Noch keine 24 Stunden waren seit dem Weltfrauentag vergangen, und die Bamberger Symphoniker zeigten ganz pragmatisch, dass – neben häufigen Berichten von Förderung des Dirigentennachwuchses – ganz selbstverständlich junge Dirigentinnen ihren Weg zu gefragten Gastdirigaten großer Orchester finden. Karina Canellakis, vielbeachtete Orchesterleiterin aus den Vereinigten Staaten, hatte als Geigerin das Curtis Institute of Music und die Juillard School absolviert. Bei ihrem Einspringen als Dirigentin von Schostakowitschs Achter Symphonie in Dallas machte sie erstmals überregional Schlagzeilen. Ihr Erfolg setzte sich 2015 fort, als sie für Nikolaus Harnoncourt Konzerte in Graz übernahm und mit dem Concentus Musicus Wien Teile eines symphonischen Beethoven-Zyklus interpretierte.

Karina Canellakis © Todd Rosenberg
Karina Canellakis
© Todd Rosenberg

„Leidenschaft“ nannte das Programmheft das verbindende Motto des Konzertabends, und Leiden und Passion wurden in einer abwechslungsreichen Programmfolge unter der Leitung von Karina Canellakis spannend ausgeleuchtet. Mit der Orchesterfassung L'Ascension des jungen Olivier Messiaen hatten die Bamberger bereits im Herbst überzeugend eine differenzierte Darstellung der Klangwelt des französischen Organisten und Komponisten gegeben; nun stand mit der 1932 komponierten Hymne au Saint Sacrement ein weiteres Jugendwerk auf dem Programm. Seinem Kompositionslehrer Paul Dukas gewidmet, gibt das Werk Klangvorstellungen wieder, die Dukas seinen Schülern vermittelt hatte: das Empfinden, Klänge zu sehen oder Farben zu hören. Wenn auch offenbar keiner konkreten Bibelstelle verpflichtet, wechseln sich in der Hymne aufbrausend-dynamische und sinnlich-schillernde Passagen ab, in Messiaens Worten „zarte oder heftige Musik, voll Liebe und Ungestüm“. Karina Canellakis ließ die ersten Takte gleich mit einem schmerzhaftem Fortissimo der Bläser und des Schlagwerks beginnen, federnd mit dem Taktstock geradezu meißelnd Figurengruppen entstehen. Dabei modellierte sie in der linken Hand zarte Feinstrukturen. Im Wechsel dazu erblühten langbögige Streicherkantilenen, deren feiner schillernder Ausdruck an Liebe und Genießen von Leidenschaft denken ließ.

Joseph Haydns Symphonie Nr. 49 in f-Moll führt mit ihrem erhitzten Gefühlsausdruck schon mitten in die Periode des Sturm und Drang. Wir wissen nicht genau, welches Ereignis Haydn Leiden schaffte, zudem wurde der Name erst später mit der Symphonie verbunden. Jedenfalls ist die Form dieses Werks ungewöhnlich, mit einem ausgedehnten Adagio-Kopfsatz, der fast die Hälfte der Gesamtspieldauer einnimmt. Bereits die Tonfolge verminderter Akkorde, mit der der erste Satz anfängt und die auch in anderen Sätzen zitiert wird, trägt dazu bei. Canellakis, nun ohne Taktstock und wieder mit ausdrucksstarker Bewegung des Körpers, differenzierte eindringlich die Dynamik des ersten Satzes. Die Bamberger – auf dreißig Instrumentalisten reduziert – folgten intensiv der Dramaturgie zwischen Pianissimo und Forte, mit wunderschönen Soli der alten Hörner und Zwiesprache zwischen Oboe und Streichern. Als ob unsichtbar von Harnoncourt eingerichtet, differenzierte sie im Allegro di molto eindrücklich Rhythmik der Synkopen und Folgen gewaltiger Intervallsprünge in den stimmführenden Violinen, unterlegt von harten Staccato-Achtelläufen der tiefen Streicher. Selbst das Menuetto begann in dunkler Klangfarbe des f-Moll mit düster-schleppendem Hauptthema. In der einzigen Aufhellung der Symphonie, im pastoralen F-Dur-Trio mit seiner sanft-wiegenden Melodie, lauschte Canellakis der delikaten Kammermusik der Soli aus Oboe, Horn und ersten Streicherpulten still als Zuhörer.

Karina Canellakis' Deutung von Richard Strauss' Tod und Verklärung ließ gleich beim geheimnisvoll-zarten Beginn der Bläsersoli aufhorchen. Unendlich zart ziselierte sie den stockenden Puls und die Klage des Kranken und Leidenden danach in der Streichergruppe und mit dem fast schmerzhaften Paukeneinsatz setzte sie auch die Zuhörer dem hämmernden Schmerz des imaginären Helden aus. Sehr realistisch machte sie das Ringen mit Krankheit und Todeskampf hörbar, gab wiederum den Traumbildern in der Fiebervision weiche eindringliche Gestalt. Nach weiteren Prankenhieben des Leids ließ sie das Erlösungsthema langsam, aus dem Murmeln der beeindruckenden tiefen Instrumente des Orchesters heraus entstehen, gab ihm wachsenden Glanz in hymnischem Strom. Am Ende war Verklärung nichts Machtvolles oder Dröhnendes, auch nichts theologisch Empfundenes wie in Gustav Mahlers fünf Jahre später komponierter Auferstehungs-Symphonie, sondern ruhige, lichtvolle Entrückung.

Zum Finale wuchs das Orchester noch einmal an, acht Instrumentalisten allein standen für das umfangreiche Schlagwerk bereit. Strauss hat im Tanz der sieben Schleier die leidenschaftlich-erotische Ausstrahlung der vor dem Propheten Jochanaan tanzenden Salome ausgemalt und für seine gleichnamige Oper nachträglich ein Intermezzo geschaffen. Rachegefühle, Stolz, Liebe und Erinnerungen wurden vom ersten Aufflackern bis zur verzweifelten Ekstase mit gewaltigen orchestralen Kontrasten überwältigend ausgedrückt. Nach Haydns subtiler Zeichnung der Leidenschaft nun die infernalische Vorahnung eines späteren Liebestods, zu der Canellakis alle Energiespeicher aktivierte.

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