Die Kulisse ist malerisch, die angesetzten Künstler stehen für höchste Qualität: Das neu gegründete Festival, das an vier Wochenenden in der lettischen Hauptstadt Riga, vor allem aber im knapp 20 Kilometer entfernten Badeort Jūrmala, stattfindet, bietet gleich in seiner ersten Saison große Namen auf. Praktischerweise verfügt der Ort seit Sowjetzeiten nicht nur über einen kleinen Konzertsaal, sondern auch über einen großen, halboffen gestalteten Saal, der Platz für über 2000 Menschen und eine großartige Akustik bietet. Somit ist die ideale Voraussetzung für einen Sommernachtstraum gegeben – vorausgesetzt natürlich, das Wetter spielt mit. Und Petrus beschenkte das Publikum an diesem Konzertabend mit wunderbar lauem Sommerwetter; das London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda sorgte für den musikalischen Genuss.

Gianandrea Noseda © Pauls Zvirbulis
Gianandrea Noseda
© Pauls Zvirbulis

Wenn eine Oper das Prädikat „Rarität” verdient, dann ist es Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitezh und von der Jungfrau Fewronia von Nikolaj Andrejewitsch Rimsky-Korsakow, denn in ihrer Gesamtheit wird sie beinahe nie gespielt; die Orchestersuite, die Korsakows Schwiegersohn Maximilian Steinberg arrangierte, ist hingegen ein gern gesehener Gast bei symphonischen Konzerten. Das LSO schuf unter der umsichtigen Leitung von Noseda im Vorspiel. Lob der Einsamkeit einen ätherisch schimmernden Klang, hüllte die Flöten in eine Streicherwolke ein und ließ die Geschichte bildhaft erklingen. Den Spannungsbogen hin zum Überfall der Tataren gestaltete der Dirigent (der etwa im Hochzeitszug so euphorisch mittänzelte, dass man immer wieder befürchten musste, er würde vom Pult stolpern) stringent und packend. Das Orchester trumpfte vor allem mit mystisch flirrender Stimmung auf; Die Schlacht am Kershenez glitzerte gar wie ein ganzer Swarowski-Flagshipstore in der Sommersonne. Leider geriet der verklärte Abschluss der Suite dann doch etwas zu weltlich, hier fehlte das entrückte Element, die Weltvergessenheit und die Seelenschwere, die russische Orchester meist so wunderbar in diese Passagen zu legen vermögen.

Seong-Jin Cho © Pauls Zvirbulis
Seong-Jin Cho
© Pauls Zvirbulis

Wenig Raum für emotionale Involviertheit bot auch Sergej Sergejewitsch Prokofjews Zweites Klavierkonzert, das hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, das technische Können des Solisten zu demonstrieren. Vom Komponisten selbst wurde es im zarten Alter von 22 Jahren uraufgeführt und sorgte für geteilte Reaktionen. Einerseits wurde sein Werk als Katzenmusik bezeichnet, andererseits wurde seine Virtuosität als Pianist bewundert. Und absolute Bewunderung hat sich auch Solist Seong-Jin Cho an diesem Abend verdient: selbst aberwitzige Tempi, Läufe und Kadenzen ließ er ganz leicht erscheinen, seine Finger flogen regelrecht über die Tasten und zu allem Überfluss spielte er diese Mammutaufgabe auch noch auswendig. Chapeau! Allerdings blieb bei all der Virtuosität jegliches Gefühl auf der Strecke, der Ausdruck war für meinen Geschmack doch zu sehr technisch-kühl; ich hätte mir etwas weniger Perfektion, aber mehr Passion gewünscht. Für das Orchester blieb in diesem Werk durch den Fokus auf den Solisten nur eine Nebenrolle, insbesondere im leichtfüßigen Scherzo und dem beinahe schon jazzig swingenden dritten Satz konnten sich die Londoner aber auch ideal in Szene setzen und mit dem Klavier in ein anregendes Zwiegespräch treten. Alle Fäden der Partitur liefen dabei stets beim Maestro zusammen, der – wie auch bereits zuvor in der Orchestersuite – auf eine feine Differenzierung der Dynamik achtete.

In der zweiten Konzerthälfte stand mit Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitschs Sechster Symphonie ein weiteres Werk auf dem Programm, dem bei seiner Uraufführung nicht unbedingt große Begeisterung vonseiten des Publikums entgegengebracht wurde. Die dreisätzige Form und die großen Gegensätze der musikalischen Stimmungen wurden harsch kritisiert, der Komponist selbst sagte über seine Symphonie, dass er in ihr „Stimmungen von Frühling, Freude und Jugend vermitteln” wolle. Nun, bestimmt hat jeder Mensch andere Vorstellungen dieser Konzepte, jenen von Schostakowitsch kann man nicht sonderlich viel Optimismus und Euphorie nachsagen. Denn bereits den Beginn des ersten Satzes gestaltete das Orchester so wundervoll schicksalsschwer, die düstere Seelenlage verklanglichten die Musiker beinahe schmerzhaft schön; da verlöschten Geigen in sanftesten Morendi, weinten Celli und klagten Holzbläser ihr Leid. Hätte der erste Satz noch länger gedauert, wäre wohl eine kollektive Therapie nötig gewesen, um das Publikum wieder aufzubauen. Jedoch bieten der zweite und dritte Satz ohnehin einen so diametralen Kontrast, dass dieses Szenario doch noch abgewendet werden konnte. Forsch und fordernd preschte das Orchester dann durch Allegro und Presto, all den verschiedenen Ebenen der Komposition widmete Gianandrea Noseda gleichermaßen sein Interesse, sodass sich einmal mehr alle Klangfäden durch ihn zu einem Ganzen verbanden. Wie eine Herde Wildpferde galoppierten die Musiker in den finalen Satz, ohne je Gefahr zu laufen, sich in Chaos zu verlieren oder allzu plakativ zu werden. Das LSO ließ hier nochmals seine Palette an Klangfarben kaleidoskopartig erstrahlen und spielte sich in einen rauschhaften Zustand der Ekstase. Aber auch bei bestem Wetter birgt eine (beinahe) Open Air Location natürlich so einige Tücken – knatternd startende Motorräder, nörgelnde Kinder, zwitschernde Vögel und rauschende Bewässerungsanlagen untermalten zeitweise das Konzert, Orchester und Dirigent gelang es dennoch stetig, den Fokus auf das Wesentliche zu lenken: auf die herrliche Musik dreier russischer Großmeister.

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