Mit Bernsteins Serenade nach Platons Symposion und Schostakowitschs Vierter Symphonie präsentierte das Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons beim Lucerne Festival ein zeitnahes Werkpaar, welches unterschiedlicher kaum sein könnte. Die Bostoner sind nicht oft in Europa zu hören. Umso mehr interessiert neben der Musik auch der Vergleich der Kulturen: wie weit haben sich die Neuengländer aus dem Dunstkreis Europas gelöst?

Andris Nelsons © Lucerne Festival | Patrick Huerlimann
Andris Nelsons
© Lucerne Festival | Patrick Huerlimann

Selbst wenn Neuengland noch als der europäischste Teil der Vereinigten Staaten gilt, es offenbarten sich doch einige Unterschiede. Das begann bereits beim Auftritt. Das Orchester tröpfelte über eine Viertelstunde völlig ungeordnet auf das Podium, danach wurde gefiedelt und geschwatzt was das Zeugs hält, bis irgendwann die Konzertmeisterin zum Stimmen aufforderte. Im Konzert wandelte sich jedoch das Bild. Bei Anwesenheit des Dirigenten funktionierte das Orchester sehr diszipliniert, wie eine perfekt geölte Maschine. Von Hierarchie, geschweige denn von Demokratie war wenig zu spüren. Der Dirigent hielt die Zügel fest in der Hand und selbst die Funktion der Konzertmeisterin schien untergeordnet.

Bernsteins Serenade wird nicht oft aufgeführt. Der 100. Geburtstag des Komponisten und populären Dirigenten mag der Hauptgrund für ein angelegentliches Wiederauftauchen dieses Werks sein. Als Komposition steht die Serenade auf einem hohen intellektuellen Sockel: die philosophischen Inhalte aus Platons Symposion erschließen sich dem Hörer ohne vorangehende Beschäftigung mit dem Stoff kaum. Zudem ist das Werk mit seinen beständigen Taktwechseln rhythmisch sehr anspruchsvoll, in der Intonation gar kaum sauber zu realisieren. Im Gegensatz zur Komplexität des intellektuellen Konstrukts präsentiert sich die Serenade randvoll mit typisch Bernsteinschen Topoi, mit deutlichen Einflüssen von Jazz und jüdischer Musik. Zwar erkennt der Hörer wiederauftretende melodisch-rhythmische Elemente, die Melodien selbst sind jedoch eher kurz, musikalische Entwicklungen innerhalb eines Satzes (im Sinne konventioneller Formsprache) kaum zu erkennen. Nur der Vielfalt musikalischer Einfälle ist es zu verdanken, dass sich das Werk nicht schon innerhalb einer Aufführung verbraucht.

Baiba Skride © Lucerne Festival | Patrick Huerlimann
Baiba Skride
© Lucerne Festival | Patrick Huerlimann

Baiba Skride spielte die Serenade auswendig, technisch, speziell rhythmisch und sehr sicher. Der helle Klang ihrer Stradivari ist für diese Musik ideal, trug auch in extremen Höhen und im Piano, natürlich unterstützt vom in der Komposition angelegten Spaltklang. Letzterer erschwerte im Solopart die saubere Intonation und nicht alles gelang ganz nach Wunsch, etwa der sehr exponierte Schluss des ersten, langen Solos im Phaedrus, oder im ersten Solo des Schlusssatzes, Sokrates: Alcibiades. Zeitweise war es ein intendiertes (und durchaus genussvolles) Klangbad in Dissonanzen. Ich halte es zumindest für möglich, dass Divergenzen in der Intonation teils darauf zurückzuführen waren, dass das Orchester durchweg zu einer relativ spannungsarmen, rein temperierten Stimmung tendierte, während die Solistin freier intonierte, beispielsweise Leitintervalle bewusst enger nahm. Skride interpretierte auch rhythmisch nicht stur, behielt in Motiven (etwa in den Kadenzen) eine gewisse Flexibilität. Ihr Landsmann am Dirigentenpult führte das Orchester äußerst sicher, begleitete aufmerksam durch die zahllosen Takt- und Tempowechsel und rhythmischen Verschiebungen. Sichtlich liegen dem Orchester diese Jazz-Elemente.

Boston Symphony Orchestra © Lucerne Festival | Patrick Huerlimann
Boston Symphony Orchestra
© Lucerne Festival | Patrick Huerlimann

Die Vierte Symphonie von Schostakowitsch ist Teil von Andris Nelsons' Projekt einer Gesamtaufnahme sämtlicher Symphonien dieses Komponisten. Dementsprechend zeigte sich Nelsons als Kenner dieser Materie. Er setzte auf Präzision, klare dynamische Konturen und trennscharfe rhythmische Wechsel. Das Orchester war durchweg sehr virtuos, glänzte mit ausgezeichneter Koordination, Transparenz, hervorragendem Blech und homogenem, oftmals intensivem Streicherklang. Angesichts der Größe des Klangkörpers war es nicht weiter verwunderlich, dass Nelsons vom feinsten Pianissimo bis zum beinahe erdrückenden Fortissimo über eine breite dynamische Palette verfügte. Da blieben kaum Wünsche offen – vielleicht, dass das Blech bei der galoppierenden Klimax einmal ganz geringfügig hinter der Perkussion herhinkte. Der Mittelsatz spiegelte Abstraktion, zugleich gelöste, spielerische Heiterkeit. Neben dem hochvirtuosen Klarinettensolo überzeugte auch, wie Nelsons zum Schlusssatz hin die Spannung zu steigern vermochte. Das Finale beginnt im Fagott über ruhigem Pulsschlag: Spannung, Präzision, großräumiger, konsequenter Aufbau, breite dynamische Bögen, das Metronom-artige Pulsieren der Pauken, das eindrückliche Donnerrollen der großen Trommel führten den langen Satz in die Klimax. Es war mehr als bemerkenswert, wie Nelsons es schaffte, dass auch bei monotonem Grundschlag über lange Strecken hinweg die Anspannung nie einen Deut nachließ, bis hin zum langen Verklingen des Schlusses, und in der atemberaubend-langen Stille danach.

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