Die Biographie des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch ist aktueller denn je. Wie überlebte dieser sensibel-kreative Mensch die Angst vor Gefangenschaft und Tod? Wie blieb er sich treu und sein Leben lang produktiv? In seinem letzten Werk, der Bratschensonate, Op.147, zitierte Schostakowitsch 1975 die Mondscheinsonate von Beethoven. In seiner Fünfzehnten und letzten Symphonie vier Jahre zuvor zitierte er – neben auch immer wieder sich selbst – Wagner und Rossini, dessen Galopp aus der Ouvertüre zur Oper Wilhelm Tell so ziemlich jedes Kind mitflöten kann. Dieser Gassenhauer sorgte gleich zu Beginn der Symphonie für ein fragendes Schmunzeln. Zudem gab es für die Zuhörer in der Folge jede Menge Denkaufgaben und Überraschungen beim Erleben dieser einzigartigen Musik.

Gautier Capuçon © Ann Street Studio
Gautier Capuçon
© Ann Street Studio

Was das Rotterdams Philharmonisch Orkest an diesem Abend hören ließ, war ein Konzert der Extraklasse. Schon die Programmierung war perfekt: Nach der brillant gespielten und von Valery Gergiev sehr entspannt und überaus effektiv dirigierten Rossini-Ouvertüre stellte sich Solist Gautier Capuçon ganz ohne Pathos in den Dienst der Musik von Schostakowitsch, indem er das Erste Cellokonzert in all seiner bedrückten Zerrissenheit klingen ließ. Seine Cadenza war atemberaubend, machte aber auch aus der Mutlosigkeit des Komponisten keinen Hehl. Während Capuçon im ersten Satz genial durch das virtuos kraftvolle Spiel des Solohornisten David Fernández Alonso unterstützt wurde, lieferten Gergievs präzise und organische Tempowechsel im Allegro con moto Flair und Tiefe für das Konzert. Als Zugabe hatte Capuçon eine Bearbeitung aus eigener Feder mitgebracht: Schostakowitschs Präludium aus den 5 Stücken für zwei Violinen und Klavier (ursprünglich aus seiner Musik zum Film Die Pferdebremse), die er mit den Cellisten des Orchesters spielte.

Was sich dann nach der Pause in 50 Minuten entfaltete, stellte sich als ein Feuerwerk aus Wohlklang und Bombast dar, abgewechselt mit solistischen Höhepunkten. Neben den souverän schwebenden Geigensoli von Konzertmeister Igor Gruppman, hatte auch Soloposaunist Pierre Volders eine Sternstunde. Er schaffte es, mit seinem ehrlich-erdigen Klang die absurd klagende Melodie im Adagio immer wieder überzeugend in den Ring zu werfen. Gerade dieses wiederholte Bemühen ist es nämlich, worum es in diesem vierteiligen Kunstwerk geht: der Kampf des Einzelnen, der sich allem Gegendruck zum Trotz mühevoll Gehör verschafft. Das alles im ewigen Zyklus von Aufstehen, Niedergerungen-werden und Sich-erneut-aufraffen, um den Mut zu finden, weiter zu machen. Auch Kontrabassistin Ying Lai Green setzte im selben Satz stets von neuem ihre rührige kurze Melodie an. Im dritten Satz lässt der Komponist die Schlagzeuger einen komplizierten, ineinandergreifenden Spieluhrrhythmus ausführen, den er schon in seiner Vierten Symphonie sowie im Zweiten Cellokonzert verwendet hatte und der im letzten Satz noch einmal ausführlicher erklang. Mit der mechanisch anmutenden hochkomplizierten Geräuschmaschine macht Schostakowitsch deutlich, dass wir den Wettlauf gegen die gnadenlos tickende Uhr letztendlich nur verlieren können.

Valery Gergiev © Guido Pijper
Valery Gergiev
© Guido Pijper

Aber Schostakowitsch bleibt positiv. In der ersten Kulmination im Finale jubeln die Blechbläser nach langsamem Spannungsaufbau und suggerieren ein frühes Ende, wobei Gergiev sein Pulver noch längst nicht verschossen hatte. Denn er ließ die Rotterdamer Streicher nun im Pianissimo von Feenlandschaften erzählen. Zusammen entwarfen sie Traumbilder, die von boshaft grummelndem Blech und gehässig lachender Trommel unterbrochen wurden. Befanden wir uns doch in einem Albtraum? Zum unendlich langen Ausklang hielten die Streicher einen Orgelpunkt, über dem die Pauke ihr Motiv ebenso nicht enden wollend abspulte. Der Schluss kam jedoch in Sicht, obwohl es zugleich schwer vorstellbar erschien, wie es ohne den Trost solch elementar ehrlicher und ausdrucksstarker Musik weitergehen sollte.

Gergiev hatte an diesem Abend Großes geleistet. Mit seinem ungekünstelt faszinierenden Dirigat war es ihm gelungen, sein Rotterdamer Orchester sowohl zu einer Glanzleistung anzuspornen als auch in seiner großartigen Interpretation dieser Symphonie die Aktualität Schostakowitschs Musik ein weiteres Mal zu unterstreichen.

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