Paula Murrihy ist keine Latina. Blasser Teint und rote Haare verleihen ihr eine gewisse Coolness, und dennoch kann kaum jemand so gut wie sie das Publikum verführen und um den Finger wickeln. Mit ihrem Rollendebüt als Carmen an der Frankfurter Oper hat sie wohl niemanden kalt gelassen.

Kateryna Kasper (Frasquita), Paula Murrihy (Carmen), Elizabeth Reiter (Mercédès) & Tänzer © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Kateryna Kasper (Frasquita), Paula Murrihy (Carmen), Elizabeth Reiter (Mercédès) & Tänzer
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt

Barrie Kosky hat in seiner Regie das Stück auf Bilder reduziert, die verständliche extreme Emotionen für jeden Zuschauer erkenntlich werden lassen. Dabei hilft, dass die Frankfurter Version von Bizets Carmen zusammen mit dem musikalischen Leiter der Produktion, Constantinos Carydis, überarbeitet und in einer aufs Wesentliche reduzierten Fassung gespielt wurde. Eine charmant erzählende Stimme aus dem Off, gesprochen von Claude De Demo, übernahm dabei die Überleitung der Handlung in die einzelnen Szenen.

Authentizität in der Darstellung wird immer dann greifbar, wenn die Solisten Empathie und Spaß an der Rolle zeigen, und an diesem Abend schien jeder Sänger in seiner Rolle aufzugehen. Kateryna Kasper und Elizabeth Reiter, die die beiden Zigeunerinnen sangen, die um Carmen tänzeln, ließen mit johlenden und rauschenden Stimmen die Atmosphäre entstehen, die die vielleicht etwas zu stolze Carmen würdigt. Reiter und Kasper trällerten und sangen und bildeten mit Murrihys Carmen ein fulminantes Trio, das nicht nur stimmlich harmonierte, sondern auch tanzwütig die Bühne einnahm. Dabei strahlten sie aber immer dieselbe Coolness aus, die auch von Carmen ausgeht, ohne in eine überkitschte Darstellung zu gleiten. Gerade das zeigte den neuen Wind am Saum der Latino-Kleider: Carmen trägt erst eine neumodische, enge Hose mit weiter, weißer Bluse, später ein mit Kordeln verziertes 20er-Jahre-Kleid und schließlich eine schwarzes Ballkleid mit verhängnisvoller Schleppe. Sie erfindet sich beständig neu – Latino, Zigeuner, Hispanier, das sind die anderen.

Paula Murrihy (Carmen) und Joseph Calleja (Don José) © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Paula Murrihy (Carmen) und Joseph Calleja (Don José)
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Joseph Calleja

, der sich als Don José in die mal chice, mal vulgäre Carmen verlieben durfte, bekam zwar kein sprechendes Kostüm, ließ dafür aber eine ansprechende und einfühlsame Klanglichkeit verströmen und zeigte in Spiel wie in Stimme eine Figurenentwicklung, die sein Renommee bestätigte: Klar, hell und schmeichelhaft hauchte er in den ersten Akten von seiner Liebe zu Carmen, bis er dann zum Ende hin, durch Eifersucht verdorben, auch den typisch donnernden Tonus annahm. Auch Karen Vuong verkörperte ihre Rolle mit viel Energie. Als junge und fromme Micaëla, die im Dienste von Don Josés sterbender Mutter stand, versuchte sie, diesen mit klassischer, zarter und mädchenhafter Stimme auf die „gute“, ehrbare Seite zurückzuziehen. Diesem zarten Charme konnte Don José nicht mehr erliegen, auch wenn Karen Vuong eine glaubwürdige und sehr beeindruckende Partie gab, in der ihre Stimme, auch mit dem Rücken zum Publikum, immer leicht wirkte und mit Leichtigkeit trug.

Paula Murrihys Präsenz konnte dann aber doch niemanden unberührt lassen, sowohl auf der Bühne als auch im Auditorium. Das Faszinierende an ihrer Interpretation lag in der Ambivalenz, die bereits in der Rolle angelegt ist, und die sie in den Vordergrund treten ließ, wenn sie in einem Moment von der rebellischen Natur der Liebe sang und diese im nächsten mit einem vulgären Ton untermalte. Es gelang ihr jedoch, nie im heißen Kitsch zu baden, sondern stets natürlich zu bleiben; sie gab sich zu nur selten den lyrischen Modi hin, um verständlich zu bleiben und gab gerne und kontrolliert die befreite Gesangsstimme zugunsten einer sprachlich gefärbten Stimme auf.

Dabei erinnerte sie nicht an eine typische Koloratur-Rolle, sondern zeigte vielmehr eine neue, ganz dezent verführende Carmen, die die Männer nicht offensichtlich betören will, sondern mit diskretem Charme ihren Zauber webt. Mit viel Vergnügen erlag Daniel Schmutzhard als Torero Escamillo diesem Zauber. Er gab eher den Macho, den schnulzigen, selbstbewussten Lover. An ihm wurden die klassischen, spanischen Toréador-Kostüme ausprobiert, die zusammen mit den eitlen Stierkampf-Tänzern einen der wenigen Momente von echter Hispanophilie rahmten.

Daniel Schmutzhard (Escamillo) und Tänzer © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Daniel Schmutzhard (Escamillo) und Tänzer
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt

Trotz der Schnitte und Umarbeitung funktionierte diese Neufassung gut und erwies sich als ausgewogen. Carydis hatte vollste Kontrolle über sein Orchester und spornte es zu dynamischen Ausbrüchen an, besonders beim Marsch oder dem Zigeunerlied, fand jedoch auch immer wieder den Einstieg in die leiseren Stimmungen mit Feingefühl. Chor und Kinderchor überzeugten nicht nur durch Gesang, sondern auch durch agile Bühnenpräsenz, was bei der abgetreppten, puristischen Bühne keine Selbstverständlichkeit ist. Die Choreographie von Otto Pichler schließlich war das Element, was dem Stück zum großen Teil einen durchtriebenen Witz gab - darin blühte nicht nur ein subtilen Jazz tanzender Torero auf. 

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