Seine Klassenlehrer tanzen sehen? Dieses Ereignis bescherte das junge Ensemble der israelischen Batsheva Dance Company im Rahmen einer Schüleraufführung vielen Pariser Schulklassen. Man könnte meinen, die Lehrer seien geübt darin, sich vor ihren Schülern zu zeigen, auf der Bühne im Théâtre National de Chaillot wirkte das jedoch ein bisschen anders. Kurz vor der letzten und 1998 einen Skandal auslösenden Choreographie zum jüdischen Lied Echad Mi Yodea werden in dem Werk Décalé, ein für das junge Publikum zusammengestellte Variation von Naharins Decadance, Zuschauer auf die Bühne geholt und auf rücksichtsvollste Weise zum Tanz aufgefordert. Ohad Naharin steht seit vielen Jahren für eine Demokratisierung des Tanzes. So wie bei Jospeh Beuys alle Menschen Künstler sind, können bei Naharin alle Menschen Tänzer sein. Und wenn man will, sogar als Laie auf der Bühne des Théâtre National de Chaillot.

Das Chaillot veranstaltet in diesen Tagen seinen Programmpunkt „Tous Gaga“. Dabei sind die Werke Mamootot, Venezuela, Décalé und Sadeh21 zu sehen. Begleitet wird das Programm von einem Workshop in Anwesenheit von Ohad Naharin, der Ausstrahlung des Dokumentarfilms Mr Gaga und auch die Opéra de Paris führt mit seinem Pariser Ensemble Decadance auf. Ebenso finden Kurse des GAGA/people in Paris immer häufiger statt. Es wird tatsächlich alles Gaga: Mit viel Witz, Bewegungsfreude und Körperarbeit. Gaga ist eine Bewegungsart, die Naharin entwickelte und mit der er schrittweise die Ballettkurse seines Ensembles ersetzte. Letztendlich fand die Verwaltung der Company das Gaga-Training so interessant, dass die Mitarbeiter ihren Leiter fragten, ob sie auch einmal so einen Kurs mitmachen können. Naharin ließ sich auf die Idee ein und ein durchschlagender Erfolg kam auf: Den Verwaltungsmitarbeitern gefielen die Bewegungsexperimente so sehr, dass danach öffentliche Gaga-Kurse für Jung und Alt ins Leben gerufen wurden. Diese fanden zuerst in Tel Aviv, dem Heimatort von Batsehva, statt. Nun ist die Gaga-Welle auch in Paris angekommen.

Die jungen Tänzer der Batsheva verstehen es bestens, sich dem Publikum zu öffnen. Sie zeigen eine Art von Tanz, die das Publikum aktiviert. Denn die Tänzer tanzen nach außen und lassen sich nicht von der Immanenz einer emotionalen Seelenbewegung fangen. Zu den Grundsätzen von Gaga gehört, dass man nicht aufhört, sich zu bewegen. Das wirkt beim bloßen Anblick schon autosuggestiv. Findet man Gefallen am Groove von Gaga, kann man nicht mehr aufhören. Daraus folgt ein Ausgeliefertsein an euphorische Momente und absolute Bewegungsfreiheit. Die Extase der Tänzer überträgt sich durch den Sehvorgang auf den eigenen Körper. Das Problem mit dem Ende des Stückes ist, dass damit auch die Extase endet. Ein post-kathartischer Gedankenfluss stellt sich ein. Der einzige Ausweg: Gaga selbst mitmachen. Naharins Bewegungsschule ist ansteckend. Es ist egal welche körperlichen Voraussetzungen man mitbringt. Ist man doch voreingenommen, in einem Raum voller Fremder um einen Lehrer herumzutanzen: Die Kursleiter verstehen es bestens mit viel Spaß und Scherz, die Hemmungen von einen Moment auf den anderen schwinden zu lassen. Ihr Charisma beziehen sie aus ihrer performativen Professionalität und einer humorvollen Grundhaltung. Dieses Charisma ist in den Aufführungen greifbar und macht das junge Ensemble einzigartig.

Décalé besteht aus vielen unterschiedlichen Szenen. Bereits vor Beginn tanzt ein einzelner Tänzer unablässig auf der Bühne: Er hört nie auf sich zu bewegen. Wohlwollende Pfiffe und Rufe der Schüler zeugen bereits von ihrem Verständnis für diese enorme Körperbeherrschung. Auch die komischen Momente lösen beim jungen Publikum Lacher aus. Eine sexuelle Anziehungskraft zeigt sich in der Szene eines mit den Hüften schaukelnder Tänzers. Er läuft der Tänzerin immer wieder nach, weitet den Bund seiner Hose und macht ihr klar, dass er dort etwas hat. Genötigt bewegt mit einer zögerlich langsamen, aber unaufhaltbar gleichmäßigen Geschwindigkeit ihre Hand in den Bund. Die Grundschüler schaffen es, diese Momente als komische Momente zu verstehen, ohne den sexuellen Überbau, der auf dieser Szene lastet. Auch die Frau weitet dann den Bund ihrer Hose, der Mann lässt seine Hand darin verschwinden. Ihm ist diese Geste nicht geläufig, das zeigt sich im Gesichtsausdruck. Diese unterschwelligere Anspielung auf Freuds Begriff des Penisneids, dessen patriarchale Auswirkungen noch immer die Vormachtstellung des Mannes umspielen, wird deutlich gezeigt und gleichzeitig hinterfragt. Naharins Auflösung: Nur durch beidseitige Annäherung können die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwinden.

Das Young Ensemble von Batsheva verspricht eine Hoffnung auf die Zukunft einer universellen Tanzwelt: Während die älteren Company-Mitglieder noch am klassischen Training teilnahmen, stellt sich bei den jungen Tänzer*innen die Frage, was sie wohl für ein Profil entwickeln werden, wenn sie von Beginn an mit Groove und Gaga trainieren. Man wünscht ihm und seinen Tänzern nur das beste, denn die Körper auf der Bühne bewegen sich in absoluter Freiheit. Von Tel Aviv nach Paris, Gaga kennt keine Grenzen, durchbricht religiöse Zensuren wie im Skandal von 1998 und hat nichts einzubüßen. Eine Bühnenpraxis für jeden und in jedem Fall ein Versuch wert.

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