Die Academy of St Martin in the Fields (ASMF), Julia Fischer an der Violine, Yulianna Avdeeva am Klavier und die Premiere eines neuen Violinkonzertes waren schon viele Attraktionen für einen Abend. Dass Julia Fischer auch die Leitung des Orchesters übernahm, erschien in dieser Situation sehr sinnvoll, trug jedoch im Vorfeld zusätzlich zur Spannung bei, mit der ich das Konzert erwartete.

Julia Fischer © Felix Broede | Decca
Julia Fischer
© Felix Broede | Decca

Am Anfang des Konzertabends stand die Premiere des Violinkonzertes von Andrey Rubtsov. Die ASMF, nur in Streicherbesetzung angereist, begleitete Julia Fischer durch das eigens für sie komponierte Werk - ein Umstand, der sich aus der gewachsenen Künstlerfreundschaft zwischen Komponist und Solistin ergab. Gleich im ersten Satz, der einem Scherzo ähnlich ist, wird der stilistische Rahmen des gesamten Konzertes festgelegt, das sich nicht weit aus romantischen Gefilden heraus bewegt. Die Solistin trat hier mit klaren, bisweilen fast schneidenden, hohen Tönen auf; raffinierte Sekundkaskaden konnte Fischer nutzen, um zeitweise tiefer in das Orchester hineinzuspielen. Immer wieder spielte die Komposition mit dem Kontrast zwischen einer gegenseitigen Umarmung und einem Abstoßen zwischen Orchester und Solistin.

Im zweiten, langsamen Satz breitete das Orchester ausgedehnte Harmonieflächen aus, die bisweilen überraschende Verläufe zeigten. Julia Fischer bot viel Gefühl bei den vielen einprägsamen, teils eindringlichen Melodien. Viel Leitung von war ihr hier nicht erforderlich; alle Musiker bewegten sich mit blindem Verständnis durch das Werk. Im dritten Satz - Rondo - wechseln die Streicher oft zwischen schnellen Tonfolgen und markanten Abschlägen. Im Gegensatz zu manch anderem Konzert hatte dieser letzte Satz wenig Festliches, sondern war eher auf schnelles Tempo bedacht. Dennoch aber schwebte die Solostimme oft über den unruhig aufwühlenden Streichergebilden, die aber nie bekannte Harmonien verließen. So trug das Orchester die Solistin, um sie im nächsten Moment wieder zu vereinnahmen.

Für die Streicherserenade von Peter Iljitsch Tschaikowsky setzte sich Fischer zum Orchester. Man wusste, die Musiker spielten eines ihrer Paradestücke, und das hatte etwas Magisches. Die ASMF spielte die Serenade so schnell wie wohl kein anderes Orchester. Dadurch wirkte das Werk nicht so breit und schwer, sondern war leichter mit deutlicherer agogischer Dymanik darzubieten; dennoch führten die Musiker es mit einer unglaublichen Präzision aus. Bei solch einer grundlegenden Entscheidung für hohes Tempo gehen eigentlich notwendigerweise Details verloren; nicht bei der ASMF. Keine Phrasierung wurde verschlampt, selbst die Balance der Instrumentengruppen zueinander war ein Genuss. Sowohl Julia Fischer als auch dem Orchester merkte man beim spielen die Freude über diese Energie und Explosivität an. Das war purer Spaß am Musizieren.

Viele Orchester haben Schwierigkeiten, den zweiten Satz wirklich tänzerisch zu spielen; er ist in den rhythmischen Stimmen nun mal kein typischer Walzer. Aber auch hier nutzte das Orchester sein hohes Grundtempo und brachte richtig Bewegung in den Vortrag, um dann die letzten Takte doch leicht und mit Witz ausklingen zu lassen. Im nächsten Satz kamen die Musiker etwas zur Ruhe; das Ensemble wurde an manchen Stellen richtig still, ohne aber den Nachdruck im Setzen der Töne zu verlieren. Immer waren die Linien definiert und gut ortbar. Man sah den Musikern dann aber im letzten Satz auch die Lust an, wieder furios aufzuspielen, die Geigen mit klarem, hohem und vielschichtigen Klang. Die schiere Geschwindigkeit war stellenweise atemberaubend, aber immer kontrolliert, nie zu schnell oder gar ungenau. Die Präzision war nicht verflogen, und die Musiker schwelgten geradezu in agogischer Gestaltung. So rief die Serenade beim Publikum den größten Zuspruch hervor, bevor es in die Pause ging.

Yulianna Avdeeva © Harald Hoffmann
Yulianna Avdeeva
© Harald Hoffmann

Yulianna Avdeeva ergänzte die Besetzung am Klavier dazu für das Doppelkonzert für Streichorchester, Violine und Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy. Avdeeva ist eine sehr agile Pianistin; sie mag Tempo und hat viel Bewegung im Spiel, geht gerne pointiert in die Tempi hinein. Für das Orchester war es ob der eher untergeordneten Rolle nicht ganz einfach, sich zu zeigen. Die ASMF aber wollte das an diesem Abend so nicht hinnehmen und erspielte sich während des gesamten Werkes konstant seinen eigenen Platz, erzählte ihre eigene Geschichte und nutzte ihr hohes Maß an authentischem Charakter und ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten dafür auf beeindruckende Weise.

Julia Fischer war im ersten Satz des Konzertes sehr souverän, phrasierte gerade hohe Passagen mit Vielfalt und Tiefe, um dann im zweiten Satz zusätzlich ihren perfekt dosierten Vibratoeinsatz in den Vordergrund zu spielen. Dort verband sich das Spiel beider Solistinnen etwas mehr, und Avdeeva zeigte mit ihrem hypnotischen Spiel der ruhigen, langsamen Passagen zusätzliche Vielfalt. Insgesamt hätte ich mir aber noch etwas mehr Emotion in der Interpretation der beiden Solistinnen gewünscht; richtige Gefühlshöhepunkte blieben leider aus. Die brachten die beiden dann aber in der Zugabe, für die sie das Scherzo aus der F-A-E Sonate von Johannes Brahms begeisternd und eindrucksvoll vortrugen, und so einen passenden Abschluss für diesen einmaligen Abend setzten.

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