Das frühe 19. Jahrhundert war eine goldene Zeit für den Musikstandort Leipzig. Das ansässige Orchester im Gewandhaus profitierte sehr davon und hat eine illustre Liste an Künstlern vorzuweisen, die mit dem Orchester zusammengearbeitet haben. Die zwei prominentesten Vertreter, die eng mit dem Orchester des Gewandhauses verbunden waren, sind Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons tourt das Gewandhausorchester gerade durch Europa und widmet sich der Musik der zwei Romantiker.

Andris Nelsons © Marco Borggreve
Andris Nelsons
© Marco Borggreve

In der Philharmonie im Gasteig stand jeweils eine Symphonie von Schumann und Mendelssohn auf dem Programm, den Auftakt jedoch machte Mendelssohns Ouvertüre zur Tragödie Ruy Blas von Victor Hugo. Die Vorlage konnte Mendelssohn zwar nicht leiden und auch heute steht die Ouvertüre im Schatten ihrer berühmteren Geschwister wie Mendelssohns jugendlicher Geniestreich der Sommernachtstraum-Ouvertüre oder der malerischen Ouvertüre Die Hebriden, dennoch ist sie eine dramatische Miniatur, die von Nelsons und den Leipzigern mit sakralen Bläserchorälen und dringender Dramatik interpretiert wurde – ein perfekter Auftakt für ein Programm, das sich ganz den romantischen Idealen widmete.

Ähnlich packend gelang den Leipzigern Mendelssohns Dritte Symphonie, die ihrem Beinamen „Italienische“ mit fast programmatischer Konsequenz alle Ehre machte. Inspiriert durch seine Italienreise goss Mendelssohn die Eindrücke in die musikalische Großform der Symphonie. Den mediterranen ersten Satz spielte das Gewandhausorchester mit frischer Leichtigkeit und leuchtender Transparenz. Dabei wählte Nelsons das Tempo nicht zu flott und konzentrierte sich vor allem auf die Klangfarben seines Orchesters. Das Andante marschierte mit uhrmacherischer Präzision voran und Nelsons führte die Stimmen mit ebengleicher Umsichtigkeit und Konsequenz zusammen. Das finale Presto, das die Bezeichnung eines römischen Karnevaltanzes Saltarello trägt und das mit neapolitanischen Volksweisen angereichert ist, gestaltete Nelsons deftig aber nicht grob und so hielt sich der Eindruck der vornehmen Noblesse, mit der das Gewandhausorchester das Werks ihres berühmtesten Kapellmeisters interpretierte. Das war große romantische Kunst, die vom Gewandhausorchester auf allerhöchstem Niveau dargeboten wurde.

Schumanns Zweite Symphonie ist im Gegensatz zur beschwingten Italienischen deutlich komplexer und man merkte, dass Nelsons sich mit der Interpretation etwas schwerer tat. Gerahmt von den beiden Mendelssohn-Werken fand Nelsons den Zugang zur C-Dur-Symphonie nicht so intuitiv, wie es ihm beim Mendelssohn gelang. Der Bezug zu den Blechbläsern aus der Ouvertüre fand sich auch im Kopfsatz der Symphonie mit mindestens ebensolcher Ausdruckskraft wieder. Nelsons hatte das Gewandhausorchester gut ausbalanciert und modulierte die Dynamik sehr dezent, aber dennoch konsequent. Das Orchester spielte trotz großer Besetzung bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Dennoch blieben die Musiker zu sehr in den einzelnen Sätzen verhaftet, um einen umspannenden roten Faden zu finden. Besonders das schmerzlich lyrische Adagio espessivo ging zu Herzen, dennoch scheute sich Nelsons tiefer in die große Traurigkeit des Satzes einzusteigen. Besser gelangen ihm das Scherzo und das Finale, die er in ihrer flotten Anlage und expressiven Dramatik gradlinig und kraftvoll interpretierte.

Wie hoch die große Tradition beim Gewandhausorchester gehalten wird, konnte man bei ihrem Gastspiel in München förmlich spüren. In den Händen ihres Chefdirigenten, der schließlich auch erst knapp ein Jahr beim Orchester unter Vertrag steht, befindet sich die Tradition jedoch in guten Händen. Ein weiteres Konzert in der Münchener Philharmonie mit Pianistin Hélène Grimaud folgte am Sonntag – natürlich wieder mit Werken von Mendelssohn und Schumann.

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