Nach drei aufregenden Opernabenden kulminierten in der Götterdämmerung noch einmal die Qualitäten dieser Budapester Produktion: starke Bilder als Videoprojektionen, glänzende Gesangsleistungen und ein ungemein suggestiver Orchesterklang.

Christian Franz (Siegfried) und Oliver Zwarg (Gunther) © Zsófia Pályi | Müpa
Christian Franz (Siegfried) und Oliver Zwarg (Gunther)
© Zsófia Pályi | Müpa

In der Götterdämmerung wandelte sich die mythische Ort- und Zeitlosigkeit der vorhergegangenen Abende in Bilder der Gegenwart. Wo in der Nornenszene noch schemenhaft ein sich windendes und plötzlich zerreißendes Lichtband das Schicksalsseil andeutete, befinden wir uns in der folgenden Szene zwar nicht in dem „Steingemach” des Wagnerschen Librettos, aber gleichsam in einer Steinwüste von heute - in einem luxuriösen Penthouse-Appartement mit Blick auf die Skyline irgendeiner Großstadt. Man sieht ein offensichtlich verliebtes Paar in morgendlicher Situation, dann den Abschied des Mannes und eine zurückbleibende, in Gedanken versunkene Frau im vielsagenden Gegensatz als Kommentar zur Euphorie des Textes. „Zu neuen Taten, teurer Helde!”, singt Evelyn Herlitzius im Liebestaumel weit ausschwingend mit großer Emphase.

Bei den Gibichungen sind wir in der Welt der Businesspeople. Im Hintergrund sind mit minimalistischen Mitteln einige Geschäftsräume angedeutet: ein paar Designermöbel und Menschen im perfekten Büro-Outfit, die miteinander verhandeln, am Laptop arbeiten oder in einer Zeitung die Börsenkurse verfolgen. Dass vor diesem Hintergrund Hagen, Gunther und Gutrune gerade einen Betrug aushecken, gibt dem Ganzen eine besondere Pointe. Polina Pasztirczák und Oliver Zwarg waren dabei rollendeckend ein eher unspektakuläres Geschwisterpaar; Rúni Brattabergs Hagen fehlte leider neben gewissen Intonationsschwächen die Ausstrahlung dieses mörderisch finsteren Intriganten.

Evelyn Herlitzius (Brünnhilde) und Waltraud Meier (Waltraute) © Zsófia Pályi | Müpa
Evelyn Herlitzius (Brünnhilde) und Waltraud Meier (Waltraute)
© Zsófia Pályi | Müpa

Wir sind wieder in Brünnhildes Appartement, wenn Waltraute mit ihrer heimlichen Mission zu der Schwester kommt. Diese Szene wird durch die präsente Darstellung der beiden Sängerinnen zu einem erneuten Höhepunkt des Budapester Ring-Zyklus. Evelyn Herlitzius und Waltraud Meier gelang eine psychologisch überaus differenzierte und überzeugende Darstellung der Situation, wie die anfängliche Wiedersehensfreude der beiden Walküren in einen erbitterten Streit übergeht. Waltraud Meier machte die Schilderung Waltrautes über die hoffnungslose Situation in Walhall zu einer packenden Erzählung voll feinster Nuancen. Ihre Stimme, im Laufe ihrer langen Wagner-Karriere nicht matt geworden, besitzt eine immer noch strahlende Höhe, dazu eine sonore Tiefe und ist vor allem im Ausdruck beeindruckend prägnant. Anrührend gestaltete sie Wotans verzweifelte Depression mit schleppender Stimme („So sitzt er, sagt kein Wort“), mit Wärme, wenn er wieder Hoffnung schöpft („Noch einmal lächelte ewig der Gott“) und mit vokaler Intensität seinen innigsten Wunsch, Brünnhilde möge den Ring den Rheintöchtern zurückgeben: „Erlöst wäre dann Gott und Welt“.

Brünnhilde dagegen verkennt diese Chance und Evelyn Herlitzius zeigte mit hochfahrender Stimme erneut die Trotzige („Was willst du Wilde von mir?“), womit Brünnhilde alle Warnungen negiert und die letzte Chance zur Umkehr des Schicksals verspielt. In Wagners großartiger Dramaturgie folgt unmittelbar darauf ihre Überwältigung und Verschleppung und damit ihre Entehrung durch Siegfried, der sie in Gestalt Gunthers unter dem Tarnhelm bezwingt. Wie bereits im Rheingold zeigte Christian Franz auch hier eindrucksvolle Präsenz in Stimme und Spiel. Als sei ihm die Situation halb bewusst, gestaltete er Siegfried in dieser Szene mit stockendem Tonfall und fahler Färbung.

Die Traumszene mit Hagen und Alberich zu Beginn des zweiten Akts gewann Ausstrahlung vor allem durch den sich stets erneuernden Klangfarbenreichtum im Orchester. Oskar Hillebrandt konnte als Alberich (wie auch in Siegfried) Péter Kálmáns Ausstrahlung aus dem Rheingold nicht erreichen. Dann präsentierte sich als Hagens Mannen erstmals der Chor des Budapester Rundfunks. Verstärkt durch den Studio Chor Budapest wurden das zwielichtige Momente zwischen Gewalt und Gemütlichkeit – da war Wagners musikalische Intention bestens erfüllt.

Mitglieder des Chores © Zsófia Pályi | Müpa
Mitglieder des Chores
© Zsófia Pályi | Müpa

Große Dramatik schuf Ádám Fischer im Folgenden beim Eidschwur und im Racheterzett, dem zu Beginn des dritten Akts die Ermordung Siegfrieds folgt. Zuvor flirtet er mit den Rheintöchtern und Christian Franz zeigt hier einen unbedarften Helden, der die Zukunft negiert und verblendet nur in der Gegenwart lebt. Wankelmütig verweigert er den mahnenden Rheintöchtern den Ring, dann wieder würde er ihn um den Preis ihrer Gunst hergeben. So bemerkt er auch nicht, in welche Falle Hagen ihn treibt und gibt bereitwillig Auskunft über die Ratschläge, die er seinerzeit vom Waldvogel erhielt. Hier muss der Siegfried-Sänger in die Höhen des Waldvogel-Gesangs hinaufsteigen; das fiel Christian Franz nicht ganz leicht, der Tonfall und der emotionale Ausdruck gelang ihm dagegen sehr überzeugend. Wunderbar zart dann und mit brechender Stimme sang er die letzte Erinnerung an die Brünnhildes. Mit aller Kraft und Wucht im Orchester wurde dann der Trauermarsch ein Moment größter Erschütterung.

Evelyn Herlitzius machte dann aus Brünnhildes Schlussgesang eine wahrhaft strahlende Apotheose der Liebe. Mit voller Stimmkraft, entschiedener und durchaus energischer Höhe, aber auch warmer Empathie gestaltete sie Brünnhildes Abschied von Siegfried und ebenso Wotan und ließ die weise gewordene Frau in diesem Moment über sich selbst hinauswachsen. Noch einmal zeigt das Video lodernde Flammen, die sich mit der Musik zu ungeheurer Wirkung verbinden, dann wieder den Rhein mit seinen schwimmenden Töchtern, bis eine vulkanische Eruption die ganze Welt zum Erlöschen zu bringen schien. Zum hymnisch erklingenden Liebesmotiv zieht sich ein roter Vorhang zu. Eine doppeldeutige Chiffre: einerseits für das von Wotan ersehnte Ende, andererseits für die Aussicht auf eine neue, bessere Welt.

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