In einem Interview für den holländischen Rundfunk über das bevorstehende Matineekonzert erzählte der kürzlich verstorbene Dirigent, Pianist und Komponist Reinbert de Leeuw (1938-2020) wie er von György Ligeti auf die Musik des in Paris lebenden Kanadiers Claude Viviers (1948-1983) aufmerksam gemacht wurde. De Leeuw bekannte vor laufender Kamera, dass die Begegnung mit der Musik Viviers seine Auffassung von Musik veränderte. Es geschah etwas Neuartiges: die einstimmige Melodie kam wieder zurück! Kurz vor seinem eigenen unerwarteten Ableben ließ de Leeuw in dieser beeindruckenden Werkeinführung das Publikum teilhaben an seinem ehrfürchtigen Staunen über den unerklärlichen Umstand, dass Vivier in seinem letzten Werk seinen eigenen gewalttätigen Tod fast bis ins Detail vorhersagen und beschreiben konnte. Das von de Leeuw zusammengestellte Programm konzentrierte sich auf vier Werke aus den Jahren 1977 bis 1981.

Bas Wiegers © Polle Willemsen
Bas Wiegers
© Polle Willemsen

Claude Vivier verbrachte 1976 dank eines Stipendiums der kanadischen Regierung drei Monate auf Bali. Diese Götterinsel (Pulau Dewata) brachte ihn in Kontakt mit Gamelan. Vivier hat die Instrumentierung für das ein Jahr später komponierte Pulau Dewata nicht exakt vorgeschrieben. Das Schlagzeugensemble Slagwerk Den Haag hatte darum das Stück für fünf Schlagzeuger und Kontrabass neu arrangieren lassen. Es fehlte der Aufführung trotz der sehr interessanten Instrumentierung in der auch auf Muscheln geblasen wurde an Spannung und Kontrasten. Obwohl die Tempi langsam gewählt waren, musizierten die Musiker nicht immer überzeugend zusammen, vielleicht auch, weil sie teilweise mit dem Rücken zueinander aufgestellt waren.

Zipangu ist ein altchinesisches Wort für Japan. Auf jeden Ton der von 13 Streichern intonierten Melodie schrieb Vivier die exakt berechneten Obertonfrequenzen, die durch den Sul ponticello-Effekt (dicht am Steg gepresst) noch verstärkt wurden. Das farbenprächtige Klangspektakel bekam in der Interpretation von Asko|Schönberg unter dem kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Bas Wiegers nur mühsam Flügel. Beeindruckend waren die Soli von Konzertmeisterin Marijke van Kooten. Die rhythmischen Tutti-Akzente waren oft zu wenig zwingend und die Dynamik zu unbestimmt. Wiegers hielt sich auffallend zurück, vielleicht im Bewusstsein der Tatsache, dass das Ensemble das Stück auch ohne ihn hätte aufführen können.

Wo bist Du, Licht ist nach Viviers eigenen Worten „eine Meditation über den menschlichen Schmerz, eine lange unablässige Melodie.“ Der vielschichtigen Komposition liegen verschiedene Texte zugrunde. Zeilen aus Hölderlins Gedicht Der blinde Sänger werden abgewechselt mit Passagen einer frei erfundenen Sprache, die Vivier regelmäßig in seinen Kompositionen verwendet. Dazu werden vom Band der von Vivier selbst vorgetragene Hölderlin-Text und Ausschnitte von Martin Luther Kings berühmter I have a dream-Rede eingeblendet. Außerdem gibt es einen kurzen Nachrichtenbeitrag zur Ermordung von Robert Kennedy und den Folterbericht einer vietnamesischen Zivilistin. Leider waren die Tonbandtexte im Saal kaum zu verstehen. Auch die tiefen Register der wunderschön samtenen Stimme von Mezzosopranistin Barbara Kozelj wurden vom Ensemble leider regelmäßig übertönt.

Die Uraufführung von Reza Namavar, Tiaré Tahiti, klang wie eine Synthese von Vivier und barockem Konzertieren. Neben Trillerpfeifen, Lions Roar, einer großen mit einem Gummi bespielten Blechplatte  und Peitschenschlägen ist auch eine Ukele zu hören. Die dynamischen Effekte dieser Partitur wurden jetzt von den Musikern intensiver herausgespielt. Hier beeindruckte neben den drei Schlagzeugern vor allem die Flötistin Ingrid Geerlings, die ihre zwei endlos wiederholten hohen Töne mit solch ungestümer Urgewalt herausschmetterte, dass es einem Angst und Bange werden konnte.  

Lonely Child ist ein langer Klagegesang über die Einsamkeit. Vivier komponierte für dieses Stück nur eine Melodie ohne Akkorde, Harmonien oder Kontrapunkt. Ihm ging es vor allem um Klangfarben. Vivier vertonte dazu einen eigenen französischen Text, der als Gute-Nacht-Geschichte über Elfen und Feen gelesen werden kann, abgewechselt mit Abschnitten seiner Fantasiesprache. Vor dem Hintergrund von Viviers Biographie als Waisenkind erzählt die eindringliche Musik aber auch von der Sehnsucht nach ein Leben lang leidvoll vermisster liebevoller Zuwendung. Die belgische Sopranistin Katrien Baerts, die häufiger mit de Leeuw konzertiert hatte, gab dem mit verschiedenen Effekten reich verzierten außergewöhnlichen klassischen und Sprechgesang Tiefe und Klarheit.

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