Daniel Barenboim und seine Freunde aus Wien eröffneten die Festtage 2019 an der Staatsoper Berlin mit zwei Ersten Symphonien wie sie unterschiedlicher nicht komponiert sein können. Während Prokofjew in seiner Ersten ein Werk im Stile Haydns schreiben wollte, das alle Komplikationen der Gattungsgeschichte mit einem Augenzwinkern wegzuwischen verstand, stellte sich Mahler mit aller Kraft dieser Herausforderung und schrieb eine große apotheotische Symphonie, die den Vergleich mit ihren Vorgängerinnen nicht scheuen muss.

Daniel Barenboim © Holger Kettner
Daniel Barenboim
© Holger Kettner

Barenboim und die Wiener Philharmoniker musizierten Prokofjews Symphonie classique als das, was sie sein will: als ein sprudelnd-fröhliches Spiel, ein Experiment im fast luftleeren Raum. Wer sie hört, ohne zu wissen, wer sie komponiert hat, kommt vermutlich weder auf Haydn noch auf Prokofjew. Da gibt es im ersten Satz „kleine Fehler“ im Aufbau der Sonatenform über die Barenboim schmunzelnd hinwegging und es dem Publikum überließ, darauf zu reagieren oder nicht. Die Holzbläser spielten ihre Passagen famos, der Ton war insgesamt etwas dunkel, was einen eigenartigen Effekt in diesem sanguinischen Werk erzeugte. Doch der Rohdiamant funkelte und glitzerte dennoch: vor allem in der Gavotte, die für meine Ohren am besten gelang. Barenboim ist bekannt für seine eher langsameren Tempi, doch das Finale ließ er federleicht im rasenden Tempo spielen.

Ich habe Mahlers Erste Symphonie oft gehört – sogar einmal mit den Wienern unter Leonard Bernstein als die Mauer in Berlin noch stand. Es gibt wohl kein Orchester, das die Ländler und Walzer im zweiten Satz so selbstverständlich zu musizieren versteht wie dieses Orchester, dem sich Mahler nach eigenen Worten „durch das Band der Kunst“ verbunden fühlte. Der dritte Satz, der zu den ersten symphonischen Grotesken überhaupt gehört, gelang deshalb vorzüglich, weil nichts in der Darstellung künstlich überzeichnet wurde. Der pathetische Ernst des Trauermarsches wurde doch erst dadurch in seinem Schrecken erlebbar, dass der Bruder Jakob im Kontrabass-Solo zu Beginn komisch intoniert wurde, ohne dass mit dem Finger darauf gezeigt wurde, um zu fragen: „Hört ihr die Ironie?“ Der Kontrabassist spielte an diesem Abend die von Mahler gewollte „Arme-Leute-Musik“. Mahler wünschte sich dann, dass ihr der Trauerzug einer schlecht musizierenden böhmischen Kapelle folgte wie das bei Begräbnissen seinerzeit offenbar üblich war. Die Philharmoniker taten dem Komponisten den Gefallen, schmalzten und schmierten in den Niederungen der Gebrauchsmusik herum, dass es eine helle Freude war. Dann wurde es ganz still, um einmal den Blick auf die Idylle zu richten und zum ersten und einzigen Male in dieser Symphonie wirklich zur Ruhe zu kommen.

Wiener Philharmoniker und Daniel Barenboim © Thomas Bartilla
Wiener Philharmoniker und Daniel Barenboim
© Thomas Bartilla

Umrahmt werden diese beiden Binnensätze von zwei Ecksätzen, die Mahler, den Begriff der Finalsymphonie beim Wort nehmend, auf den großen Schluss ausrichtete. In den ersten Quarten der Holzbläser, die wie Naturlaute in die hohen Geigentöne ganz am Anfang hineinrufen, schläft schon der „Siegeschoral“, mit dem Mahler dann die Symphonie triumphal beschließt. Barenboim hat das Stück schon häufiger dirigiert und seine große Erfahrung mit Wagner half ihm auch bei dieser Aufführung dabei, die riesigen Entwicklungszüge zu gestalten. Die eigentlichen Hauptthemen des Kopfsatzes nahm er zu Recht als bloß vorübergehende Gestalten, die schon zu Beginn der Reprise von einem anderen Thema der Durchführung verdrängt werden und dann nur noch kurz anklingen bevor sie auf Nimmerwiederhören verschwinden. Der erste Durchbruch zu Beginn der Reprise ist ein nur scheinbarer Erfolg; denn er gelingt nicht. Im Finale geht Mahler auf diese Passage zurück, die auf den dann vergeblichen Durchbruch im ersten Satz zusteuert, und nun, im zweiten oder wohl erst im dritten Anlauf gelingt dann im Finale der hart erarbeitete Durchbruch, wenn Barenboim, wie von Mahler gewünscht, das D-Dur „wie vom Himmel fallen“ ließ. Von großer Kenntnis zeugte es dabei, wie die MusikerInnen das Seitenthema Des-Dur zu Recht ganz dunkel abtönten und so als Tonart erfahrbar machten, von der die Grundtonart D-Dur überschattet ist, die dann, wenn sie endlich erreicht ist, um so heller zu strahlen vermag.

So in etwa dürfte sich Mahler die Aufführung seiner Ersten vorgestellt haben. Und ein größeres Kompliment lässt sich den Aufführenden wohl nicht machen.

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