Zutreffender als mit New Beginnings hätte die Royal Northern Sinfonia ihr Frühlingsprogramm nicht beschreiben können. Denn nicht nur, dass das Orchester in „Dawn and Dusk“ teilweise tatsächlich mit der Jahres- und Tageszeit oder der Musik generell assoziierte Neuerweckungen und Träume in das digitale Schaufenster stellte, von dem man inständig hofft, es auch ab Mai wieder physisch sicht- und hörbar werden zu lassen, es begrüßte auch einen offiziell neu ernannten Ersten Dirigenten in seinen Reihen. Dinis Sousa, bisher neben der Leitung seines portugiesischen Orquestra XXI unter anderem Assistent Sir John Eliot Gardiners, der ein Konzerttableau zur offiziellen Einstellung mitbrachte, das die Spuren des künstlerischen Wirkens bei seinem bisherigen Förderer mit Haydn, Lili Boulanger und Berlioz nicht verleugnete. Hinzukam mit Prokofjews Erster Symphonie ein gern genommener Einstands- und Orchesterrepertoireklassiker, der den Bogen zu Haydn schloss.

Dinis Sousa
© TyneSight Photographic

Und damit hier zu der aufgespielten Symphonie Nr. 6 „Le Matin”, dem Sonnenaufgang und Morgen im komponierten Tageszeiten-Zyklus, dessen Titel im Unterschied zu allen späteren tatsächlich mal von Haydn selbst stammt, den symphonischen Anfang in Esterhazy markiert und mit den neuen Formen des Sonatenhauptsatzes experimentiert. Jenes zärtliche Auftun der Sonne ging mit einem crescendierten Erwachen einher, dessen frühmorgendlich ausgeschlafene Energie dabei den wirklichen Abend unterstützt durch passgenaue, alerte Dynamik- und Betonungseffekte zu einem hellen Tag der Beflügelung machte. Auch im gemächlichen Uhrzeitenrhythmus konnte verlockende Frühlingsfrische getankt werden, als Sousas bekannte Rezital-Partnerin Maria Włoszczowska in der Funktion der Konzertmeisterin die Romanze für Violine und Streichorchester des zweiten Satzes entzückend klar mit aufgeklärter strenger Vibratoreduktion intonierte. Gliederten sich in der menuettierten Gedankenfülle auch die Bläser, speziell natürlich Stephen Reays Fagott ein, neigte sich der Vormittag mit einer Konzertante aus Geige, Steffan Morris' Cello und Fiona Kellys Flöte samt Orchester, von deren Munterkeit der weitere Verlauf überwiegend geprägt wurde.

Dame Sarah Connolly
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Auf den Frühling Bezug nimmt Berlioz in seinen sechs Liedern Les nuits d'été nur im ersten, während das vierte auf das eheliche Scheiden von seiner ersten Frau eingeht, der allerdings verbunden ist mit der Liebessehnsucht zur dann zweiten Gemahlin. Die Orchesterlieder sind eben komponierte Traumschilderungen im Anbruch der Nacht, Hauptmotive der Romantik, die Schönheit und Tragik so verbinden, wie es die melancholische Zeit mit seiner Hoffnung auf das Wiederaufleben der Kultur auch heute erfordern. In „Villanelle“ frohlockte Mezzosopran Dame Sarah Connolly, die im vollkommenen Geiste des Mottos ihr Debüt beim Orchester feierte, mit lautmalerischer Phrasierung und Wortlebendigkeit, um mit dem zusätzlichen Mittel der dynamischen und timbrierten Farbig- und Geschmeidigkeit eine dialogische Anteilnahme in den folgenden inneren lyrischen Monologen von „Le spectre de la rose“, „Sur les lagunes“, „Absence“ und „Au cimetière“ zu erreichen. Die RNS unterfütterte die Bilder und Stimmungen der dunklen, verzweifelten, herzschmerzenden und morbiden Strophen der Klagegesänge darin umsichtig ausgereift und mit der neugierigen Brise der „L'Île inconnue“, dem artistisch attraktiv-flirtigen Eiland der Liebe, ziemlich inspirierend.

Neues und Tragödie verkörpert auch kaum jemand derart persönlich wie Lili Boulanger, der Schwester Nadia Boulangers, bei der Sousas Monteverdi-Chef-Gardiner zeitweise studiert hatte. Von solchem Wunderkindtalent, dass sie als erste Frau 1913 den legendären Kompositionspreis Prix de Rome gewann, verstarb sie 1918 vierundzwanzigährig an den Folgen ihrer seit Kindestagen bestehenden chronischen Lungen- und Darmentzündungserkrankungen. 1917 schrieb sie D'un matin de printemps, für das der Komponist und Arrangeur Iain Farrington – obwohl Boulanger selbst eine Orchesterfassung des ursprünglich für Violine und Klavier gesetzten Werks herausgegeben hatte – eine eigene Einrichtung anfertigte. Das kurze, impressionistische Stück mit Solo-Intermezzi nahm den Schwung des letzten Berlioz-Liedes mit und erinnerte in seinen pompösen Aufwallungen an die wirbeligen Brauser, die das hyperflotte saltarelloartige Finale Prokofiews Symphonie bei Sousa bereithielt. Stand dieser „Classique” im Eingangs-Allegro bewusste Akzentuierung und Struktur der Holzbläser- und Streicherfiguren vor dem Tempo, nahm die Intensität im Verlauf zu, ehe die sonnigen Abschnitte der Mittelsätze die Freude über diesen Neubeginn beschienen.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Royal Northern Sinfonia rezensiert.

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