Konzertante Oper muss nicht bedeuten, dass Sängerinnen und Sänger steif hinter ihren Notenpulten stehen und Operngesang abliefern. Konzertante Oper kann auch spannend sein, und dieses Rheingold war es in besonderem Maße. Im Rahmen ihrer kleinen Tournee brachten das Philharmonische Orchester Rotterdam und sein Ehrendirigent Yannick Nézet-Séguin ein handverlesenes Solistenensemble mit nach Baden-Baden, das diesen oftmals unterschätzten Vorabend zum Ring des Nibelungen zu einem großen Opernerlebnis machte. 

Samuel Youn, Yannick Nézet-Séguin, Erika Baikoff, Maria Barakova, Iris van Wijnen
© Andrea Kremper

Wagners Kunst zeigt sich laut Nietzsche darin, „dass er in sichtbaren und fühlbaren Vorgängen, nicht in Begriffen denkt“. Sichtbar durch intensive Gestik und Mimik der Sängerinnen und Sänger, fühlbar durch das transparent und klangsinnlich spielende Orchester entsprach diese Aufführung genau Nietzsches Befund. Ohne Regiekonzept und ohne Bühnenbild - allein nur durch völliges Aufgehen der Sängerinnen und Sänger in ihren Rollen entstand Das Rheingold als Exposition jener Konflikte, welche die weiteren Teile der Tetralogie bestimmen und schließlich in der Götterdämmerung zum Untergang einer durch Macht bestimmten Gesellschaft führen. Es war der Glücksfall dieses Abends, dass den Sängerinnen und Sängern bis in die kleinsten Rollen hinein die Darstellung der von Wagner genau gezeichneten Charaktere seiner Figuren aufs Intensivste gelang.

Die koketten Rheintöchter zu Beginn, die dem gierenden Alberich leichtsinnig das Geheimnis des Goldes verraten, waren vokal individuell bestens unterscheidbar mit dem glockenhellen Sopran von Erika Baikoff (Woglinde) und den dunkleren Mezzostimmen von Iris van Wijnen (Wellgunde) und Maria Barakova (Floßhilde). Samuel Youn zeigte als Alberich ein Glanzstück ausdrucksvoller Rollengestaltung. Als lüsterner Geck bei seinem Liebesfluch in der ersten Szene, als präpotenter Herrscher über das Nibelungenvolk in der dritten Szene bis hin zum markerschütternden Fluch, nachdem Wotan ihm den Macht verleihenden Ring entrissen hat, war Samuel Youn mit Haut und Haar, aber auch stimmlich ein Alberich von höchster Expressivität. 

Als Alberichs Gegenspieler war Michael Volle nicht nur stimmlich ein idealer Wotan. Jovial und kraftvoll, aber auch herablassend gegenüber Fricka und arrogant gegen die Riesen stellte der Sänger absolut rollendeckend diesen Charakter dar. In der dritten Szene in Nibelheim machte er klar, wie infam Wotan Loge benutzt, um in den Besitz des Ringes zu kommen.  Aber Loge erledigt das gern. Flirrend und schillernd malte das Orchester seine Musik. Gerhard Siegel war der exzellente Sängerdarsteller dieser Rolle, stimmlich und darstellerisch wendig und verschlagen. Siegels vokale Höhe war exzellent, klar, frei und ohne Druck, zugleich ungemein farbenreich - prädestiniert für diese Rolle! Eindeutig wurde auch Loges Distanz zu den Göttern und seine ironische Skepsis gegenüber ihrer Selbstherrlichkeit. Als vor Angst schlotternder Mime war Thomas Ebenstein überaus überzeugend.

Samuel Youn, Yannick Nézet-Séguin, Gerhard Siegel, Michael Volle
© Andrea Kremper

Schwankend zwischen Streit und Schmeicheleien gegenüber ihrem in Fragen ehelicher Treue allzu frei denkenden Gatten machte die amerikanische Mezzosopranistin Jamie Barton mit wandlungsfähiger Stimme die Rolle der Fricka überaus anschaulich. In aller Hilflosigkeit und Verzweiflung zeigte Christiane Karg eine überzeugende Freia. Das Riesenpaar Fafner (grob und gewöhnlich) und Fasolt (ehrlich bemüht um Einhaltung der Vertragstreue durch Wotan und mit warmen Gefühlen für Freia) war mit Mikhail Petrenko und Stephen Milling ebenfalls ausgezeichnet besetzt. Belcantistisch schwelgten Issachah Savage mit strahlendem Tenor und Thomas Lehman mit baritonalem Glanz in den Rollen der Göttergeschwister Froh und Donner.

Wiebke Lehmkuhl machte die Szene der mahnenden Erda zum magischen Moment dieses Abends. Ihre Altstimme, volltönend im gesamten für diese Partie nötigen Stimmumfang, ließ einen Moment der Reflektion inmitten der konfliktträchtigen Handlung entstehen, bevor das Orchester zum (bekanntlich fragwürdig) prachtvollen Einzug der Götter nach Walhall seinen vollen Glanz entfaltete. Yannick Nézet-Séguin hatte es den ganzen Abend über zu äußerster Ausdrucksintensität und lebhaftester Klangrede geführt.

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