Ich habe selten so atemlos genossen. Selbst jetzt noch, da ich dies schreibe, bekomme ich wieder eine Gänsehaut von den Bildern und Tönen, die ich in meinem Gedächtnis behalten habe. De Nationale Opera in Amsterdam hat aus der Not eine Tugend gemacht und mit der außergewöhnlichen Produktion Faust [working title] – unter anderem mit Musik von Brahms, Boulanger, Schubert, Mahler, Händel, Viviers und Berlioz – sehr viel Mut bewiesen. Das Ergebnis ist überwältigend und richtungsweisend!

<i>Faust [working title]</i> © Michel Schnater | DNO
Faust [working title]
© Michel Schnater | DNO

Ursprünglich stand für die Saisoneröffnung des Opernhauses in Amsterdam Mefistole von Arrigo Boito auf dem Programm. Anfang Juni wurde Lisenka Heijboer Castañón damit beauftragt, stattdessen eine alternative anpassungsfähige Produktion aus dem Boden zu stampfen. Sie fragte den Komponisten, Theatermacher und Dirigenten Manoj Kamps, mit ihr gemeinsam die Vorstellung zu konzipieren. Dabei blieben von Boito’s Adaption von Goethes Faust nur drei Szenen übrig: Prolog, Hexensabbat und Gretchens Arie zu Beginn des dritten Aktes. „L'altra notte in fondo al mare”  formt eine der Schlüsselszenen in dem so entstandenen Opernspektakel Faust [working title]. Olga Busuioc als Margherita (Gretchen) im Kerker singt mit ergreifender Eindringlichkeit von der Not eines sich in einer aussichtslosen Lage befindenden Menschen. Der junge Goethe hatte 1771 in Frankfurt den Strafprozess einer später zum Tode verurteilten 24-Jährigen miterlebt und diese Fakten in seinem Faust verarbeitet. „Meine tiefbetrübte Seele fliegt wie ein freier Vogel”, singt Busuioc und dazu bilden ihre Hände mit einfachen Gesten einen Vogel nach. Die unfassbare Trauer des gutbürgerlichen Mädchens, das, um der gesellschaftlichen Verurteilung zu entkommen, ihr eigenes Kind ertränkt, bekommt durch dieses Vogelsymbol eine durchaus befreiende Leichtigkeit. Heijboer Castañón lässt dieses Spiel aus Verzweiflung und Entrückung im Folgenden musikalisch mit Bruno Coulais' Schaukellied Cerf-volant zurückkommen. Auf der Bühne wird dazu eine überdimensionale Doppelrutsche von den Kindern des Nieuw Amsterdam Kinderkoor erst vorsichtig, dann immer ausgelassener berutscht. Im Zusammenhang mit der melancholischen Musik ähneln die Kinder einzelnen Tränen, die sich immer ungezwungener ihren Weg bahnen.

<i>Faust [working title]</i> © Michel Schnater | DNO
Faust [working title]
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Kinder spielen eine zentrale Rolle in dieser Vorstellung. Sie sind zur Zeit die Einzigen, die sich ohne Maske in direktem Kontakt miteinander auf der Bühne bewegen dürfen. Aber sie kommen auch persönlich ans Mikrofon. Zum Eingangsthema („Futures”) erzählt ein Mädchen von ihrem Jazzstudium, beim folgenden Abschnitt („Dreams”) kommt ein türkisches Mädchen zu Wort. Beim aktuellen Thema „Masks” wird das 1895 geschriebene Gedicht, We Wear the Mask, des Afroamerikaners Paul Laurence Dunbar zitiert.

<i>Faust [working title]</i> © Michel Schnater | DNO
Faust [working title]
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Musikalisch gerät Lonely Child von Claude Vivier zu einem weiteren Höhepunkt. Das Nederlands Philharmonisch Orkest, das zum ersten Mal seit März wieder im Graben saß, spielte mit kräftigem Klang. Einzelne Musiker waren dazu auf und hinter der Bühne platziert. Die Hälfte des Amsterdamer Opernchores stand oben auf dem zweiten Rang und machte den Zuschauerraum dadurch zu einer zweiten Klangbühne.

<i>Faust [working title]</i> © Michel Schnater | DNO
Faust [working title]
© Michel Schnater | DNO

Das Bühnenbild von Janne Sterke und Hendrik Walther besteht aus Fundstücken von früheren Opernproduktionen. Dieses Recycling hat Pep! Zu Beginn der Vorstellung sind alle Dekorstücke eingepackt auf einer ansonsten nackten und nach hinten vollkommen offenen Bühne. Der Bühnenhimmel hängt dichtgedrängt mit schwarzen Scheinwerfern. Nach und nach wird das Licht (Hendrik Walther) wärmer. Immer wieder geht (auch ganz konkret) eine Tür auf und es eröffnen sich Einblicke in neue Welten. Joy Boy von Julius Eastman ist so eine ganz eigenartige Komposition. Diese Musik flirrt und schwebt. Verschiedene Stimmen und Instrumentenfarben vermischen sich zu einem Klangteppich, der nahtlos übergeht in den Epilog, einer elektronischen Klanginstallation von Akim Moiseenkov in Zusammenarbeit mit u.a. den Solisten Polly Leech und Martin Mkhize.

<i>Faust [working title]</i> © Michel Schnater | DNO
Faust [working title]
© Michel Schnater | DNO

In der Verbindung von Altbekannten und Neuarrangiertem, Opern-, Volks- und Filmmusik entsteht eine übergreifende Kunstform, die auf Verbindung mit einem Publikum verschiedensten Alters zielt. Um dies noch zu unterstreichen haben sich Heijboer Castañón und Kamps dazu entschlossen, während der Vorstellung auch Aufnahmen einzuspielen. Four Ethers von Josiah Wise, alias serpentwithfeet kombiniert Berlioz' Symphonie fantastique mit rauen Texten und schafft so eine spannende Symbiose von klassischer Musik und aktueller Wirklichkeit.

Faust [working title] ist ein wichtiger Beitrag zur Erneuerung des Genres Musiktheater: weg von der Museumsfunktion und mitten hinein in die gesellschaftliche Aktualität.

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