzertsaals im Kieler Schloss. Für das Klavierkonzert No. 4 von Ludwig van Beethoven kam Kit Armstrong als Solist, und für den zweiten Teil des Abends stand die natürlich in Großbesetzung geplante Alpensinfonie von Richard Strauss auf dem Programm. Durch ihre äußerst reichhaltige Instrumentierung ist diese monumentale Tondichtung immer ein Highlight für Musiker und Zuhörer, und war eine passende Wahl für das Kieler Publikum an diesem Abend.

Kit Armstrong © Marco Ehrhardt
Kit Armstrong
© Marco Ehrhardt

Kit Armstrong spielte den berühmten, viel besprochenen Solo-Beginn des Klavierkonzerts schnell und unscheinbar. Das enttäuschte im ersten Moment zwar, wirkte im Nachhinein und im Gesamtkontext des Konzerts jedoch passend und auch mutig. Gleich nach dem Einstieg des Orchesters fiel auf, wieviel Vorbereitung die Musiker in diesen Abend hatten fließen lassen. Mit der glasklar abbildenden Raumakustik schienen sie gerechnet zu haben und legten größten Wert auf Präzision, die Instrumentengruppen spielten als perfekte Einheiten, die Übergänge zwischen Gruppen klappten tadellos. Dieser hohen Konzentration schien aber leider auch etwas der Wagemut zum Opfer gefallen zu sein, hätten doch einige Steigerungen und Kurzcrescendi mit etwas mehr Verve ausgeführt werden können, denn so richtig schienen sich die Musiker nicht in die hohen Intensitäten begeben zu wollen, vielleicht zugunsten der Vortragssicherheit. In den Passagen mit dem Solisten zusammen war dies jedoch größtenteils wieder ein Vorteil, denn die waghalsig schnellen Klavierpassagen gewannen doch deutlich an Bedeutung wenn Ihnen ein gewisses Maß an Akkuratesse im Orchesterspiel gegenüberstand.

Armstrong zeigte sich währenddessen in seinem Vortrag als sehr ausgeglichener Musiker der zum einen die hohen technischen Ansprüche dieses Konzerts spielend, fast nebenbei meisterte, und zum anderen sowohl aufbrausend energiereiche Abschnitte als auch träumerisch feine Melodiebögen immer mit der passenden Gefühlslage und Körpersprache anging. So war er ein makellos perfekter Unterhalter für den Abend der aber auch den ein oder anderen kantigen Charakterzug, den man bei manchen seiner Kollegen beobachten kann vermissen ließ. Auch seine Zugewandtheit zum Orchester unterstrich die Frische seines Vortrags, denn immer wieder verbündete er sich mit den verlässlich tragenden Bläsern, immer wieder suchte er den Kontakt zum Dirigenten. Im langen Solo am Ende des ersten Satzes ging Armstrong dann gänzlich in seiner Unterhalterrolle auf, und zog das Publikum mit besonders filigraner Gestaltung der leisen Töne in seinen Bann.

Auch im zweiten Satz legte Armstrong viel Konzentration in die dort nicht einfache Formung der Intonationen, um dann aber im dritten Satz wieder unbeschwert und fröhlich die Schlusspassagen zu präsentieren. Das Orchester blieb dazu passend moderat akzentuiert, und die Musiker warfen sich die kurzen Melodiefragmente leichtfüßig zu.

Georg Fritzsch © Marco Ehrhardt
Georg Fritzsch
© Marco Ehrhardt

Nach dem Umbau für die Alpensinfonie füllte der nun deutlich vergrößerte Orchesterapparat den gesamten Bühnenbereich aus. Mit unerwarteter Konsequenz spielte das Ensemble das Werk nur so groß wie eben möglich. Nachdem sich die Musiker durch die Nacht hin zum Sonnenaufgang gesteigert hatten entwickelte der Klangkörper solch eine mächtige Kraft und Energie, dass mir der Atem stockte. Da war sie, die von mir schon früher beobachtete, unbändige Spielfreude dieses Orchesters. Alle Musiker waren mit Haut und Haaren bei der Sache, intonierten mit Lust, genossen jedes musikalische Thema, jede inhaltliche Wendung. Dadurch wirkte der gesamte Anfangsteil von Nacht bis zu Der Anstieg räumlich und klanglich sehr tief, schon zu Beginn ein magischer Moment. Dazu trug direkt die voll genutzte Breite der Instrumentierung bei, denn an den passenden Stellen verschwanden sogar einige Trompeten und Hörner als Fernorchester hinter der Bühne. Auch im weiteren Verlauf hin zu Am Wasserfall schickten die Musiker ein ums andere mal die Energiewellen ihrer Interpretation ins Publikum, und es wurde klar, dass dieser Orchesteraufbau bei weitem die Kraftreserven hatte um die differenzierende Raumakustik des Großen Saals der Elbphilharmonie tatsächlich zum Schwingen zu bringen. Im nächsten Moment legten die Streicher wieder gefühlvoll und doch mit Strauss’schem Witz begleitende Teppiche unter ein Oboensolo, bauten die Bläser ein ums andere mal fundamentale Bassmelodien fest zusammen, während der Dirigent, Generalmusikdirektor Georg Fritzsch, breitbeinig stehend mit großen Schwüngen wie an langen Seilen zog um den Vortrag zu gestalten. Auch er war mit jeder Faser mitten im Geschehen, man sah und spürte: es war ein besonderer Moment.

In Stille vor dem Sturm zeigte das Ensemble dann wiederum ein andere Interpretationsrichtung, entwickelte die drückende Schwüle mit fast hypnotischer Schwere hin zum Ausbruch des Sturms, der wieder einmal sehr kraftvoll ausfiel. Danach begleiteten die Musiker mit erfahrener Leitung das Publikum durch Sonnenuntergang und Ausklang ins Tal und in die Nacht, und ließen noch einmal ihre große Lust auf Klangmalerei aufblitzen, indem sie die Bergnatur eindrucksvoll tonal verbildlichten. Ruhig und still führten die letzten Takte zum Schluß, und das ob der alle Erwartungen übertreffenden Darbietung fast ungläubige Publikum zum Ende eines eindrucksvollen Konzertabends.

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