Eigentlich wollte Herbert Blomstedt das letzte Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin in dieser Spielzeit dirigieren, die ersten Proben hatten bereits stattgefunden, doch nach einem Unfall am Samstag musste der fast 95-Jährige absagen. Kurzfristig sprang Christian Thielemann für ihn ein. Weil nur eine ganze Probe angesetzt werden konnte, ersetzte er die ursprünglich geplante Mozart-Symphonie durch Wagners Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde, das ihm sehr vertraut ist und das die Staatskapelle oft gespielt hat – allerdings unter Daniel Barenboim, der am Dienstag unter den Zuhörern weilte. Thielemann hatte bis Montag Abend noch nie am Pult der Staatskapelle gestanden.

Christian Thielemann
© Jakob Tillmann

Orchester und Dirigent wurden einander schnell vertraut. Bei Wagner atmete die Musik und es folgten kaum zwei Takte aufeinander, in denen das Takt-Maß nicht leicht gewechselt wurde. Mit aller Ruhe zelebrierten Dirigent und Orchester die vom Pianissimo bis zum Höhepunkt führende Entwicklung, die schließlich in dem so machtvoll wie geballt und doch dunkel abgetönten Tristanakkord im ganzen Orchester kulminierte. Im Liebestod, wo mir in der instrumentalen Fassung immer, so gut sie auch aufgeführt wird, die Singstimme fehlt, gab es wunderbare, berührende Töne vor allem am Ende, bei der Auflösung der Gestalten und im herrlichen Schlussakkord.

Im zweiten Teil erklang Bruckners Siebente, die Thielemann oft dirigiert hat, auch in Berlin – und dabei immer anders gestaltete: Überwog etwa bei der Aufführung mit den Philharmonikern im Dezember 2016 noch der Wohlklang und die Ausgestaltung der Details, so richtete Thielemann in diesem Konzert sein Interesse auf die Gestaltung der in die Zeit gesetzten Form und ließ die oft als blockhaft aufgefasste Architektur zu einem organischen Fluss werden. Dazu nahm er durchaus Änderungen im Tempo vor, nahm es zurück und setzte ein Ritardando, trieb es an; dies aber nicht (allein) als Ausdrucksmittel, sondern zur Gliederung, vor allem dann, wenn ein neues Thema einzuführen war. Er dirigierte, wie immer, mit sehr plastischer, beschreibender Zeichengebung und phrasierte wie gewohnt genau ab. So gelang der Übergang von der Durchführung in die Reprise im Kopfsatz ganz schrittweise. Der vielleicht komplizierteste Übergang im ganzen Werk, der im zweiten Satz vom ersten in das zweite Thema führt, klang geheimnisvoll wie nie gehört. Mit den markant akzentuierten drei Tönen aus dem Hauptthema führt er auf sehr eigene und doch überzeugende Weise auf den groß klingenden C-Dur-Höhepunkt. Die so kurze Zeit zum Proben hinterließ aber auch Spuren. So waren die Hörner und Wagnertuben leider an diesem Tag häufig indisponiert, or allem in den Piano-Passagen wie dem Cis-Dur-Tubenchoral am Ende des zweiten Satzes, der empfindlich von falschen Intonationen gestört wurde, und darum nicht in edler Trauer vorgetragen werden konnte.

Im Finale gelang es Thielemann, die dem Satz eingeschriebene Zusammenführung der beiden Hauptthemen, die in ihrer Substanz einander verwandt sind, zum eigentlichen Ereignis der Form werden zu lassen. Die Kunst der organischen Gestaltung war nun nicht mehr gefragt. Es ging darum, in dem wie improvisiert anmutenden Aufbau dieses Satzes das Hauptthema zwar noch als Reprise zu erreichen und doch das Wiedererklingen des Hauptthemas des ersten Satzes in der Coda zum Ziel allen Aufwands zu machen. Hier liefen die Blechbläser zu großer Form auf und ließen das dritte Thema nicht allein zu einer kolossalen Variante des Hauptthemas werden, sondern markierten mit ihm die Spiegelachse des Finalsatzes, von der ab die Themenfolge des Satzes rückwärts lief.

Großer Beifall für ein denkwürdiges Debüt eines Berliners in Berlin. Dennoch sei zum Schluss Blomstedt gute Besserung gewünscht. Es bleibt zu hoffen, dass er im dritten Anlauf das Konzert mit der Staatskapelle doch noch dirigieren kann. Der erste Termin war vor zwei Jahren der Pandemie erlegen.

****1