„Sowohl in Mahlers Musik als auch in zeitgenössischen Werken schafft er magische Momente. Ganz so, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt“, begründete die Jury ihre Entscheidung, den 30-jährigen Briten Finnegan Downie Dear als Gewinner des Mahler-Wettbewerbs 2020 auszuzeichnen, in dem er die Bamberger Symphoniker in einer Vielzahl von Werken dirigiert hatte. Inzwischen Chefdirigent des preisgekrönten Ensembles der Shadwell Opera London, das durch Inszenierungen bedeutender Werke des 20. Jahrhunderts auffällt, wird er zunehmend für seine Beherrschung komplexer Partituren und seine intensiven und reifen Darbietungen anerkannt.

Finnegan Downie Dear bei der Probe in Bamberg
© Andreas Herzau

Nun ist er wieder zum Bamberger Orchester zurückgekehrt und macht mit ihm eine kleine Tournee durch fränkische Städte. Im Gepäck eine bewundernswert mutige Programmfolge, deren Werke alle einen besinnlichen wie nachsinnenden Charakter aufweisen. Und vom ersten, fast unhörbar leisen, warmen und innigen Gesang der Celli in Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde an spürte man, wie beide Partner sich fabelhaft verstehen, vom süß ins Ohr dringenden fallenden rätselhaften Akkord weite Bögen zur unendlichen Melodie spannten, die sich am Ende zum rauschhaften Klangergebnis und -erlebnis des Liebestodes in überwältigende, gleichwohl konturierte Entladungen zu steigern vermochte.

Thomas Hampson bei der Probe in Bamberg
© Andreas Herzau

Thomas Hampson begeistert weltweit in Opernrollen ebenso wie im Musical oder Kunstlied. Im Fürther Stadttheater brach er eine Lanze für Alban Bergs eher selten zu hörende Sieben frühe Lieder; in der Liedtradition des 19. Jahrhunderts tauchen allenthalben melodische und gestalterische Charakterzüge von Schumann, Brahms und Wolf auf, von Berg jedoch stets individuell aufgegriffen und verarbeitet. Noch sind kaum Hinweise auf Schönbergs harmonische Kühnheiten zu hören. Während die meisten Lieder für Klavierbegleitung gesetzt sind, hat Berg eine Auswahl 1928 auch in Orchesterfassung herausgegeben. In ihnen verbindet sich nun die romantisch impressionistisch geprägte Tonsprache des jungen Kompositionsschülers mit der Klangfarbenkunst des erfahrenen Tonsetzers – eine faszinierende Kombination.

Schon in der Nacht („Weites Wunderland ist aufgethan“) eines Carl Hauptmann beeindruckte Hampson mit der gesamten Registerbreite zwischen sonor klangvoller Tiefe und silbrig-obertonreichen Brillieren in der Höhe. Das fünfte Gedicht Herbstsonnenschein ist nur von Bläsern und Harfe begleitet, von Hampson gestenreich wie eine Anekdote erzählt. Rilkes Traumgekrönt auf breitem Streicherteppich der Bamberger, von Hampson mit lächelnder Erinnerung an den lieben und leisen Märchentraum der Nacht vorgetragen. Und in hellen Vokalen und strahlend offenen Jubeltönen Theodor Storms Nachtigall, deren Melodie mit Hampson zum Ohrwurm werden könnte: so charmant wie er diese Miniatur am Ende als Zugabe anfügte, noch tänzerischer und süffiger als beim ersten Mal.

Finnegan Downie Dear und Thomas Hampson bei der Probe in Bamberg
© Andreas Herzau

In Jonathan Harveys pulsierendem Essay Tranquil Abiding (Ruhiges Verweilen) aus dem Jahr 1998 wird die Idee eines walking bass zum walking breath: meditativ ruhige Züge einer instrumentalen Stimmlinie kreuzen sich mit der voluminösen Kraft oszillierender Akkordbewegungen in herausgehobenen Orchestergruppen. Ein durchgehender Atemrhythmus tiefer Streicher besteht aus einem „Einatmen“ auf einer oberen Note, gefolgt vom „Ausatmen“ auf einer tieferen. Während der Atem an organischer Kraft gewinnt, kreisen unabhängige Holzbläser oder die erweiterte Percussion von Harveys Orchestrierung, komplett mit orientalischen Glocken, rauschenden Bambusbündeln und Gongs, in Wellen wie flimmernd klangliches Leben über die Oberfläche. Das von Downie Dear und den Bambergern eindringlich musizierte Werk, von Harvey als „Zustand von nach innen gekehrter Konzentration“ beschrieben, ist typisch dafür, wie Buddhismus und fernöstliche Philosophie seine Musik durchdringen.

Tiefes Atmen und dem Glitzern des Meeres nachsinnen: auch in Claude Debussys La Mer wird hörbar, wie die unergründliche Wasserfläche die Menschen seit eh und je in ihren Bann zieht. Spiel der Wellen oder Zwiesprache zwischen Wind und Meer: je nachdem, wie scharf man den Blick stellt, sieht man einzelne Wassertropfen hüpfen oder verliert sich in der unendlichen Weite des Horizonts. Hatte Downie Dear zuvor meist ruhig mit ausgebreiteten Armen Zeichen gegeben, setzte er nun energischere Impulse, achtete auf gemeinsamen Fluss und Atem zwischen Dirigent und Orchester. In herrlichen Soli sowie märchenhaftem Tuttitaumel führte er die Musiker durch Debussys Ideenwelt vom Meer, ließ das Orchester dichte Klangbilder voll schillernder Farben und Tiefenwirkungen malen. Da schienen die Elemente sich zuzuraunen, welche Kräfte sie gegeneinander entfesseln könnten: Brise oder Sturm, strahlender Sonnenschein oder kühlendes Gewitter. Am Ende vereinigten sich die Stimmen zu hymnischen Gesang, mit dem die Musiker die Orchesterskizzen majestätisch und leuchtend ausklingen ließen.

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