Eine Europatournee der 1962 gegründeten Camerata Bern mit dem neuen Schubert-Projekt unter ihrer künstlerischen Leiterin Patricia Kopatchinskaja, Death and The Maiden, musste aus aktuellem Anlass abgesagt werden. Kurzerhand wurde beschlossen, das Programm im progressiven Ambiente der Reitschule Bern einmal ganz anders aufzunehmen.

Patricia Kopatchinskaja
© Lukas Fierz

„Wieso nur spielen, was wir verstehen und kennen? Lieber vorwärts schauen und Neues finden.“ Diesem ihrem Motto macht Patricia Kopatchinskaja in ihrem neusten Projekt alle Ehre, in dem sie Schuberts Streichquartett auf abenteuerliche Weise mit alter und neuer Musik kombiniert und vom Schweizer Cineasten Quinn Reimann in düsteren, fantasievollen Bildern aufnehmen lässt. Ein gespenstisch anmutender Trailer lädt in den sozialen Medien zum Anschauen des leider nicht zeitlos abrufbaren Streams ein. Mit dieser ungewöhnlichen Herangehensweise wird nicht nur ein neues junges Publikum angesprochen, sondern vor allem das schier unerschöpfliche Potential klassischer Musik ausgeleuchtet.

Patricia Kopatchinskaja und die Camerata Bern
© Lukas Fierz

Der knapp einstündige Film beginnt mit dunklen Bildern und einem Totentanz aus dem Jahr 1598 des Dresdener Komponisten August Nöringer (1560-1613). Da der Tod so eine ernste Sache ist, muss man ihn auch mit Humor mischen, erklärt Kopatchinskaja in dem in das Programm einführenden Podcast. Zu diesem Zweck wird zu kunstvollen Kamerabildern von Grabsteinen und weißen Händen die mittelalterliche Tanzmusik mit viel Tamtam zum Klingen gebracht. Danach beginnt die Camerata Bern mit dem Allegro aus Schuberts Streichquartett D810. Schubert komponierte das Werk 1824 und zitierte dabei aus seinem gleichnamigen Lied D531 auf einen Text von Matthias Claudius. Eindrucksvoll ist neben dem satten Streicherklang und dem gefühlvollen Soli von Kopatchinskaja vor allem die wunderbare Ruhe und das beinah unhörbare Pianissimo am Ende des Satzes. Dazu sieht und hört man immer wieder vorbeihuschende Züge. Somit wird der Zug (der Zeit) zum Hauptdarsteller, zusammen mit Bahnhofsuhren, die vergebens auch einmal die Zeit zurückdrehend anzeigen. „Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit“ steht treffend auf einer Wand der Reithalle geschrieben. Daneben dekorieren verschiedenste Graffitis und weiße, an Wäscheleinen hängende Hemden und Laken den Hintergrund.

Patricia Kopatchinskaja und die Camerata Bern
© Lukas Fierz

Nachdem Kopatchinskaja kostümiert den Claudiustext über summenden Orchester deklamierend gesungen hat, beginnt das Andante con moto erst in der originalen Streichquartettfassung, bevor alle 14 Streicher zusammenkommen. Der Orchesterklang ist wunderbar zart und vorsichtig suchend. Die Variationen geben auch Solocellist Thomas Kaufmann allen Raum, um mit seinem sensuellen Ton und hervorragendem timing Schuberts dunkle Sehnsuchtsträume auszuloten. Im vorvorletzten Takt zelebriert die Camerata Bern ein kompromissloses vierfaches Pianissimo, dass einem Hören und Sehen vergeht.

„In alle Richtungen spucken wir Gift, Hoffnung, Schönheit und Fragen“, erläutert Kopatchinskaja. Und so spielt sie zusammen mit den Berner Musikanten auch die letzten zwei Schubertsätze unterbrochen von kurzen aktionistisch in Szene gesetzten Werken von Gesualdo und Kurtág. Vor allem zum Ende des vierten Satzes Presto regnete es im Chat am Bildrand in rascher Folge Herzchen, wenn die Musik sich in irrwitzigem Taumel schneller und schneller aufpeitscht, so als wollten die Schweizer alle Rekorde brechen und dem Tod von der Schippe springen. Dieser ergreifende Musikfilmabend endet ernüchternd mit eingeblendeten Straßen- und Bahngeräuschen. Der Zug der Zeit fährt immer weiter. So gibt es selbst für dieses außergewöhnliche Konzertprojekt ein Ende, auch wenn wir es nicht wahr haben wollen.


Die Vorstellung wurde vom Stream auf Virtual Circle rezensiert.

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