Umjubelt ging der Vorabend von Richard WagnerRing in Budapest zu Ende. Bereits im zehnten Jahr veranstaltet der Kunstpalast der ungarischen Hauptstadt (Müpa) unter der künstlerischen Leitung von Ádám Fischer hier ein kleines Wagner-Festival. In dessen Rahmen wurden bisher alle klassischen Werke des Bayreuther Meisters aufgeführt, die auch regelmäßig im Festspielhaus am Grünen Hügel gespielt werden. Ein Hauch von Bayreuth wehte denn auch an der Donau, als die Fanfaren vom Balkon dieses modernen Baus dreimal zum Beginn der Vorstellung riefen. Aber es gibt hier keinen verdeckten Orchestergraben, keinen Vorhang und eben keine Bühne. Im Müpa wird Wagners groß angelegtes Bühnenfestspiel in einem Konzertsaal gegeben, auf einem Podium von überschaubaren Ausmaßen.

Zsolt Haja, Zoltán Nyári, Tünde Szabóki, Atala Schöck, Johan Reuter, Gábor Bretz & Walter Fink © Zsófia Pályi | Müpa
Zsolt Haja, Zoltán Nyári, Tünde Szabóki, Atala Schöck, Johan Reuter, Gábor Bretz & Walter Fink
© Zsófia Pályi | Müpa

Dass diese Version keineswegs zu einer trockenen, „bloß“ konzertanten Vorstellung erstarrte, ist einem innovativen Konzept zu verdanken, das geschickt die Notwendigkeit einer konzertanten Aufführung mit den Chancen der Videotechnik verbindet. Bereits im Rheingold wird deutlich, dass dieser Ansatz aufgeht und die Budapester Wagner-Aufführungen durchaus als Alternative zu Bayreuth gelten dürften, wo sich mittlerweile viele Wagnerianer wegen der konzeptionell als überambitioniert empfundenen Inszenierungen mit Grausen abwenden – zumal hier in Budapest auch die musikalische Besetzung des Rings höchstes Niveau verspricht. So drehten sich im Kulturzentrum viele Gespräche bereits des ersten Abends um diesen Eindruck, hier wohl den „reinen Wagner“ präsentiert zu bekommen.

Tatsächlich macht es die Budapester Präsentation in dem Konzept von Hartmut Schörghofer dem Publikum leicht, Zugang zu Wagners verzweigter Mythologie zu finden. Im Rheingold wird die Handlung so schlüssig erzählt als wäre sie eine Saga der Jetztzeit. Die Sängerinnen und Sänger tragen moderne Konzertgarderobe, spielen aber ihre darstellerischen Fähigkeiten höchst präsent aus. In einer weiteren Dimension wird im Hintergrund auf einer Projektionsfläche die Handlung illustriert und kommentiert, stellenweise ergänzt durch eine Tänzergruppe.

„Auf dem Grunde des Rheins“ beginnt es überraschend: Was nämlich bei Wagner als reine, intakte, wenn auch schroff wilde Natur verstanden wird, ist hier eher eine von allerlei Umweltschmutz trüb gewordene Brühe, in der drei Rheintöchter allerdings anmutig schwimmen, vorne ganz großartig gesungen von den drei Solistinnen. Wenn das Rheingold zum ersten Mal aufscheint, flackern im Wasser goldene Zungen und mit dem Orchester zaubert Adam Fischer irisierende Klangfarben, die sich in der einzigartigen Akustik des Saales zu schier impressionistischem Raumklang ausbreiten. Überhaupt nutzt der Dirigent all seine Wagner-Expertise zu hochdifferenzierter Gestaltung der Partitur zu einem spannungsgeladenen Fluss des symphonischen Geschehens und peitscht an den richtigen Stellen die Musik zu starker Dramatik auf, wie bei Alberichs Fluch, nachdem Wotan ihm auch noch den Ring gewaltsam vom Finger gerissen hat.

Zsófia Kálnay (Floßhilde), Gabriella Fodor (Wellgunde) & Polina Pasztircsák (Woglinde) © Zsófia Pályi | Müpa
Zsófia Kálnay (Floßhilde), Gabriella Fodor (Wellgunde) & Polina Pasztircsák (Woglinde)
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Gerade der Sänger des Alberich verleiht mit seiner enormen stimmlichen Ausdrucksstärke der Aufführung besonderen vokalen Glanz. Peter Kálmán darf zurecht am Schluss tosenden Beifall ernten; seine Rollengestaltung ist nicht allein darstellerisch ungemein packend, auch vokal bringt er viele Nuancen in diese Figur, die zu den schillerndsten im Ring gehört, von der tölpelhaften Verliebtheit in die Rheintöchter am Anfang über den überheblichen Stolz in der Nibelheim-Szene bis hin zum erbitterten Hass beim Ausstoßen des Fluches, der ja die weitere Entwicklung der Tetralogie entscheidend bestimmt - Kálmán vermag die ganze Bandbreite mit starkem vokalen Ausdruck zu zeigen.

Zur zweiten Szene „Freie Gegend auf Bergeshöhen” erscheint in der Projektion ein Baukran. Und von den Darstellerinnen und Darstellern der Götterfamilie wurde das Problem, wie das große Projekt Walhall zu bezahlen ist, so intensiv verhandelt, dass die Konflikte untereinander klar herauskommen. Die Mezzosopranistin Atala Schöck gestaltet die Figur der Fricka eindrucksvoll als realistische und zugleich sensible Partnerin Wotans mit vielen Nuancen und singt in perfekter deutscher Diktion diese Partie mit ausnehmend schöner Stimme. Der dänische Bariton Johan Reuter zeigt einen noblen, zugleich in seinen großen Plänen illusionär schwelgenden Wotan, der durch die allmähliche Verstrickung in den Wortbruch um die Bezahlung der Baukosten für sein Prestigeobjekt Walhall zunehmend in die Defensive gerät.

Da erscheint als Retter in der Not Loge, den Christian Franz als meisterlichen Regisseur des Komplotts gegen Alberich darstellt und mit breiter stimmlicher Ausdruckspalette in aller Verschlagenheit, Schläue und Raffinesse enorm wirkungsvoll präsentiert. Franz macht Loge in diesem Rheingold eindrucksvoll zum eigentlichen Gegenspieler des Nibelungen und die Konstellation lässt schon an diesem Vorabend des Rings erahnen, dass Wotan das Heft des Handelns bereits aus der Hand gegeben hat.

Erika Gál (Erda) und Tänzer © Zsófia Pályi | Müpa
Erika Gál (Erda) und Tänzer
© Zsófia Pályi | Müpa

So wird dann Erdas warnender Auftritt zur wohl packendsten Szene dieses ersten Teils, wenn sie Wotan rät, vom Ring Abstand zu nehmen. Jetzt erscheint auf der Projektionsfläche in großen Runen ein Schriftzug als Menetekel des kommenden Untergangs der Götter. Erika Gál singt diese Partie mit dem nötigen Nachdruck und beglaubigt dies mit starker stimmlicher Autorität. Was folgt ist bei aller Erleichterung um die Rückkehr Freias und bei allem Pathos der Inbesitznahme Walhalls ein doch recht brüchiges Glück. Die Projektion zeigt dazu einen recht schwachen Regenbogen und dann den Panoramablick über Budapest. Zurück bleibt Loge in seiner Skepsis über die Zukunft der Götter.