Als der türkische Fürst Selim nach Neapel kommt, ist jede Menge Verwirrung vorprogrammiert, vor allem da die lebensfrohe, ins kapriziöse tendierende Fiorilla auf der Suche nach einer amourösen Ablenkung von ihrem langweiligen Ehemann Geronio ist. Mit einer Inszenierung von Christof Loy nahm sich die Bayerische Staatsoper der Rossini-Oper an, die seit ihrer Uraufführung immer ein wenig im Schatten der anderen „Türkenoper“,Il turco in Italia, stand.

<i>Il turco in Italia</i> an der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl
Il turco in Italia an der Bayerischen Staatsoper
© Wilfried Hösl

Loy weckt mit seiner Inszenierung Lust auf die Opera Buffa und gestaltet seine Inszenierung auch im Detail liebevoll aus. Dazu reicht ihm ein reduziertes Bühnenbild, das im ersten Akt auf Grundlage eines vereinzelten Campingwagens ein buntes Zigeunertreiben hervorzaubert. Überhaupt verbreitet die Inszenierung einen gewissen 50er-Jahre-Charme, wenn Olga Peretyatko mit Hauskittel an der Schrankbar steht oder zum Finale der Oper mit ihrem Ehemann vor dem Röhrenfernseher sitzt. Für den orientalischen Charme in Italien sorgen dezente Requisiten und ein fliegender Teppich, der Selim und seinen Kompagnon in Italien landen lässt – an politischer Korrektheit darf man diese Inszenierung nicht messen.

Michele Angelini (Don Narciso) und Olga Peretyatko (fiorilla) © Wilfried Hösl
Michele Angelini (Don Narciso) und Olga Peretyatko (fiorilla)
© Wilfried Hösl

Die Handlung selbst ist dabei sicherlich auch nicht ganz unproblematisch, wenn der Türke dem Italiener die Ehefrau abkaufen will und die Italiener allgemein als nicht zur Treue fähig dargestellt werden. Man hätte sich daher durchaus eine etwas reflektiertere Inszenierung wünschen können. Doch bleibt diese zu häufig an Klischees hängen. Denn einem größeren dramaturgischen Sinn geht Loy dabei nicht nach, sondern setzt mehr auf die Komik des Moments, was bei Rossinis Komödien durchaus sinnvoll ist. Daher wirkt auch die Figurengestaltung wie vom Reißbrett. Die Männer als goldkettenbehängte, triebgesteuerte Machos stehen den Frauen gegenüber, die sich doch nur nach einem ordentlichen Heim sehnen.

Aber Olga Peretyatko wusste damit umzugehen und gestaltete ihre Fiorilla nicht bloß als flatterhafte Ehefrau, sondern brachte auch ihre zerbrechlichen Momente sehr überzeugend herüber. Ihre Stimme strahlte in den Koloraturen mit leuchtender Prägnanz und luftiger Beweglichkeit. Mit ihrem jugendlichen Timbre ist ihr Ton schlank, aber von großer lyrischer Qualität. An ihrer Seite überzeugte gleichermaßen Ildebrando D'Arcangelo, dem die Rolle des machohaften Fürsten auf den Leib geschneidert zu sein schien. Sein volltönender, tragender Bass hatte ein tolles Volumen und klang perfekt im Zusammenspiel mit Peretyatko.

Paula Iancic (Zaida) und Ildebrando D'Arcangelo (Selim) © Wilfried Hösl
Paula Iancic (Zaida) und Ildebrando D'Arcangelo (Selim)
© Wilfried Hösl

Die Rolle von Selims Nebenbuhler, Don Narciso, übernahm Michele Angelini, der mit seinem hohen Tenor eine tolle Entdeckung des Abends war. Mit einem nicht übertreibenden Schmelz gelang ihm seine Arie „Intensi, ah tutti intensi“ mit feurigem Esprit und kraftvollen Spitzentönen. Auch das übrige Ensemble begeisterte mit großer Spielfreude. Sean Michael Plumb fühlte sich in der Rolle als etwas trotteliger Schriftsteller Prosdocimo, der mit zielgenauer Treffsicherheit die wirklich wichtigen Momente der Handlung verpasst, sichtlich wohl. Alessandro Corbelli verfügte als Don Geronio über einen warmen, sonoren Bass und darüberhinaus auch über ein feines Gespür für die Komik in der Musik Rossinis, die er pointiert zu interpretieren wusste.

Unter der Leitung von Antonello Allemandi gestaltete das Bayerische Staatsorchester die Musik mit viel Esprit und Spielfreude. Allemandi hing sich zwar nicht an den Details auf und leider gerieten besonders die Ensemblestellen im Orchester meist zu laut, sodass die Sänger durchaus zu kämpfen hatten, aber dennoch war es eine freudebringende Interpretation, in der Allemandi die Musik energiegeladen und temporeich in Szene zu setzen wusste. Darüberhinaus fügten die Hörner einige schöne klangliche Farbtupfer hinzu.

Der Chor des Bayerischern Staatsoper, die in der Inszenierung mal als Ballgäste, mal als Bühnenarbeiter mit Schriftzug der Bayerischen Staatsoper auf der Bühne standen, rundeten den positiven Eindruck der musikalischen Qualität des Abend mit vollem Klang und einer im Detail genau gearbeiteten Phrasierung ab.

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