Das Collegium 1704 hat sich schon durch seinen Namen einen eindeutigen Auftrag gesetzt, nämlich dem Werk von Zelenka den Stellenwert zu verleihen, den es verdient hat. 1704 hält erstmals einen kompositorischen Nachweis des Tschechen bereit, doch fällt in dieses Jahr auch der Tod eines anderen geschätzten Böhmen, der von Biber. Also wandte sich das Ensemble ebenfalls dessen Wirken zu, so zum Beispiel der Umsetzung seiner Missa Salisburgensis, mit der es vor zwei Jahren im Salzburger Dom für Eindruck sorgte. Jetzt erlebte das Stück seine Aufführung in der nächsten historischen Sakralpracht; und für das Konzert in der Chapelle Royale des Versailler Schlosses schickten sie Lullys Te Deum voraus, das neben der Vertonung vom ebenfalls 1704 verstorbenen Charpentier steht, im selbigen Jahr in einer neuen Fassung gekürzt, zur Genesungsfeier Ludwigs XIV. 1687 gespielt wurde, wobei sich der Legende nach Lully schlussendlich tödlich in den Fuß stach.

Václav Luks © Collegium 1704 | Petra Hajská
Václav Luks
© Collegium 1704 | Petra Hajská

Es gibt auch genügend musikalische Besonderheiten, wie die chorale Mehrfertigkeit und instrumentale Varianz, die zudem – sehr ungewohnt für die Kirchenhofmusik der Zeit – mit Trompeten und Pauken besticht. Und davon gibt es in der Messe reichlich. Bei Biber sind es gar so viele, dass sich die dreiundfünfzig Stimmen auf Vokal- und Instrumentenchöre aufteilen, die unterschiedlich im Kirchenraum aufgestellt werden. Dafür eignet sich natürlich die zweigeschossige Schlosskapelle bestens. Diese Gegebenheiten veranlassten Luks und sein Collegium 1704, sich bereits beim Te Deum zum Teil dieser großen Möglichkeiten zu bedienen. So blitzten neben der goldbeladenen Orgel über selbigem Altar die Clarinen des Orchesters, die mit der seitlich oben befindlichen Pauke den kraftvollen Schall des Lobpreises entfachten, der dieses Konzert unvergesslich machte. Saftig und elegant, weich und scharf und selbstredend fulminant feierlich packten die Musiker das Stück an und packten damit ihrerseits die Zuhörerschaft, die gebannt die strahlende Lebendigkeit in sich aufnahm.

Trotz der geballten Besetzung, der gefahrenen Attacke und der zur Schau gestellten Festlichkeit behielt das Te Deum dabei den durchkomponierten Fluss und eine Leichtigkeit, die die beweglichen, freudigen Stimmen des Collegium vocale 1704, des fünfköpfigen petit chœur und der Les Pages du Centre de Musique Baroque de Versailles, traditionell vor der Orgel platziert, garantierten. Einfach toll, wie sich sie verwoben, absetzten, in phrasierten Höhepunkten betont und über alledem textverständlich waren, mit einem Tempogespür von Luks, das all das möglich machte. Die Herren Tomáš Šelc, Tobias Hunger und Samir Bouadjadja erfreuten zudem mit besonderer Geschmeidigkeit, beherrschtem und klarem französischem Flair im federnd-getragenerem „Tu rex gloriae“. So wie nachkommend das „Tu ad dexteram“ von schäumender Brillanz erfüllt war, so bedächtig schön die kurzen Zwischenspiele oder das „Te ergo quaesumus“-Quartett, dem eine große Fülle von Kontrasten folgte. „Aeterna“-Stampf wechselte zu einem spritzig-spielerisch artikuliertem „Salvum fac populum tuum“, ein rhythmisch ansteckendes Motivationslied wie bei einer Armee, passend generiert vom Wums der mit einem Tuch abgedunkelten Pauke unten auf der Bühne. Während die Soprane Jenny Högström und Lucía Caihuela zu „benedicimus te“ mit Trompete und Echos zu immer gesteigerterem Lobgesang aufriefen, brach zu „Dignare Domine“ donnernder Ernst und Ehrfurcht ein, dem sich erst Šelc mit lichtem Trost, dann zu weiterer Beschwer im „Miserere“ die übrigen Männerstimmen und sukzessive die Chöre innig und mit leidenschaftlichem Affekt entgegenstellten.

Nach einem wunderbaren, nachdenklichen Einschub Hungers und Šelcs mündete die ewige Hoffnung in der Pracht des Anfangs; prächtig und gewaltig wie die beiden Eingangsakkorde des „Kyrie“ Bibers Mammons, bei dem nichts an Schwung verloren ging. Instrumente und Stimmen, gemäß Aufbau und Anlage nun doppelt antiphon aufgestellt, prasselten regelrecht entzugslos auf einen ein. Und gewiss nicht ohne Details und Effekte in dem barocken Bombast, bei dem exemplarisch abgrenzend das spätere „Sanctus“ bei allem Pomp eine weihevolle Belüftung erfuhr, in der Luks unterschiedliche Farben zum Vorschein brachte. Die einzelnen „Gloria“- und „Credo“-Sequenzen zuvor eröffneten verschiedene Stimmformationen der jeweiligen Chöre, zu allererst die vier Bässe Tomáš Král, Felix Schwandtke, Jaromír Nosek und Šelc mit den Streichern, die ein himmellockendes „pax“ einforderten. Dann ein sanfter „Laudamus te“-Beginn des Alt I Raffaele Pès und Alexander Schneiders, der eine markige Steigerung zum Tutti samt kernigen Posaunen erlebte, und ein genüssliches, die Schwingen und die Kraft der Musik ausbreitendes „Qui tollis“. Das einiges italienisches Feuer in der Missa Salisburgensis steckt (es wäre zum Gefallen des Sonnenkönigs gewesen), offenbarte das theatralische concerto des „Quoniam“, abgelöst von einem rasend turbulenten „Cum sancto spiritu“, das alle Beteiligten dem Publikum dröhnend um die Ohren warfen.

Zu noch Abwechslungreicherem gebietet stets das Messherzstück, in dem jeder Kontrast mitriss, ob ein hinreißendes „Et incarnatus est“ der beiden Soprane und zwei Violinen mit Continuo, dem würdigen „Crucifixus“, dem berstend-sprudelnden „Et resurrexit“, dem kunstvollen „Credo in Spriritum Sanctum“ oder dem hitzigen „et vitam venturi saeculi“-Konzert. Hob das „Benedictus“ alle so geistvoll von Hoffnung und Vertrauen über die Empore hinaus, ging das „Agnus Dei“ durch die Decke und des Vorstellbaren, derart eindringlich und berührend, dynamisch und ausdrucksvoll aufgezogen. Das „Dona nobis pacem“, gleich beinahe eines modernen italienischen Schlagers, beschloss die Pracht in Versailles, wobei Collegium 1704 sowie historischer und architektonischer Glanz in ihrer Musik ihre Einheit fanden.

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