Pierre-Laurent Aimard, dessen besonderes Engagement zeitgenössischer Musik gilt, zählt zu den großen Pianisten unserer Zeit. 2017 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Ernst von Siemens Musikpreis gewürdigt. Studiert hat er u.a. bei Yvonne Loriod, der Schülerin und zweiten Ehefrau von Olivier Messiaen, die mit Messiaen gemeinsam 1945 die zwei Jahre zuvor entstandene siebenteilige Suite Visions de l'Amen uraufgeführt hatte. Wenn Aimard also nun mit seiner ehemaligen Schülerin und Ehefrau Tamara Stefanovich eben jenes Stück aufs Programm setzte, dann konnte man von einer sehr authentischen Interpretation im Geiste Messiaens ausgehen.

Pierre-Laurent Aimard
© Julia Wesely

Messiaen hatte zur zweiten Klavierstimme, die er während der Uraufführung selbst spielte, Folgendes geschrieben: „Ich gab dem zweiten Klavier die Hauptmelodie, die thematischen Elemente, alles, was Gefühl und Kraft erfordert.” Und in diesem Sinne trug Aimard, der eben diese Stimme spielte, diese Aufführung wie erwartet mit kraft- und gefühlvollem Spiel. Schon in den wie in Stein gemeißelten Akkordfolgen des Schöpfungsthemas im Amen de la Création kreierte Aimard ein an gotische Kathedralen gemahntes Klangbauwerk, an dessen Spannungsbogen er über die gesamte 50-minütige Spieldauer weiterbaute. Im Amen de l‘agonie de Jésus wurden Erinnerungen wach an Orgelkompositionen von Messiaens Landsmann Jehan Alain. Aimard gelang es hier, einfühlsam Messiaens wahrhaft gefühlte Gottesanbetung hörbar werden zu lassen. Im fünften Teil Amen des Anges, des Saints, du chant des oiseaux, der mit einem unisono Rhythmus beginnt, wurde Aimards wiederholte Akkordfolge zu einer archaischen Beschwörungsformel, über die in der Folge Messiaens so berühmte exotische Vogelrufe sich entfalteten. Aimard genoss sichtlich diese vielschichtige Komposition und setzte immer wieder seinen ganzen Körper ein, um die großartige Musik bis zum fast gewalttätigen Ende voranzutreiben.

Leider entstand mit seiner technisch versierten und pianistisch virtuosen Duopartnerin über weite Strecken kein ebenbürtiges Musizieren. Entweder hatte Stefanovich zu wenig Zeit gehabt, sich mit ihrem Instrument vertraut zu machen oder ihr Flügel war von deutlich schlechterer Qualität als der ihres Mannes. Ihr Anschlag war auffallend hart und ihr Spiel über lange Strecken einfach zu laut, was gleich am Anfang evident wurde. Dort schreibt Messiaen ein vierfaches Pianissimo unter die Noten des ersten Klavierparts. Die Noten im Diskant sollen das Thema des zweiten Klaviers umspielen, waren an diesem Abend jedoch allzu deutlich präsent.

Vor der Pause verlangte Harrison Birtwistles Keyboard Engine, ein fast halbstündiges Werk, ebenso viel von den Interpreten als vom Publikum. Stefanovich und Aimard hatten vor drei Jahren Keyboard Engine auf dem Aldeburgh Festival aus der Taufe gehoben. Explosionsartige Klangkaskaden wechselten sich ab mit fast monotonem Abwechseln einzelner Töne zwischen den zwei Klavieren. Nur mit äußerster Konzentration konnte man selbst als mit zeitgenössischer Musik vertrauter Zuhörer die bizarre Schönheit dieser äußerst abstrakten Musik entdecken. Die atemberaubende pianistische und rhythmische Meisterschaft der beiden Interpreten machte Keyboard Engine zu einem erst einmal intellektuellen Vergnügen. Aber mit offenem Ohr und aufnahmefähiger Fantasie konnte man bei den schnell aufeinanderfolgenden spielerischen Stimmungswechseln auch Nebelschwaden und Eispegel, romantischen Weltschmerz oder einen dummen Zank unter Eheleuten, sowie Anklänge an Minimal Music und Jazz heraushören. Bei alledem zauberte und gestaltete Aimard die schwierige Musik manchmal selbst nur mit einer Hand, schaffte spannende Zusammenhänge und war abwechselnd Erzähler und Poet.

Diese verdienstvolle Rolle hatte er auch schon in den zuvor gespielten zwei Sätzen der Sites auriculaires von Maurice Ravel übernommen. Die kurzen pianistischen Kleinode schwebten zwar viel zu schnell vorbei, ihre süße verführerische Stimmung blieb jedoch glücklicherweise wie ein schweres Parfum noch eine Weile im Raum hängen.

Das Konzert im großen Saal des am Amsterdamer Hafen gelegenen Muziekgebouw begann bodenständig und schwungvoll mit zwei meiner Lieblingsstücke Bulgarischer Rhythmus 1 und Akkordetüde aus Béla Bartóks Mikrokosmos. Nachdem Bartók 1940 ins amerikanischen Exil geflohen war, hatte er dort sieben seiner 153 Kurzkompositionen für zwei Klaviere umgeschrieben, um sie zusammen mit seiner zweiten Frau, der Pianistin Ditta Pásztory-Bartók aufführen zu können. Auch diese Sieben Stücke aus dem Mikrokosmos voller folkloristischer Verve flogen an diesem vielseitigen Klavierabend viel zu schnell vorüber.

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