Den Zuhörern zeitgenössischer Musikkonzerte kann es passieren, dass sie im Konzertsaal sitzen und beim ersten Hören einer komplexen Komposition nicht so recht wissen, was sie davon halten sollen. Wie sehr wünscht man sich dann eine Höranleitung. Bei der Ruhrtriennale in Bochum hatte man diesem Bedürfnis nun Rechnung getragen und für die Aufführung der Universe Symphony von Charles Ives neben den vom Komponisten vorgeschriebenen Musikern auch ein Schauspielensemble mit auf die Bühne gebracht. Diese Schauspieler standen zu Beginn der Vorstellung vor einem Kassenhäuschen an und warteten darauf, eingelassen zu werden. Personen verschiedenen Alters und in unterschiedlicher Kleidung repräsentierten ein interessiertes Publikum, welches uns im Laufe der Vorstellung alle möglichen Reaktionen auf die Musik vorspielte. Damit ließ sich die Musik von Ives auf eine ganz neue Weise erfahren und man fühlte sich im aktiven Hören dieser oft vielschichtigen Musik ein Stück weniger auf sich allein gestellt.

<i>Universe, Incomplete</i> © Walter Mair | Ruhrtriennale 2018
Universe, Incomplete
© Walter Mair | Ruhrtriennale 2018

Die Universe Symphony hatte Charles Ives als ein gigantisches Spektakel schier unausführbaren Ausmaßes geplant. 17 Jahre hatte er daran gearbeitet ohne auch nur einen der drei großangelegten Sätze Past, Present und Future zu vollenden. In den 90er Jahren wurde aus den überlieferten Skizzen verschiedene Aufführungsmaterialien destilliert und (ein)gespielt.

Die Ruhrtriennale ließ unter ihrer aktuellen Intendantin, Stefanie Carp, Christoph Marthaler zusammen mit seinem Co-Regisseur Christoph Rathke einen weiteren Versuch unternehmen, Ives Wunsch zu entsprechen, seine skizzierten musikalischen Gedanken auszuarbeiten. Marthaler hatte diese Aufgabe nicht wörtlich genommen, sondern die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Titus Engel zusätzlich zahlreiche andere Ives Kompositionen spielen lassen. Unterstützt wurden diese dabei vom Schlagquartett Köln, 15 Schlagzeugstudenten aus ganz NRW und 4 Pianisten. 14 Schauspieler/Sänger und das Ensemble Rhetoric Project standen auf der von Anna Viebrock schlicht und hintergründig eingerichteten Bühne. Die ebenfalls von ihr entworfenen Kostüme (auch Engel trug Knickerbockers) erinnerten an Ives‘ Amerika zu Anfang des vorigen Jahrhunderts.

<i>Universe, Incomplete</i> © Walter Mair | Ruhrtriennale 2018
Universe, Incomplete
© Walter Mair | Ruhrtriennale 2018

Marthalers hervorragende und sehr individuelle Charakterschauspieler waren Sänger, Tänzer, Akrobaten, Pantomimen, Clowns und Stimmkünstler in einem. Sie sangen in den aberwitzigsten Situationen, immer auf höchstem stimmlichen Niveau. Ives‘ sechsstimmiger Choral A Christmas Carol klang inmitten des Stahlwerkambientes der Bochumer Jahrhunderthalle, einem Industriedenkmals aus dem Jahre 1902, einfach, schlicht und ergreifend.

Zu Anfang der szenischen Ives-Untersuchung erklang das Prelude No. 1: Pulse Of The Cosmos aus der Universe Symphony. Engel stand zu diesem Zeitpunkt hoch über dem Publikum und dirigierte von dort die polyrhythmischen Strukturen, die von Musikern vor, über und hinter der Publikumstribüne gespielt wurden. Das Ohr richtete sich nach der am wenigsten entfernten Klangquelle, und mit dieser akustischen Gehhilfe konnte man auf die Suche nach den vielen anderen Rhythmen gehen, die unabhängig voneinander wie Planeten ihre Bahnen durch den Raum zogen. Die in ihrer vollen Länge bespielte Jahrhunderthalle kam Ives‘ Klangidee von einer Freiluftaufführung damit schon recht nahe.

<i>Universe, Incomplete</i> © Walter Mair | Ruhrtriennale 2018
Universe, Incomplete
© Walter Mair | Ruhrtriennale 2018

Es erklangen Teile von Ives‘ Vierter Symphonie neben Kompositionen für Harmonieorchester, Liedern und Kammermusik. Die Bochumer Symphoniker saßen die meiste Zeit für die Zuschauer nicht sichtbar rechts hinter der Bühne, nur ein einziges Mal bekamen sie auch einen szenischen Auftritt. Alle Musiker liefen mit ihren Instrumenten hintereinander langsam wie auf einem Laufsteg über die extrem lange Bühne, bevor sie hinter und neben dieser ihre Plätze einnahmen. Trotz schwieriger Sichtverhältnisse und unter Einsatz mehrerer Dirigenten blieb der Orchesterklang dennoch dicht und homogen. Sehr beeindruckend war auch, wie Bendix Dethleffsen und Michael Wilhelmi in den Three Quarter-Tone Pieces für zwei Klaviere über einen Abstand von beinahe 30 Metern zusammenspielten.

Marthaler wäre nicht Marthaler, wenn er nicht auch in diesem ausufernden Musiktheaterprojekt einen zeitlich besonders strukturierten Liederabend versteckt hätte. Zu den neun vorgetragenen Ives-Liedern gehörten auch On the counter und The Cage, dessen letzte Textzeile „Is life anything like that?“ beinahe hundertmal wiederholt wurde. Das passte als altbewährtes Marthaler-Stilmittel zu diesem Lied besonders gut, da sein Text einen Leoparden beschreibt, der in seinem Käfig von einer Seite zur anderen läuft und nur innehält, um zu fressen.

<i>Universe, Incomplete</i> © Walter Mair | Ruhrtriennale 2018
Universe, Incomplete
© Walter Mair | Ruhrtriennale 2018

Der Abend endete nach zweieinhalb Stunden mit einer von Ives‘ bekanntesten Kompositionen The Unanswered Question. Die Antwort auf die Frage wie Ives‘ Universe Symphony in vollendeter Version klingen könnte, war mit diesem Abend immer noch nicht gegeben. Stattdessen gab uns Marthalers Dramaturg Malte Ubenauf im Programmheft diesen Denkanstoß aus Ives‘ Schriften mit auf den Weg: „Aber womöglich war es nie Sinn und Zweck der Musik, den menschlichen Drang nach Deutlichkeit zu stillen. Vielleicht ist es besser zu hoffen, dass Musik immer eine transzendentale Sprache im radikalsten Sinne des Wortes bleiben möge.“ (Ives, 1932)

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