Das Belcea Quartet ist nicht nur ein großartiges Ensemble, sondern mit der Gattungsgeschichte so gut vertraut, dass schon ihre Programmgestaltungen kleine Kunstwerke sind. Bei ihrem zweiten Abend in dieser Spielzeit im Pierre Boulez Saal wollten sie möglicherweise zeigen, auf welche unterschiedliche Weise Kreise sich schließen – oder eben nicht.

Belcea Quartet © Marco Borggreve
Belcea Quartet
© Marco Borggreve

Am Beginn ihres Konzerts stand mit Schuberts „Quartettsatz” der wohl erste Sonatensatz der Kompositionsgeschichte, der mit genau den Takten schließt, mit denen er angefangen hat. Fast unhörbar begann die erste Violine mit ihrem Tremolo, das nun alles Mögliche, nur kein Thema ist. Das Belcea-Quartett zog das Publikum in Kreise, aus denen der Komponist selbst sich nicht befreien konnte; denn er komponierte die folgenden Sätze nicht mehr, um ein viersätziges Quartett vorzulegen.

Ist Schubert 1820 noch auf der Suche, so zieht Britten in seinem Dritten Streichquartett 1975 am Ende seines Lebens die Summe seines instrumentalen Schaffens. Er ordnet dessen fünf Sätze axialsymmetrisch an, so dass zwischen zweitem und viertem sowie dem Eröffnungs- und Finalsatz Korrespondenzen bestehen. Eingeschrieben ist dieser Bogenform die Suche nach verloren gegangener tonaler und formaler Schönheit, die im ersten Satz beginnt und im letzten endet. Im ersten Satz, Duets überschrieben, arbeitet Britten mit der großen Sekunde, die Axel Schacher und Krzysztof Chorzelski einander zuwarfen, während ihre Stimmen dabei einander durchkreuzten. Später spielten Corina Belcea und Antoine Lederlin im Duett miteinander. Zudem ließen sie zu Beginn bereits jenes Motiv anklingen, das später die Grundlage der Passacaglia bildet. Im zweiten Satz gibt ein zunächst auf- dann absteigendes, ständig präsent bleibendes Motiv den Impuls für die wilden Läufe in den anderen Stimmen. Die rhapsodische Kantilene der ersten Violine im dritten Satz, Solo, komponierte Britten für Norbert Brainin, den Primarius des Amadeus-Quartetts. Doch Corina Belcea spielte die hohe, weiträumig fließende Melodie mit Sicherheit nicht weniger hinreißend als dieser. In ihrem kleinen Violinkonzert wurde sie stets behutsam, immer von einem anderen Instrument begleitet. Fahle Flageolettöne beenden den Satz. Die schrille Burlesque im vierten Satz verlangt vom Quartett Wildheit in der Spielweise und abstruse Wechsel der Taktarten. Das alles erfüllte das Belcea Quartet mit großer Sorgfalt und Raffinesse. Krzysztof Chorzelski kostete die Klangwirkungen im Trio aus, wenn er schnelle Arpeggien zwischen Steg und Saitenhalter zu spielen hatte. Doch am ergreifendsten gelang der letzte Satz Recitative and Passacaglia. Britten gab der Passacaglia noch den Titel La Serenissima, die Heiterste, bei. Und heiter spielten die vier Musiker/innen diesen Schlusssatz auch – im Wissen darum, dass ihre Suche nach dem auf immer verlorenen Wohlklang vergebens ist. Wer kann die Geige am Ende so aussingen lassen wie Corina Belcea! Das Verebben in eine milde Dissonanz, die als wohltönender Missklang dann unaufgelöst bleibt und sich in einem einzelnen Ton verliert, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Das Quartett verlischt mit einer unbeantworteten Frage. Stille herrscht im Saal.

Zu Schostakowitschs Klavierquintett gesellte sich der polnische Pianist Piotr Anderszewski dazu. Wenn Schostakowitsch in dem Werk auf barocke oder klassisch-romantische Musik zurückging, dann wohl darum, um sich nach der Verfemung 1936 eine schützenden Hülle anzulegen. Die fünf Musiker/innen suchten nicht nach dem vermeintlichen Hintersinn, und vergrübelten das erste Satzpaar, Praeludium und Fuge, nicht, sondern nahmen den ersten Satz als eine auskomponierte Improvisation, die dann in der Fuge Gestalt annahm. Im Dux der Fuge knüpft Schostakowitsch nicht an Bach, sondern an Mussorgsky an, den er seiner Urwüchsigkeit wegen so liebte. Die Fuge ließen die Musiker/innen dann ruhig dahinziehen, bis in der Reprise das Thema in der Unterquinte enggeführt wird. Den Belceas gelang das Zusammenspiel mühelos. Schostakowitsch betonte stets, dass sich bei „echter Meisterschaft die handwerkliche Technik nie in den Vordergrund drängen dürfte, sondern wirkliche Gelehrsamkeit der Einfachheit zu dienen habe hätte”.

Wenn im Scherzo dann ein ganz simples Thema erklingt, wird es nicht sofort in’s Plebejische gezogen, das bei Schostakowitsch durchaus häufiger zu hören ist. Hier aber scheint mir doch, auch im Zusammenhang mit der Perpetuum-Mechanik des Satzes, etwas kindlich Einfaches dem Sublimen des ersten Satzpaar entgegensetzt worden zu sein. Und so lagen die Musiker/innen für meine Ohren ganz richtig, wenn sie das Thema weder banalisierten noch ins Vulgäre zerrten und auch nicht versuchten, seinen Frohsinn als aufgesetzt zu entlarven. Das durch ein Intermezzo eingeleitete Finale hebt dann wie ein Bolero an und klingt mit einer augenzwinkernden Schlussgeste aus, die auch im Spiel nicht überzogen, sondern grazioso gespielt wurde – was auch immer Schostakowitsch mit ihr zum Ausdruck bringen wollte, es blieb zu Recht offen.

Als Zugabe erklang das Andante aus Mozarts Klavierkonzert in A-Dur, KV 414, das der Komponist selbst auch als Klavierquintett herausgegeben hatte.

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