Der Lockdown macht auch vor dem Anwesen der Almavivas nicht Halt und daher musste die Hochzeit von Figaro und Susanna im Theater an der Wien zunächst vom 12. November auf den 29. November verschoben werden und durfte nur im engsten Familienkreis stattfinden – Sänger, Chor und Orchester waren live zugegen, das Publikum konnte per TV-Übertragung dabei sein. Ein bisschen komisch ist das zugegebenermaßen schon, denn man sitzt mit Kuschelsocken und Tee am heimischen Sofa in einer Vorstellung, bei der es für die Künstler keinen Applaus gibt – Premierenfeeling stellt sich dabei kaum ein. Dass diese Vorstellung aber überhaupt gezeigt werden konnte, bietet allerdings Grund zur Freude, denn groß angekündigt wurde bereits Monate im Vorhinein die erste Regiearbeit des Kabarettisten Alfred Dorfer.

Giulia Semenzato (Susanna) und Robert Gleadow (Figaro)
© Moritz Schell

Tatsächlich handelte es sich bei dieser Produktion jedoch um eine Zusammenarbeit zwischen Dorfer und der Regisseurin Kateryna Sokolova; unklar bleibt daher, wessen Handschrift diese Inszenierung nun wirklich trägt. Zu sehen gibt es zunächst die deprimierend kahlen Räume eines Altbaus, der letzte Akt spielt schließlich in einer Straßenbahnremise. Optisch gibt der Abend daher nicht viel her und auch die Ideen beschränken sich auf ein paar semilustige sexuelle Anspielungen von Figaro und die latente Gewaltbereitschaft des Grafen. Wirklich neu oder interessant wird jedoch nichts gedeutet, weder die komischen noch die dramatischen Aspekte des Werks gewinnen an Profil.

Cristina Pasaroiu (La Contessa di Almaviva) und Patricia Nolz (Cherubino)
© Moritz Schell

Deutlich ergiebiger war die musikalische Seite des Abends, denn da trumpfte unter Stefan Gottfried vor allem der Concentus Musicus groß auf. Dieses Orchesters ist für Mozart ideal, denn die Verbindung von historischer Aufführungspraxis und höchster interpretatorischer Qualität ist eine Klasse für sich. Durch die etwas tiefere Stimmung (a = 430 Hz) ergab sich den Abend über ein samtiger, weicher und runder Klang, der die Sänger regelrecht zu tragen schien. Elegant und transparent bewegten sich die Musiker durch Mozarts Werk, verliehen der Geschichte mit kecken Akzenten (insbesondere durch die Holzbläser!) frischen Wind und balancierten mit differenzierten Farben zwischen fröhlicher Heiterkeit und menschlichen Abgründen. Einzig mit den von Stefan Gottfried gewählten Tempi konnte ich mich nicht immer zu hundert Prozent anfreunden, denn einige Arien zogen sich, während andere gehetzt wirkten.

Florian Boesch (Il Conte di Almaviva) und Giulia Semenzato (Susanna)
© Moritz Schell

Nicht nur mit den Tempi, sondern auch mit dem Charme, die Mozarts Oper dem Figaro abverlangt, hatte Robert Gleadow an diesem Abend so seine Probleme. Die Stimme wirkte zu wenig geschmeidig für den Titelhelden, dadurch ging die unbeschwerte Leichtigkeit, mit der sich die Figur durch die Handlung manövrieren sollte völlig unter. Dabei dominierten insbesondere vokale Härte und Kraftmeierei, die sich wiederum mit der Interpretation aus dem Graben spießten. Hingegen versprühte seine Bühnenpartnerin Giulia Semenzato mit jedem Ton, der ihre Kehle verließ, eine unwiderstehliche Mischung aus Liebreiz und List. Sie verlieh der Rolle mit karamelligem Timbre und technischer Souveränität neue Facetten und lief ihrem Figaro dabei mühelos den Rang als Hausintrigant ab. Als Grafenpaar verkörperten Florian Boesch und Cristina Pasaroiu optisch die elegant-gelangweilte Noblesse eines sich auseinanderlebenden Telenovela-Paars; Pasaroiu stattete die Contessa dabei mit tieftraurigen Klangfarben der Enttäuschung aus und Boesch bot einen vokal aufbrausenden Conte, der sein Unglücklichsein in Form von Wut- und Gewaltausbrüchen kanalisiert. Dabei flogen nicht nur stimmlich die Fetzen, auch die Darstellung und das Zusammenspiel überzeugte bei diesem Paar an jenem Premierenabend besonders.

Florian Boesch, Giulia Semenzato, Andrew Owens, Robert Gleadow, Maurizo Muraro, Enkelejda Shkosa
© Moritz Schell

Die beeindruckendste gesangliche Leistung des Abends lieferte Patricia Nolz in der Rolle des Cherubino ab. Die Stimme ist edel timbriert und wird mit Raffinesse geführt, ihr Mezzosopran verfügt sowohl in der satten Mittellage als auch in der ebenmäßigen Höhe über die idealen Farben für Mozarts Hosenrolle. Nicht oft kommt man außerdem in den Genuss eines so elegant phrasierten „Voi che sapete“ wie an diesem Abend – in diesem Fall ist ein Stream dann doch ganz praktisch, denn diese Interpretation verdient definitiv ein digitales Dacapo! Auch die kleinen Rollen waren durchwegs gut besetzt, insbesondere Maurizio Muraro als Bartolo und Ekin Su Parker als Barbarina verliehen ihren Rollen Profil und stimmlichen Glanz. In den Ensembleszenen verbanden sich die Stimmen aller Solisten ideal, die Abstimmung mit dem Orchester funktionierte tadellos und nach knappen drei Stunden voll von Irrungen und Wirrungen war in der finalen Szene zumindest an der Oberfläche schließlich alles wieder gut im Hause Almaviva.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Theaters an der Wien auf myfidelio rezensiert.

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