Unter dem Thema „Letzte Werke aus 100 Jahren Moderne” gastierte das London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle mit Isabelle Faust in der Elbphilharmonie. Trotz der Beschränkung auf eine Epoche waren die Werke dennoch so unterschiedlich zusammengestellt, dass Orchester und Dirigent viele Möglichkeiten hatten ihre Vielseitigkeit zu zeigen. Ob Oper oder Zeitgenössisches, ob frühmodernes Solokonzert oder eher symphonisches Orchesterkonzert, allem widmeten sich die Musiker mit spielfreudiger Hingabe, aber auch mit professioneller Genauigkeit und Akkuratesse.

Isabelle Faust und Sir Simon Rattle © Daniel Dittus
Isabelle Faust und Sir Simon Rattle
© Daniel Dittus

Am Anfang stand die Ouvertüre aus der Oper Aus einem Totenhaus von Leoš Janáček. Die eindringlichen Melodien zu Beginn gestalteten die Violinen geschickt mit modulierten Bogenstrichen, und nahmen die mit sicherer Akzentuierung hervortretende Oboe mit in den Vordergrund auf. Eindrücklich demonstrierte schon hier das Orchester wie viel Spaß das erzählerische Spiel im Opernkontext machen kann. Dabei breiteten die Celli immer wieder fast bildgebende Klangteppiche aus, während die von den Flöten gezeichneten Septakkorde im interessanten Gegensatz dazu standen. Kontrabässe und Pauken wirkten immer wieder klanglich gut verbunden und legten so die Grundlage für die vielen, interessanten Klangräume die die Musiker ein ums andere mal erschlossen und öffneten.

Auch wenn für das zweite Werk, Instances von Elliott Carter, das Orchester auf Kammerbesetzung reduziert wurde, so führten die Musiker die vorangegangene Erzählfreude direkt weiter und das, obwohl dieses zeitgenössische Werk mit seiner Entstehung im Jahr 2012 klar aus einer anderen Zeit kommt, und das letzte Werk des damals 103-jährigen Komponisten war. Von Anfang an erlebte das Publikum hohe Gestaltungsfreude wenn die Soloeinwürfe der Blechbläser mit agilem Witz auftauchten, wenn die Flöten fast larmoyant lümmelnd im Werk mitschlichen, wenn die groß angelegte Schlagwerkbesetzung wasserperlig tropfte. Sir Simon Rattle steuerte den Vortrag mit seiner unverwechselbaren Körpersprache, immer wieder tief in die Knie gehend, die Arme wie Schwingen wogend, die sanft deutenden Hände den Weg der Musik leitend. Wiederholt zeigten Musiker verschiedener Instrumentengruppen beeindruckende Impulshaftigkeit bei den Einzeleinwürfen, während die Streicher die Akkordtorsi gegen Ende mit Ruhe und Bedacht deutlich in den Raum stellten.

Nach weiterem kurzem Umbau kamen Isabelle Faust und Sir Simon Rattle gemeinsam für das Violinkonzert von Alban Berg auf die Bühne. Geschickt nutzten alle Musiker zu Beginn die Saalakustik und erzeugten mit einem überaus leisen Beginn Aufmerksamkeit im Publikum. Im dann aber schnell folgenden Anschwellen der Lautstärke wurde gleich das interessante Wechselspiel zwischen Solistin und Orchester deutlich, die mit wechselnder Dominanz gemeinsam durch das Werk schritten. Bei dieser Steigerung ließ Isabelle Faust die hohen Töne wie kleine Insekten in den Konzertsaal aufsteigen, innige Passagen spielte sie mit sehr singendem Ton, fast jammernd. Dieses Konzert widmete Alban Berg der von ihm sehr geschätzten Tochter von Alma Mahler-Werfel und Franz Gropius, die im Alter von 18 Jahren gestorben war. Es schien der Solistin hier sehr wichtig zu sein, diesen dem Werk zugrunde liegenden Schmerz als Grundlage ihres Spiels zu sehen, und erlebbar zu machen, ohne jedoch von ihrem charakteristischen, zeitweise fast kantigen Strichstil abzuweichen. Währenddessen schien das Orchester mit traumwandlerischer Sicherheit die passenden Klangfarben zu wählen: von quäkenden Trompeten über dumpfe Posaunen und Hörner hin zu umarmend weichen Celli.

Bläser, Schlagwerk und Solistin gestalteten die Kärntner Volksweisen, die der Komponist als gemeinsame Erinnerungen mit der Verstorbenen eingearbeitet hatte, mit bewusster Deutlichkeit aus. Wieder und wieder unterstützte das Orchester die Solistin perfekt, bereitete ihr Bühnen und schaffte kleine klangliche Situationen innerhalb derer sie dann erzählend spielen konnte. Faust wiederum umspielte die Instrumentengruppen gefühlvoll, schien sich imaginär durch die Reihen der Musiker zu bewegen, und ging in kurzen Abständen spannende Synergien mit den verschiedenen Orchesterstimmen ein. In der Mitte des zweiten Satzes zeigte die Solistin dann deutlich und mit klarem Ton, dass sie den Vortrag nicht nur im Griff hatte, sondern dass Darbietende und Publikum gemeinsam die Komposition erlebten. Der Dirigent forderte nun energisch die Höhepunkte von seinen Musikern ein, und Isabelle Faust war bei den Steigerungen mit ihren typischen, zackigen Körperbewegungen dabei. Auf das Ende zu wurden die gegenläufigen Akkordkaskaden von Streichern und Bläsern mit Tiefe und Grandeur gespielt. Den wichtigen und eindrücklichen Schlussakkord, der sinnigerweise aus 18 Tönen besteht, bauten die Musiker mit Bedacht und Genauigkeit regelrecht zusammen, wie eine detailreiche Skulptur. Die Cello- und Bläserstimmen wurden dabei so vorsichtig eingearbeitet, als ob das Ganze auch wieder zerfallen könnte.

Nach der Pause folgte das Orchesterkonzert von Bela Bartok. Den in der Bezeichnung liegenden Widerspruch löste der Komponist auf, indem er die einzelnen Orchesterinstrumente immer wieder in solistischer Art verwendete. Gestaltungssicher führten die Musiker durch die verschiedenen Abschnitte des Werks. Die Bläserpaare im zweiten Satz agierten gut verschmolzen, mit bewusstem Tonansatz und erzählenden Phrasierungen. Und wieder zeigte sich das Orchester als Meister der Klangfarben. Dunkle Celli, knackige Pauken und sehr dynamische Bläser mit zeitweise fast sakralem Tonansatz bewegten sich über den Verlauf immer mehr hin zu einem festlichen Vortrag, der akzentuiert und mit akkuraten Abschlägen abgeschlossen wurde.

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