Ein erfolgreiches Volkslied nutzen und ihm für die Kunstmusik ein neues attraktives Gewand überwerfen! Den populären Follia-Tanz des 16. Jahrhunderts wandelten Vivaldi, Giuliani und andere geschickt ab, und auch die Chants d'Auvergne brachten es im neuen Outfit von Canteloube zu Weltgeltung. In seinen 1964 erschienenen Folk Songs vertraute der italienische Komponist Luciano Berio, einer der Pioniere experimenteller wie elektronischer Kompositionen, volkstümliche Wiegen- und Liebeslieder aus Italien, Frankreich und Amerika einer Singstimme und kleinem Orchester an, der „außergewöhnlichen Kunst der Cathy Berberian“, seiner Ehefrau, gewidmet. Mit nur dezenten Eingriffen in die Liedstruktur und ihren sanglichen Melodielinien damals sicher ein Schock für die avantgardistischen Kollegen der zeitgenössischen Neutöner-Szene!

Antoine Tamestit und Jonathan Nott © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Antoine Tamestit und Jonathan Nott
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Viel weniger eingängig geriet 1985 Berios neuerliche Volkslied-Komposition Voci, die das ORF Radio-Symphonieorchester mit Jonathan Nott zu den Salzburger Festspielen brachte. Berio wollte sich mit dieser Musik identifizieren, zugleich seiner Lust freien Lauf lassen, sie für eigene Experimente einzuspannen. Sein Freund Aldo Bennici, Bratscher und auch Uraufführungs-Solist, hatte ihm Volksweisen aus seiner sizilianischen Heimat zusammengesucht. Doch an Stelle der Singstimme lässt Berio den voluminösen Stimmkörper einer Viola zum Ausdrucksmittel von Liebe, Lebensleid und Tod werden, malt in der Partitur auch die räumliche Aufstellung zweier dicht instrumentierter Orchestergruppen um die herausgehobene Viola aus. Die teils sehr berührenden Worte dieser alten Lieder treten in den Hintergrund; durchaus mehrdeutig nannte Berio seine Komposition Voci, erweiterte die gedankliche Reflexion der Liedinhalts noch in der komplexen Konstruktion des Werkes und der Abstraktion vom Wort. Bennici beschrieb den starken Einfluss des intensiven Sonnenlichts auf Sizilien, weil jeder Persönlichkeit auch eine „Schattenseite” anhafte: beide zusammen führten zu ständiger Beschäftigung mit dem bewegten Leben wie dem strengen Tod.

Antoine Tamestit, gefragter Solo-Bratschist in Konzerten und Kammermusik, setzt diese Voci seit vielen Jahren auf die Programme seiner weltweiten Auftritte mit führenden Symphonieorchestern. Die archaisch wirkende Weite der Felsenreitschule wurde in Salzburg zum idealen Ort für Berios komplexe Vorstellung der räumlichen Spannung zwischen Soloinstrument und den beiden Orchestern, deren eine Hälfte sich Streicher-dominiert dicht um den Solisten scharte, der zweite Teil, insbesondere Bläser, auf langem linearen Podest unter den dreigeschossigen Arkaden platziert war; zwei Schlagzeug-Zentren flankierten dieses Spielfeld. In seinem schon traditionellen Festspielauftritt in diesem Umfeld konnte das ORF-Radio-Symphonieorchester seine Kompetenz in schwierigster moderner Musik beeindruckend unter Beweis stellen; Jonathan Nott, derzeitiger Künstlerischer Leiter des Orchestre de la Suisse Romande, hielt umsichtig die Fäden der dicht verwobenen Klangstränge in den Händen und formte eine mitreißende, ja magische Präsentation, in der das Orchester in vielerlei ostinaten wie perkussiv gemeißelten Szenen die raue Lebensumgebung des imaginären Sängers widerspiegelte. Aus Antoine Tamestits zauberhafter Modellierung klangen trotz enormem Schwierigkeitsgrad seiner Partie immer wieder die einprägsamen Melodiebögen der heimatlichen Lieder, schienen aufregend glitzernde Tonkaskaden im Gleißen des sizilianischen Sonnenlichts zu funkeln. Mit seiner biegsamen Körpersprache drückte er zudem gleichsam tänzerisch die Bewegung der Lebenslinien aus. So wenig spektakulär wie der Anfang war auch das Ende der Musik, ein Volksmusik-Schluss eben. Das oft gescholtene Salzburger Festspiel-Publikum war fasziniert, spendete dieser Omaggio a Berio langen Beifall.

Jonathan Nott © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Jonathan Nott
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

In seinen 16 Jahren als Chefdirigent der Bamberger Symphoniker ist Jonathan Nott insbesondere für die überzeugende künstlerische Kooperation mit den Musikern bei seinem Mahler-Zyklus gelobt worden. Die ORF-Radio-Symphoniker, hier noch nicht unter der designierten neuen Chefdirigentin Marin Alsop (die damit eine der bisher wenigen Festspiel-Dirigentinnen hätte werden können!) waren von Nott hörbar auf seine Mahlersicht eingeschworen worden.

Kleine Wackler zu Beginn fielen da nicht ins Gewicht; es war phänomenal, wie Nott den falschen Pathos der Titan-Benennung (die Mahler selbst ja wieder kassiert hatte) vermied zu Gunsten eines konzentrierten Einhörens in das Aufwachen der Natur im ersten Satz, das verschämte Genießen der Lindenbaum-Romantik im zweiten, den Gesang der verschatteten Moll-Variation des bekannten Kanon über den Bruder Jakob im dritten. Atemberaubend, wie er den Beginn des ersten Satzes aus einem flirrenden Nichts entstehen ließ, ihm ganz allmählich Kontur und Bewegung verschaffte. Voll tiefen Eindrucks gelangen die ironischen, ja parodistischen Töne des Trauermarschs, mit einem wunderbar schrägen Kontrabasssolo ebenso wie den subtilen Zwischentönen des Con-sordino-Trioteils, wenn die ersten Geigerinnen ihre Moll-Seufzer ständig wieder herauskehrten.

Nott und die exzellenten Orchestermusiker beeindruckten darin, über wie viele Takte ein Crescendo oder Diminuendo bewusst gestaltet werden kann und der Hörer erstaunt erleben durfte, wie feinste Abstufungen zwischen pp und ppp Mahlers Musik meisterhaft machen. In der exemplarischen Deutung des Werks gelang es beiden, die extrem unterschiedlichen Charaktere des Werks, vom Kuckucksruf über Klezmer bis zu fast infernalischem Orchester-Getümmel am Schluss, wenn sieben Hornisten sich dazu noch erheben, unter einen Bogen zu spannen. Dass so viel Volksliedton in dieser Musik steckt, dass Straße und Jahrmarkt, Kaserne und Natur ihre Idiomatik im Werk hinterlassen haben, wurde zur beglückenden Stimmen-Parallele mit Berios Voci.

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