Auch wenn ich mich recht viel mit heute weniger bekannten Komponisten beschäftige, muss ich gestehen, dass mir Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges bisher so gut wie kein Begriff war. Dabei ließe sich mit dem Wissen von jetzt eine faszinierende, nicht mehr zu vergessende Menge an Biografie zusammentragen, die mir im Wege der Black-Lives-Matter-Bewegung nun vermehrt wieder ins Bewusstsein gerückt zu werden scheint und in ihrer interessant-schillernden Breite hier freilich den Rahmen sprengte.

Ian Watson
© Handel and Haydn Society

Tonsetzer, Geiger, Konzertmeister, Dirigent, Militär und Sportler waren die Berufe und Begabungen Bolognes, der in der Karibik geboren wurde, als afrikanisch-stämmiger Oberst die Kavallerielegion der Schwarzamerikaner aus französischen Überseegebieten (und damit sogar kurioserweise den berühmten Schriftsteller Alexandre Dumas) befehligte und als Freimaurer, beinahe-Chef der Académie Royale de musique Joseph Haydn dazu brachte, seine Pariser Symphonien zu schreiben, dessen Olympique er uraufführte. Die Handel and Haydn Society in Boston band ihn in historischer Würdigung und Verbindung zum Namensgeber des Orchesters in ein neues Programm ein, das mit der Symphonie Nr. 43 „Merkur“ und dem Kopfsatz des Violinkonzerts, Op.2 Nr.1 Bolognes aufwartete.

Aisslinn Nosky
© Handel and Haydn Society

Da eben nicht das komplette Konzert Bolognes gespielt wurde, reicherte man die Aufzeichnung unter ideeller und narrativer Mitgestaltung von Diversity-Direktor Reginald Mobley mit zwei Mini-Dokumentationen Bill Barclays (mit bildschnittiger Realisation von Hillary Leben) an, die einen Einblick in das öffentliche Dasein und Wirken des Komponisten sowie seine – leider verschollene – Interaktion mit Haydn gaben. Ob Bologne zudem – sich durchaus schon plausibel darstellend – nun tatsächlich als Erfinder der Sinfonia concertante und großer Beeinflusser Mozarts, womöglich auch Beethovens dienen kann, bedarf dann vermutlich noch weitergehender Betrachtung, doch fasste es H+H-Moderatorin Emily Marvosh am Ende des Videos auf den Punkt bringend zusammen: „History to learn, and music to discover.“

Mitglieder des Hornregisters
© Handel and Haydn Society

Diese Aufgabenbeschreibung besorgte im musikalischen Part die Handel and Haydn Society unter der unaufdringlich präzisen Leitung von Ian Watson mit bekannter Bravour, die das Erste (von Bolognes derer vierzehn) Violinkonzert mit Streichorchester, zwei Hörnern und Oboen in klarer, leichtfüßiger, melodiegenießender, ausgewogener und frischer Weise präsentierten. Mit dem kräftigen Entdeckungsschub über dem Linienformen, Ausreizen und dramatischeren Farbetunken sowie der galant-tänzerischen Attitüde einer Konzertmeisterin und Solistin Aisslinn Nosky verstanden es die H+H-Notenerzähler, unmittelbar in den Aufbruch der damaligen Pariser Szene und in Bolognes Standing in höchsten Kreisen zu lotsen, um eindrücklich im Heute dessen gebührende Künstler-Normalität und -Qualität sowie lohnende Aufmerksamkeit zu besiegeln. Die komplette Wiedergabe und die Integration weiterer Stücke Bolognes in das Repertoire müssen und werden wohl folglich Anspruch und Resultat dieses initialen Eindringens sein.

Mitglieder des H+H Orchestras
© Handel and Haydn Society

Von Brillanz erfüllt war außerdem Haydns Symphonie in identischer Besetzung, in der herrlich aufgekratzte Streicher im einleitenden Allegro im intraorchestralen Kontrast zu den weicheren Liegetönen der Bläser standen. Dieser energie- und sonoritätgeladene Klang freuden- und effektgarantierten Dualismus' bildete das unüberzeichnete Grundgerüst des Ensembles, um die Haydn-typischen Überraschungen kurzer melodiehafter und dynamischer Verschnaufsgegengewichte gekonnt zu setzen. Vermochte das H+H Orchestra unter Watson darüber hinaus mit beredter Phrasierung und Betonung das Adagio in Besinnlichkeit labender Entspannungsinszenierung bar anfälliger Langeweile zu gestalten, hielt das Menuetto sehr lebhaft Kurs auf Ermunterung. Sie erreichte mich in sinnhafter Kompositionsleistung und Erwartungshaltung an ein ebenfalls mit Allegro überschriebenes Finale, das mit zupackenden Handgriffen einen charaktervoll-witzigen Sturm der Klassik über mich wehte.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Handel and Haydn Society rezensiert.

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