Während einer Aufführung des Messiah in London soll König Georg II. sich beim Halleluja an der Stelle „King of the Kings and Lord of the Lords” spontan vom Platz erhoben haben. Schließlich wird hier einem noch Größeren gehuldigt als dem englischen König. Das Publikum folgte dieser Geste unverzüglich. Als Händels Oratorium nun in Freiburg aufgeführt wurde, stand an dieser Stelle zwar niemand auf, aber es gab am Schluss nicht minder demonstrativen Beifall – Standing Ovations für alle Ausführenden. Diese Begeisterung belohnte eine wirklich außergewöhnliche Aufführung.

Freiburger Barockorchester © Foppe Schut
Freiburger Barockorchester
© Foppe Schut

Unter der Leitung von Trevor Pinnock übertraf sich das ohnehin schon exzellente Freiburger Barockorchester noch einmal selbst. Und die ausdrucksstarken Stimmen der vier Solisten setzten an diesem Abend weitere Glanzlichter. Gelungen war eine Interpretation aus einem gemeinsamen Geist heraus, ein Abend, der eine fast geheimnisvolle Seriosität und Würde ausstrahlte, was Händels Meisterwerk nur umso mehr erhöhte. Die Aufführung hatte nichts von Äußerlichkeit oder Effekthascherei. Sie war getragen von einer Art „heiligem Ernst”, der allein der musikalischen Botschaft dienen sollte. So war auch das heutzutage schon zum Klingelton verkommene Halleluja weit entfernt von oberflächlichem Lärm, strahlte aber in aller Pracht mit Trompeten und Pauke und war organisch eingebunden in die Dramaturgie dieses Oratoriums am Schluss des zweiten Teils als triumphaler Höhepunkt, wo die Weltenherrschaft des Messias gefeiert wird.

Auch nicht die kleinsten Details musikalischer Nuancierung entgingen Trevor Pinnocks umsichtiger Leitung, die das Orchester meisterlich in überaus farbenreiche Klangmalerei umsetzte. Seien es die züngelnden Flammen des läuternden Feuers, die matte, über dem Land lastende Düsternis oder die in den Wolken sanft entschwebenden Engel, von denen in den Arien gesungen wird. In gleicher Art subtiler Gestaltung präsentierten die Gesangssolisten ihre Parts. Der Tenor James Way setzte gleich zu Beginn in dem Accompagnato-Rezitativ „Comfort ye my people” (Tröste dich, mein Volk) den Maßstab: intensivster Zuspruch, besänftigende Hoffnung und Zuversicht lag im Ton dieses frei gestalteten und lange gehaltenen einzigen Taktes – gestaltendes Singen aus innerer Beteiligung.

Dies war auch bei den anderen Solistinnen und Solisten der Fall, die nicht an ihrer Partitur klebten, sondern auswendig sangen und die reichen Facetten der Empfindungen ihrer Partien frei und mit stimmlich stark, aber stets ohne opernhafte Dramatisierungen ausgestalteten. Vor allem die Verkündigung freudiger Botschaften hat Händel dem Sopran vorbehalten und Katherine Watson ließ sich mit hell strahlender Stimme darauf ein. „I know that my Redeemer liveth”: ein frohes Bekenntnis des Glaubens und starke Zuversicht auf den lebendigen Erlöser vermittelte sie in dieser Arie eindrücklich. Mit ihrem abgerundeten, samtig weichen Alt machte Claudia Huckle die Arie „He was despised” zu einem zutiefst anrührenden Beispiel empathischen Singens und die Ankündigung des kommenden Erlösers fasste sie mit warmer Empfindung in dessen Namen: „Emmanuel”. Ashley Riches verlieh den Bass-Arien vitale Kraft. In der Arie „The people that walked in darkness” stieg er mit einem volltönenden Contra-Fis hinunter in die klingende Tiefe; ein Meisterstück an vokaler Farbigkeit.

Den überwältigenden Gesamteindruck dieser Aufführung komplettierte in nicht minder beeindruckender Souveränität die Zürcher Sing-Akademie durch die subtile Gestaltung der Chorpartien. Gestochen präzise gelangen die kontrapunktischen Passagen des Werks. Der Freude („A child is born”) wie der Trauer („He hath borne our griefs”) passte sich der Chor im Ausdruck berührend an, ebenso dem majestätischen Gloria („Glory to God in highest”) mit den Trompeten von der Empore und der abschließenden Amen-Fuge als festes Bekenntnis eines unerschütterlichen Glaubens.

So wurde die Aufführung nicht allein den Intentionen dieses Werks in höchstem Maße gerecht, sondern war zudem ein wunderbares Beispiel für die alle Grenzen überwindende Kraft der Musik: mit einem Chor aus der Schweiz, einem Orchester aus Deutschland und Solistinnen und Solisten sowie einem Dirigenten von der britischen Insel.

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