Heiße Liebesspiele in den Dünen, Anmache mit Dessous, plumpe homoerotische Attacken – in der Inszenierung dieser Barockoper geht es recht deftig zu. Kein Wunder, handelt es sich doch um einen Karnevalsspaß, den Antonio Cesti 1656 für den Innsbrucker Hof komponiert hat. „Liebe kennt keine Gesetze“ hat Giacinto Cigognini in das Libretto geschrieben, was der britische Regisseur Walter Sutcliffe wörtlich genommen hat, um ein kunterbuntes Treiben auf der Bühne zu entfachen, zum Teil in grellen Farben, zum Teil aber auch zärtlich und anrührend.

Ein starker Satz ist Ausgangspunkt aller Verwirrungen: Nie werde sie sich verlieben, hat die ägyptische Königin Orontea verkündet. Klar, dass das nicht funktionieren kann. Der Beweis wird mittels einer fulminanten, mit erotischen Anspielungen gespickten Handlung geführt, die locker über dreieinhalb Stunden trägt. Die venezianische Karnevalsoper war eben kein Kind von Traurigkeit. Ähnlich komische amouröse Verwicklungen kann man wohl erst wieder in Mozarts Figaro finden. Auch schon in L’Orontea wird witzig mit solchen Mitteln wie falschen Identitäten, listig zugespielten Briefen und geraubten Babys gearbeitet, die sich mittels beweiskräftiger Amulette als Prinzen entpuppen. Im Laufe der Handlung ist fast jede(r) einmal in jede(n) verliebt, aber nach vielen Turbulenzen kriegen sich natürlich zum glücklichen Ende doch noch die Richtigen, und Amor geht aus dem Prolog und dem Streit mit Philosophia als fröhlicher Sieger hervor. In Frankfurt feiert dies am Schluss gleich ein Dutzend Eroten mit Party bei Grillwürstchen und Dosenbier - Barockoper nimmt sich kräftig selbst auf die Schippe.

Aber auch musikalisch ist dank des Dirigenten Ivor Bolton dieser Abend ein Fest in barocker Pracht. Die historischen Instrumente des Monteverdi-Continuo Ensembles sorgen mit Orgelpositiv, Theorbe, Lirone und Zink für eine enorme Farbigkeit, die Streicher des Frankfurter Opernorchesters liefern dazu den kräftigen Untergrund für einen gesättigten, sinnlichen Klang. Bolton ist aber auch ein Meister der Feinjustierung dieser eminent sprechenden Musik. So nimmt er Tempo und Stärke am Ende einer Arie wirkungsvoll zurück, wo es die Stimmung erfordert, wie in der Arie des von allen Frauen umschwärmten Alidoro, der aber weiche Knie bekommt, sobald er sich selbst verliebt.

Eine wahre Charmeoffensive startet in dieser männlichen Hauptrolle der spanische Counter Xavier Sabata nicht nur mit seiner Erscheinung. Sein warmes, lyrisches Timbre vermag nicht allein Orontea zu entzücken, die ihren Vorsatz schon nach der ersten Begegnung mit diesem Strahlemann umgehend vergisst, sondern verzaubert gleichermaßen auch das Publikum. Orontea muss als Königin dagegen irgendwie, ihrem öffentlich verkündeten Willen gemäß, zwischen ihrer (immer schwerer aufrechtzuhaltenden) Selbstbeherrschung und der umso heftiger entflammenden Leidenschaft ausgleichen, was die Sopranistin Paula Murrihy beeindruckend darstellt und vokal in eleganten Linien und verführerisch schönem Timbre deutlich unterstreicht.

In diesem Liebesreigen mischt noch ein zweites adliges Paar kräftig mit. Es ist die Hofdame Silandra, die hier in Gestalt der Sopranistin Louise Alder ihre weiblichen Reize höchst ansprechend einzusetzen weiß, dabei auch noch mit äußerst vokalem Liebreiz punktet, und ihr zeitweise verstoßener, später aber wieder erhörter Liebhaber Corindo, den der Countertenor Matthias Rexroth wie einen frühen Vorgänger von Mozarts Ottavio erscheinen lässt: edel, aber ein wenig defensiv. Dabei macht nicht allein die auf den Punkt getroffene Situationskomik den großen Unterhaltungswert dieser Inszenierung, es sind auch die Kostüme, die hier außerordentlich clever mit Andeutungen spielen, die den Charakter der Figuren ironisch kommentieren.

So kommt der Offizier der Palastwache als Traumschiffkapitän daher und der fast immer betrunkene Diener Gelone sieht aus wie der Butler James. Natürlich glänzt Oronteas barocke Robe in majestätischem Blau, und als besonderer Clou überrascht nach der Pause die Verkleidung von Aristea als liebestolle Alte, die direkt aus einer Trashsoap entsprungen zu sein scheint. In dieser Partie ist Guy de Mey, der vokal souverän durch die Register wechselt, schon allein wegen seiner urkomischen Körpersprache einer der heißen Anwärter für den Preis „bester Darsteller einer Nebenrolle“.

So ironisch der Text über weite Strecken und so deftig die Handlung auch stellenweise inszeniert ist, so gibt es doch auch die leisen Momente, in denen Liebe in zartester Innigkeit aufkeimt, wie im Duett der ersten Begegnung zwischen Orontea und Alidoro. Hier scheint die Zeit für einen Moment still zu stehen. Dann spricht allein die Musik, und die Stimmen der beiden Protagonisten mischen sich harmonisch in reinem Glück. Aber schnell gewinnt das Spiel wieder an Tempo, und der Liebesreigen dreht sich aufs Neue. Auf einer Bühne übrigens, die auch mit ironischen Anspielungen nicht spart. Im Thronsaal sind hier natürlich die Ahnen der Königin nicht als Ölgemälde vertreten, sondern als altägyptische Gipsköpfe.

Vielleicht erfüllt dieser pointengespickte Gag nicht jedermanns Vorstellung von Oper. Zum Stück passt die Inszenierung dennoch nicht schlecht, und mit einer gehörigen Portion Humor wird man durchaus Gefallen daran finden - ganz wie das Publikum an diesem Abend.

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