Ein Stück amerikanische Kultur wollte der deutsche Immigrant Kurt Weill seiner neuen Heimat schenken, als er sich daran machte, Gedichte des großen amerikanischen Lyrikers Walt Whitman zu vertonen. In diesem Jahr würde Whitman seinen 200. Geburtstag feiern und daher ist es kein Zufall, dass der Whitman-Fan Thomas Hampson und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Dichter mit Weills Four Walt Whitman Songs bei ihrem Konzert im Herkulessaal würdigen wollten.

Thomas Hampson © Peter Meisel
Thomas Hampson
© Peter Meisel

Diese Gedichte, die Weill aus Whitmans Opus magnum Leaves of Grass aussuchte, verarbeiten die Erlebnisse des amerikanischen Bürgerkrieges. Berühmt geworden ist die posthume Hommage „Oh Captain, my Captain“ an den Präsidenten Lincoln, dem sich Whitman sehr verbunden fühlte. Weill gestaltet aus den Texten Lieder mit typisch amerikanischem Charakter, die stark von Weills Arbeiten für das Musiktheater beeinflusst sind. Eine gewisse Prise Broadway können die Lieder besonders in der orchestrierten Version nicht verleugnen. Für den Entertainer Hampson boten die Lieder daher erwartungsgemäß viel Möglichkeit, diesen mit seiner Ausdruckskraft plastische Eindringlichkeit zu verleihen. Hampson ist bei all seinen Verdiensten um die Liedkunst zu allererst Opernsänger mit enormem schauspielerischem Talent. Mal stählend forsch, mal lyrisch fein zeigte sich Hampson als starker Erzähler mit vollem, rundem Stimmkern in der Mittellage, der in den Höhen teilweise aber etwas dünner wurde. Jansons erkundete die Qualitäten der Instrumentation, die teils von Weill selbst, teils von Irvin Schlein und Carlos Surinach stammen, ähnlich akribisch. Vor allem durch den umfangreichen Einsatz von Schlagwerk entwickelten die Lieder eine starke Farbkraft.

Mariss Jansons © Peter Meisel
Mariss Jansons
© Peter Meisel

Auch die anschließenden Pini di Roma von Ottorino Resphigi sparen in ihrer Monumentalarchaik nicht an klanglicher Farbenvielfalt. Morbide Katakomben-Impressionen treffen auf mediterranes Vogelgezwitscher im Pinienhain und werden schließlich von stampfenden Römerlegionen regelrecht überrollt. Jansons aber wusste mit den überfließenden Klängen umzugehen, dosierte sie gut und scheute dennoch keine Extreme. So ungebremst und mühelos, wie Jansons die Stimmungen der einzelnen Sätze aufeinanderprallen lässt, zeigt, wie sehr er und das Orchester sich auf die vier einzelnen römischen Impressionen der symphonischen Dichtung einließen. Daraus resultierten musikalische Erzählbögen mit Sogwirkung. Für die abschließenden Pini della Via Appia positionierte Jansons die Ferntrompeten und -posaunen an vier Positionen auf der Empore des Herkulessaals um die Bühne verteilt. Auf dem Höhepunkt erhoben sich die einzelnen Stimmgruppen nacheinander von ihren Sitzen – als Kraftschub und Showeffekt gleichermaßen. Das Ergebnis bleibt jedoch ungetrübt ein riesiges Spektakel.

Bereits vor der Pause hatte sich das BRSO Beethovens Zweiter Symphonie gewidmet, die wie die Achte stets etwas im Schatten ihres übermächtigen Nachfolgewerks steht. Dabei zeigte Jansons mit seinem frischen Ansatz, dass gerade auch die Zweite einiges an musikalischer Sprengkraft zu bieten hat und nicht bloß als verschämter Lückenbüßer für den Leinwandsound diente, der die Zuhörer nach der Pause erwartete. Die Symphoniker boten besonders in den Ecksätzen energetische Hochleistung, die in scharfem Kontrast zu den beiden mittleren Sätzen stand. Im Larghetto horchte Jansons die cantablen Linien in großen Bögen mit viel Ruhe und Zeit aus und überspitze die absurden Dynamiken des Scherzos zur packenden Groteske. Dabei wirkte jedes Detail glasklar und sauber herausgearbeitet. Die Symphoniker klangen dicht und trotz üppiger Besetzung wunderbar ausgewogen. Beethoven auf aller höchstem Niveau!

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