Nach Philippe Herreweghes Residenz in der Philharmonie Essen bedürfen Mendelssohn und Schumann eigentlich kaum Höreinführungen, um das Publikum womöglich mit historisch-informierten Klängen der Beiden vertraut zu machen. Doch ist es eine liebgewonnene Tradition, eben wieder diese Komponisten aus sächsischen Geburts-, Arbeits- oder Sterbelanden in Erklärungen ihres Interpreten zu Wort kommen zu lassen. Diesmal durch Ivor Bolton, der in dieser Spielzeit die Residenzkünstler-Position ausfüllt und dafür alle Orchester nach Essen bringt, bei denen er die Rolle des Chefdirigenten hält. Auf Originalklang-Seite beim Dresdner Festspielorchester, das sich mit besagter Introduktion also selbst bekannter machen konnte, sind die Auftritte des Ensembles außerhalb ihrer Heimatstätte äußerst selten.

Martin Helmchen © Giorgia Bertazzi
Martin Helmchen
© Giorgia Bertazzi

Ganz im Gegensatz zum aufgespielten Herzensrepertoire aus Schumanns Klavierkonzert und Mendelssohns Italienischer Symphonie sowie dessen Hebriden-Ouvertüre, mit der man sich auf die erste Bildungsreise begab. Auf dieser schipperte man bereits am lauernden Goethe vorbei, der dieses Jahr seinen 270. Geburtstag feierte. Mendelssohn und der gemeinsame Freund Karl Klingemann hatte es auf damaligem Weg zur Fingal's Cave nach Schottland verschlagen. Bekanntschaft machte man auf der Überfahrt mit der stillen See, deren ruhiges Geschwappe in der Besetzung des DFO besonders leicht herüberkam, auch wenn dies durch leisere Dynamik noch intensiver hätte kommuniziert werden können. Sinnvoll – und historisch pflichtgemäß – dagegen natürlich die Vibratolosigkeit sowie antiphone Aufstellung, um die Effekte des Meeres und der späteren Wellen (bei etwas Statik) zu unterstützen. Das sich aufziehend aufgetürmte Wasser entlang schrofferer Steinsgebilde drang somit durch die dunklere Mitte und dem untergrundigen Rollen und Grollen der Pauken sowie den spritzenden Seiten deutlich hervor. Für den Zuhörer abenteuerliche Dramatik entwickelte vor allem die Mannschaft, die akzentreich und stürmisch ins Seemannshorn (und in die Seemannstrompete) blies.

Das Klarinetten-Duo Oberaigner/Dillner bildete ebenfalls einen Fixpunkt auf der Fahrt, die fortan lebendiger wurde, indem das Orchester mehr Betonung und die gewünschte Spannungs-Phrasierung Einzug halten ließ. Nach dem Holz setzte sich dies zudem in der dynamisch-kontrastierenderen Herangehensweise durch, die sich in galantem Eintauchen der Streicher mit dem Klavier verwob. Die Holzbläser waren dabei ruhende und doch bewegte Pole zwischen Martin Helmchens lyrischen Läufen weich schimmernder Wasserflüsse oder hart angeschlagener Aufschläge eines Wasserfalls über das Hauptthema. Dieses widmete Schumann in italienischer Tonsetzung seiner Clara (Happy Birthday zum 200.!), die das Konzert erstmals vollständig in Dresden aufführte. Machten schon gut beherrschte Übergänge anhand kleinerer agogischer Verschiebungen auf die Satzstruktur aufmerksam, nahm sich Helmchen dekorierende und anheizend expressive Freiheiten in der Solokadenz, die modern wie brachial anmutete.

Bei so viel Wasser und Wärme schien der im zweiten Satz Träumende unter einem Regenbogen zu liegen. So kitschig das Bild klingen mag, so klischeelos klar trat die strahlende Stimmung des Gedankens durch das ohne Vibrato agierende Orchester hervor; gleichfalls mag es den einfach charmanteren und facettenreichen Klang des historischen Flügels beschreiben, an dem Helmchen attacca-fließend zum Motiv des Allegro vivace knackig akkurat ansetzte. In seinen luftverschaffend fröhlichen Jubelschreien (auch dank der Hornrufe) und durchdringenden Schüben gestaltete Bolton das Finale als Wasserballett, bei dem der Solist in theatralisch-melodischen, virtuosen Verläufen durch tiefengewürzte Artikulation als gestreng-fordernder Choreograf auftrat.

Nach Goethes Italienischer Reise packte Mendelssohn zur zweiten Bildungstour das Italien-Fieber. So wie es den Dichter und ihn traf, vermochte außerdem das DFO mit der Sehnsucht gen trittsicheren Süden wirklich anzustecken. Dadurch, dass in den Ecksätzen maximal spürbar befreiende Freude sowohl in feinem Parlando als auch großem Rausch des süßen Lebens quoll, rechtfertigte der Dirigent seine „Schnappschuss“-Idee von vernommenem römischen Karneval und sommernächtlicher (die tanzenden Flöten!) Party mit schüttelnden Erfrischungen und heißen Pauken-Beats. Kam die insinuierte Prozession im Andante con moto verblüffend, beim schmucken Abschritt neugierig erkundend daher, wohnte dem dritten Satz der Charakter eines Sonnenbades inne, zu dem man ein sinnierendes Schwätzchen hielt und gleichzeitig schon den Genuss des Abends vernahm. So wie diesen.

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