Taras Bulba ist eine Rhapsodie für Orchester über eine Novelle von Nicolai Gogol, deren Handlung Leoš Janáček für sein erstes großes Orchesterwerks auf 3 Teile reduziert hat, in denen jeweils der Tod von Bulba und der seiner zwei Söhne Andrij und Ostap beschrieben werden. Erwartungsgemäß erklangen in allen drei Sätzen Röhrenglocken und auch die im großen Saal des Concertgebouws prominent sichtbare Orgel von Michael Maarschalkerweerd kam gleich zu Anfang in Aktion zusammen mit verschiedenen Bläsersolisten des Radio Filharmonisch Orkest. Diese klangen teilweise nervös und erst mit dem warmen vollen Einsatz der Cellogruppe war die Anfangsspannung überwunden.

Edward Gardner © Benjamin Ealovega
Edward Gardner
© Benjamin Ealovega

Im zweiten Satz nahm der Dirigent Edward Gardner flotte Tempi, was den Übergängen jedoch nicht immer gut tat – musikalischer Höhepunkt war hier das exponierte Es-Klarinettensolo. Auch im dritten Satz versuchte Gardner das Orchester im Zaum zu halten. Die Orchestermusiker wollten ihm vor allem auf dynamischem Gebiet nicht immer folgen, wodurch einiges an Dramatik verloren ging. Insgesamt fehlte dieser Aufführung aber leider der Atem und das Rhapsodische

Das Erste Klavierkonzert von Béla Bartók hatte in Sachen Dramatik und Linienführung schon wesentlich mehr zu bieten. Dies war sicher auch zu großen Teilen dem Solisten Jean-Efflam Bavouzet zu danken, der mit herrlich entspannter Gestik und prägnantem Anschlag begeisterte. Auch hier überzeugte die Cellogruppe mit klarem Ton, doch noch auffallender war die jetzt vorzügliche dynamische Differenzierung im gesamten Orchester: über lange Crescendobögen und äußerste Pianissimopassagen kam Spannung auf. Der zweite Satz war ein Kammermusikereignis zwischen der Schlagzeuggruppe und dem Solisten. Auch wenn man sich rhythmisch nicht immer ganz einig war – was auch am großen Abstand zwischen Solist und Schlagzeugern gelegen haben mag – war dieses Andante der Höhepunkt vor der Pause, wozu auch die Bassklarinette im Mittelteil des dreiteiligen Satzes beitrug.

Jean-Efflam Bavouzet © Benjamin Ealovega
Jean-Efflam Bavouzet
© Benjamin Ealovega

Die kurzen Kadenzen im abschließenden Allegro molto spielte Bavouzet sehr abwechslungsreich und voller Energie. Das Orchester überzeugte mit präzisen Einsätzen, zum Beispiel beim Pizzikatoabschnitt, der von den Celli ausgehend die Streicher glänzen ließ. Gardner dirigierte eloquent mit kleinen runden Bewegungen und schaffte es, dass Bartóks Erstes Klavierkonzert mit dieser Interpretation trotz aller Klanggewalt und komplizierter Rhythmik eine wohltuende Ruhe ausstrahlte.

Witold Lutosławskis Dritte Symphonie war der absolute Höhepunkt dieses Nachmittags. Gardner und das RFO hatten sich gefunden und zelebrierten ein einmaliges Konzertereignis (im wörtlichen Sinne dieses Wortes, da die von Lutosławski vorgeschriebene begrenzte Aleatorik eine exakte Wiederholung unmöglich macht). Spannung im Überfluss, aber auch Struktur und ein Erzählduktus, welcher die 30 Minuten dauernde Aufführung wie im Flug vergehen ließ.

Es begann mit dem vier Mal wiederholten E, das man als Hommage an Beethovens Anfangsmotiv der Fünften Symphonie verstehen konnte. Dieses Motiv wiederholte sich im ersten Abschnitt des einsätzigen Werkes regelmäßig. Zwischen diesen Satzzeichen war auch eine Fuge der hohen Streicher zu hören, welche bei den Bratschen begann und auch die Tuba hatte einige große Augenblicke, in denen sie ungemein stark klang. Gardner, der diese Symphonie vor einigen Jahren mit dem BBC Symphony Orchestra eingespielt hatte, war nun sehr entspannt. Er gab in vielen Passagen dem Orchester alle Freiheit und beschränkte sein Dirigat auf ein Minimum. Da begannen die Bässe eine Melodie im Pizzicato, die Celli fügten sich dazu und der Solocellist Michael Müller strich dieselben Noten, was zu einem sehr geheimnisvollen Klangerlebnis führte. Dann Jazzrhythmen im feinsten Pianissimo, kurz darauf Streicherchaos im Fortissimo und darüber ein Xylophonsolo. Gardner kostete alle diese verschiedenen musikalischen Ideen aus, den Blechbläsern ließ er Zeit für ihre Glissandi, die an Tierlaute erinnerten. Ein Schlagzeugkarneval unterbrach immer wieder das Blech und darunter waren nur ab und zu die Streicher im Pianissimo hörbar, die mit einer unisono Melodie den Abschnitt beendeten. Die Celesta spielte deutlich hörbare Melodiefragmente, die durchaus an Telefonklingeln erinnerten. Gegen Ende gab es Anklänge an Mahler mit tiefen Streichern, Harfe und Hörnern und mit aufregenden Soli des melodischen Schlagzeugs ging dieses Konzert viel zu schnell zu Ende.

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