Im zweiten Konzert der Reihe „Musik der Zeit“ präsentierte das WDR Sinfonieorchester drei Kompositionen mit Bezügen zur Fotografie und zur Malerei. Dieses Programm lockte erfreulicherweise auch junge Zuhörer in die Kölner Philharmonie, womit das dortige Personal aber Schwierigkeiten hatte: Ein junger Mann, der sich in der Pause in der weitläufigen Eingangshalle entspannt auf den Boden setzen wollte, wurde von einem Pförtner umgehend aufgefordert, wieder aufzustehen. „Gute Musik“ allein, so wie es Francesco Filidei in seinem Werkeinführungsinterview suggerierte, wird wohl nicht dazu beitragen, dass sich auch ein jüngeres Publikum bei klassischen Konzerten einfindet. Dafür braucht es mehr als nur Lippenbekenntnisse bei den Verantwortlichen.

Sylvain Cambreling © Marco Borggreve
Sylvain Cambreling
© Marco Borggreve

Sull‘essere angeli (Über das Engel sein) des in Paris lebenden Filidei war tatsächlich ein beeindruckendes Beispiel „guter“ Musik. Der Italiener setzt raffiniert ein groß besetztes Orchester mit exotischen Schlaginstrumenten ein und sorgt mit geheimnisvollen Klangkombinationen für ein spannendes Konzerterlebnis. Keine Phrase des sich organisch entwickelnden einsätzigen Werkes dauert lange. Immer wieder gibt es neue, auch visuelle Eindrücke, wie etwa die Schwirrhölzer, die von zwei Schlagzeugern über ihren Köpfen geschwungen wurden, oder die einprägsamen Plop-Geräusche, die durch das Umbiegen einer Plastikscheibe erzeugt werden. Der Flötist Mario Caroli spielte seinen Solopart intensiv und mitreißend. Mit konzentrierten Bewegungen seines ganzen Körpers unterstützte er den Fluss der langgezogenen Töne, die auf der Suche nach einer Melodiegestalt schienen. Diese entzog sich jedoch immer wieder einer konkreten Form, ähnlich unserer Vorstellung von Engeln. So war die Musik auf assoziative Einwürfe des Orchesters angewiesen, um die Flötentöne mit neuem Kontext zu versehen. Holzbläser und Hörner spielten Naturtonakkorde, die zahlreichen Schlagzeuger bedienten Instrumentarium aus aller Herren Länder und verschiedene Bläser summten selbst ein Kinderlied auf ihren Mundstücken. Über einer impressionistischen, an Debussy erinnernden Passage zum Ende des 25-minütigen Werkes entzündete sich ein verzweifeltes, virtuos gespieltes Aufbäumen des Solisten, bevor sich das Stück im traurigen Abgesang einer Kontrabassmelodie über Röhrenglocken langsam verabschiedete. Wer wollte, konnte sich hier an den tragischen Tod der Fotografin Francesca Woodman erinnert fühlen, deren fantasievolle Fotos Filidei zu seiner Komposition inspiriert hatten.

Bruno Madernas Aura ist eines der meistgespielten Werke dieses von Kollegen wie Boulez und Nono hochgeschätzten Komponisten und Dirigenten. Der als dirigierendes Wunderkind im faschistischen Italien aufgewachsene Maderna war im Zweiten Weltkrieg aus dem Armeedienst zu den Partisanen übergelaufen. Aura besteht aus verschiedenen Klangfeldern, die so notiert sind, dass die Musiker die Abfolge des musikalischen Materials selbst bestimmen können. Jede Aufführung von Aura klingt also etwas anders. Am Anfang hörte man kurze Motive einzelner Streicher, die sich durch das Hinzukommen anderer zu einem romantisch vibrierenden Klangteppich verdichteten. Ein langes Oboensolo von Maarten Dekkers markierte einen glanzvollen Höhepunkt, ehe nacheinander ein Posaunenquartett und ein Trompetenquintett den Ton setzten. Sylvain Cambreling stand wie ein Zirkusdompteur vor dem Orchester und dirigierte oder gab den Musikern durch Zahlengebärden ihre Einsätze, bevor ein immer mehr auseinanderfallendes Flötensolo Aura im Nichts verschwinden ließ.

Von ganz anderer betörender Art war L’Icone paradoxale von Gerard Grisey. Es ist eine Hommage an den Renaissancemaler Piero della Francesca. Die zwei Gesangssolistinnen singen Texte aus dessen Traktat über das Malen von Perspektiven. Griseys Partitur ist schon in seiner äußeren Dimension riesig. Sie erinnert mich an Arno Schmidts Romanexperiment Zettels Traum, in dem drei Handlungsstränge parallel nebeneinander aufgeschrieben sind. Bei Grisey gibt es sogar vier unterschiedliche Ebenen, temps, die jede in seinem eigenen Tempo gleichzeitig ablaufen. Die Großartigkeit von Griseys Kunstwerk liegt unter anderem in den vielen Möglichkeiten, sich dieses zu erschließen. Es gibt unzählige Hörstränge, die man sich als Leitfaden durch diese Klangwelt wählen kann, die mit den warmen, abwechselnd ineinanderfließenden Klagetönen von Mezzosopran Kora Pavelic und Sopran Katrien Baerts begann. Zum Ende hin schien es, als hätte Cambreling die Kontrolle über sein Orchester verloren. Die Gesangsstimmen gingen in der prachtvollen Orchestergewalt schier unter, bis Baerts mit ihrer lichtdurchfluteten, klaren Stimme noch einmal zum gezielten Zuhören zwang. Ihre Stimme blieb mir wie ein Leuchtturm auf hoher brausender See noch lange nach dem Konzert im Ohr.

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