In der Kategorie „Musik“ gibt es mittlerweile unzählige Apps für Smartphones und Tablets. Neben Radio - und Musikspieler-Apps besteht ein Teil dieses Angebots aus Anwendungen, mit denen Nutzer ihr Mobilgerät in ein Musikinstrument umwandeln können.

Thomas Hampson verwendet ein Tablet bei seinem Konzert im Pierre Boulez Saal © Peter Adamik | Pierre Boulez Saal
Thomas Hampson verwendet ein Tablet bei seinem Konzert im Pierre Boulez Saal
© Peter Adamik | Pierre Boulez Saal

Es gibt immer mehr Musiker, die mit diesen Apps experimentieren. Stimmgeräte und Metronome auf dem Smartphone gehören schon lange zum Alltag von Laien und Berufsmusikern. Immer öfter steht auch ein Tablet statt der gedruckten Noten auf den Notenständern. Hinzu kommen Rhythmus-und Soundapps, mit denen die Klangpalette herkömmlicher Instrumente um eine Vielzahl elektronischer Elemente erweitert werden kann. Diese Sounds sind vor allem bei der Jugend sehr beliebt. Musikapps bieten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ohne vorheriges jahrelanges Üben aktiv gemeinsam Musik zu machen. Dieses digitale Instrumentarium besitzt damit ein gewaltiges Potential, um gemeinsames Musizieren und vielleicht sogar das Erlernen von Musikinstrumenten zu stimulieren und zu verändern. Die Musikapps holen im Gegenzug aber auch den Alltag von Kindern und Jugendlichen auf die Bühne, wodurch diese im traditionellen Konzertbetrieb oft vernachlässigte Zielgruppe erfolgreich angesprochen werden kann. Das Credo all dieser Entwicklungen ist es, Smartphones nicht aus kulturellen Einrichtungen zu verbannen, sondern sie miteinzubeziehen.


Matthias Krebs, Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin, sagt in einem Interview mit dem CCB Magazin: „Ich beobachte, wie sich digitales und herkömmliches Instrumentarium in Musikprojekten aller möglichen Bereiche wie Konzertbühne, Theater, Proberaum, Bildungsprojekte gegenseitig ergänzen und immer mehr miteinander verschmelzen.“ Seine Zukunftsprognose lautet deshalb: „In zehn Jahren werden hybride Ansätze (also das gemeinsame Musizieren van herkömmlichen Instrumenten mit Musikapps) in allen Musikpraxen etabliert sein und mithin dazu beitragen, die starren Grenzen zwischen unterschiedlichen Musikkulturen aufzuweichen.“ Das von ihm gegründete DigiEnsemble Berlin spielt schon seit 9 Jahren erfolgreich auf Kongressen, Preisverleihungen und auch im Konzertsaal selbst klassische Kompositionen auf Tablets und Smartphones.

Der technologische Fortschritt erweitert nicht nur die kreativen Möglichkeiten der Musiker, er hat auch positive Auswirkungen auf die Zuschauer. Mit der App des holländischen Jazztrios Tin Man and the Telephone kann das Publikum den Konzertverlauf direkt beeinflussen und gemeinsam darüber abstimmen, in welcher Stimmung und welchem Tempo weitermusiziert wird.


Ähnliche Experimente gab es schon in klassischen Kammermusikkonzerten, bei denen das Publikum aus einer Reihe von vorbereiteten Stücken eine Wahl treffen konnte. Mit Hilfe einer App auf den allgegenwärtigen mobilen Telefonen könnte schon bald auch ein zahlenmäßig größeres Publikum über den Konzertverlauf mitbestimmen. In unserer modernen Gesellschaft, in der den individuellen Bedürfnissen von mündigen Bürgern immer mehr Rechnung getragen wird, ist das ein folgerichtiger Schritt.

Eine andere Möglichkeit von Apps machen sich schon häufig Museen zu Nutze. Dort kann man digitale Führungen downloaden, die der Besucher sich vor jedem Ausstellungsstück auf Wunsch anhören kann. Ein ähnliches Konzept hat das Philadelphia Orchestra auf den Konzertsaal übertragen: LiveNote heißt deren 2014 entwickelte App. In dieser leider nur in Nordamerika erhältlichen App kann sich der Konzertbesucher während des Konzertes über Hintergründe der Komposition informieren. Ihm wird auf Wunsch das klingende Werk simultan zum Konzertverlauf erklärt und zu ausgewählten Passagen geschriebene Hörhilfen gegeben. Dies stillt das Wissensbedürfnis vieler Konzertgänger, die direkt zur gehörten Musik passende Hintergrundinformationen mitlesen möchten. Da diese App aber ohne Schirmlichtreduzierung konzipiert ist und die Informationen nicht automatisch auf dem Bildschirm erscheinen, ist die Bildschirmbenutzung nur in extra ausgewiesenen Bereichen (Balkon) erlaubt, damit die Sitznachbarn nicht gestört werden.


Eine vergleichbare App ist auch für Europa durch Johan Idema entwickelt worden und heißt Wolfgang. In den Niederlanden und Belgien wird diese Konzertführer-App schon seit drei Saisons von mehreren Veranstaltern, Festivals und einigen Symphonieorchestern in Konzertsälen verwendet. Diese App wurde inzwischen bereits 20.000-mal heruntergeladen und funktioniert mit reduziertem Bildschirmlicht, ohne dabei ihre Nachbarn mit geräuschvollem Blättern in Programmheften zu stören.


Die Münchner Symphoniker sind in der laufenden Saison die Ersten in Deutschland, die diese Konzert-App in Deutschland verwenden. Seit Oktober 2018 wird bei ausgewählten Abonnement-Konzerten des Orchesters über die Wolfgang-App Synchroninformationen zu einem Werk des Programms angeboten. Die Reaktionen des Publikums sind vor allem bei der älteren Generation sehr zustimmend, da der Telefonschirm nicht ständig beleuchtet bleibt und die Texte sich durch ihre Prägnanz und Kürze auszeichnen. Auch ein erfahrener Konzertbesucher kann über die Wolfgang- App Höranregungen bekommen, mit denen ein altbekanntes Repertoirestück wie neu erklingt. Dabei spielt sicher auch eine Tatsche aus der Neurobiologie eine Rolle: Ein Musikinstrument, auf welches man aufmerksam gemacht wurde, hört man dann auch gleich besser.


Das Concertgebouw Orchester hatte vor einigen Jahren mitgeholfen, die hierfür erforderliche Technologie mit einem von EU-Geldern geförderten Projekt namens Phenicx noch weiterzuentwickeln. Mit dem im März 2016 erfolgreich in Barcelona getesteten Prototypen ist es möglich, jede Partitur live mitzulesen und an Hand der Noten musikalische Strukturen deutlich werden zu lassen. Leider wird an diesem Projekt momentan nicht mehr weitergearbeitet. Das Ablenkungspotential von derartig ausgefeilten Apps im Konzertsaal wurde von den Verantwortlichen als zu groß eingeschätzt. Ein Teil der bei Phenicx entwickelten Technologie wird jetzt in einem Folgeprojekt mit dem Namen Trompa dazu verwendet, um die unschätzbare Fülle von europäischem historischen Notenmaterial für Musikliebhaber und Berufsmusiker zugänglich zu machen.