Ein großer, karger Saal. Die Leibgarde des Herodes patrouilliert schwer bewaffnet durch den Palast. Ein Eindringen scheint unmöglich. Doch einen Angriff von Außen wird es nicht geben. Die Gefahr lauert innerhalb der Mauern. In der Neuproduktion von Richard Strauss' Salome an der Oper Köln inszeniert Regisseur Ted Huffman ein gewalttätiges und blutiges Familiendrama als Parabel für die Missstände einer männerdominierten Gesellschaft.

Ingela Brimberg (Salome) © Paul Leclaire
Ingela Brimberg (Salome)
© Paul Leclaire

„Eine große Terrasse im Palast des Herodes, die an den Bankettsaal stößt. Einige Soldaten lehnen sich über die Brüstung. Rechts eine mächtige Treppe.“ So steht es in den Regieanweisungen von Oscar Wilde und genauso sehen wir es auch hier auf der Bühne. Das Bühnenbild von Ben Baur integriert die bereits vorhandene Architektur des Staatenhauses, der Interimsspielstätte der Kölner Oper. Die weißen Säulen des Saals werden auf der Bühne ins schier Unendliche weitergeführt und die Zuschauer rücken so noch näher an das Geschehen und werden geradezu Teil der Inszenierung.

Ted Huffman schafft eine Salome, die sich von den meisten anderen Produktionen abhebt. Salome ist kein naives Mädchen, sondern eine gestandene Frau, Anfang 40 und unverheiratet. Wie alle Frauen in dieser Inszenierung ist auch sie ein Opfer einer von männlicher Dominanz und sexualisierter Gewalt geprägten Gesellschaft. Sie versucht aus dieser patriarchalen Gesellschaft auszubrechen, in der Männer sich nehmen was sie wollen, ohne Rücksicht auf Verluste.

John Heuzenroeder (Herodes), Dalia Schaechter (Herodias) und Ingela Brimberg (Salome) © Paul Leclaire
John Heuzenroeder (Herodes), Dalia Schaechter (Herodias) und Ingela Brimberg (Salome)
© Paul Leclaire

Während die Diener des Palastes die Festtafel herrichten, treffen die Gäste ein. Man bedient sich am Wein, bei den Früchten und bei den jungen Sklavinnen, festgebunden an den Säulen des Palasts und jederzeit für die Männer verfügbar. Man führt sie in die Dunkelheit und der Zuschauer ahnt, welches Schicksal sie erfahren. Die jungen Frauen sind äußerlich Salome recht ähnlich – ein Hinweis auf Salomes eigene traumatisierte Vergangenheit?

Der Prophet Jochanaan birgt für Salome einen Hoffnungsschimmer, doch schnell bemerkt sie ihren Trugschluss. Sie erkennt, dass sie keine Hoffnung auf Hilfe von Männern haben darf, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Während die Inszenierung zu Beginn recht nah am Libretto entlang gestaltet ist, entscheidet sich der Regisseur für ein anderes Ende. Er baut die Spannung langsam auf und schafft mit dem Tanz der sieben Schleier den Wendepunkt seiner Erzählung. Plötzlich beginnen die zuvor noch angeketteten Frauen sich zu wehren, sie werden aktiv, schlagen zurück und brechen aus ihrer Opferrolle aus. Samuel Pinkleton hat eine Choreografie erarbeitet, die einem ekstatischen, tänzerischen Kampf gleicht.

Dino Lüthy (Narraboth) und Kristiane Kaiser (Salome) © Paul Leclaire
Dino Lüthy (Narraboth) und Kristiane Kaiser (Salome)
© Paul Leclaire

Als Salome den Kopf des Jochanaan erneut fordert und ihrem Willen stattgegeben wird, steigert sich die Spannung abermals. Bis zum Ende überschlagen sich die Ereignisse auf der Bühne. Der Schluss der Oper kommt vollkommen unerwartet. Huffman schafft mit seiner Inszenierung eine emanzipierte und differenzierte Sicht auf das Werk, wie man es nur selten sieht und die Produktion umso sehenswerter macht.

Ein besonderes Highlight war das Dirigat von François Xavier Roth. Mit dieser Inszenierung gibt er sein Strauss-Operndebüt und zeigt, dass er ein erfahrener Strauss-Dirigent ist, dessen Opernaufführungen ebenso hörenswert sind. Da es im Staatenhaus keinen Orchestergraben gibt, wird das Orchester seitlich der Bühne platziert. Trotz der problematischen Akustik schafften Roth und sein Gürzenich-Orchester einen wunderbar vollen Klang und bewegten sich auf höchstem Niveau. Sein Dirigat war sehr beweglich und transparent und das Publikum spürte die leidenschaftliche Spielweise des Orchesters. Gebannt verfolgte es, wie sie zwischen den leichtfüßigen und bedrohlichen Teilen der Oper spielerisch wechseln.

Kristiane Kaiser (Salome) und Markus Marquardt (Jochanaan) © Paul Leclaire
Kristiane Kaiser (Salome) und Markus Marquardt (Jochanaan)
© Paul Leclaire

Kristiane Kaiser gibt mit dieser Produktion ihr Salome-Debüt, das kaum überzeugender sein könnte. Sie stellte die Prinzessin auf äußerst eindringliche Weise dar – stark, aber dennoch zerbrechlich. Ihre Stimme war kristallklar und messerscharf. Bis zum letzten Ton sang sie mühelos und war auch in den Höhen sicher. John Heuzenroeder und Dalia Schaechter – beide Ensemblemitglieder an der Oper Köln – überzeugten besonders darstellerisch mit ihren Leistungen. Vielschichtig und eindrucksvoll stellten sie Herodes und Herodias als Eltern da, die ihre Tochter unterdrücken und manipulieren. Markus Marquardt, der Jochanaan bereits weltweit an vielen renommierten Häusern gesungen hat, lieferte auch in Köln eine sehr überzeugende Darstellung des Propheten ab – sowohl mit seiner kernig-warmen Stimme, als auch in der Darstellung seiner Rolle.

Ingela Brimberg (Salome), Statisterie der Oper Köln © Paul Leclaire
Ingela Brimberg (Salome), Statisterie der Oper Köln
© Paul Leclaire

Der Oper Köln ist mit Regisseur Ted Huffman in dieser mutigen Produktion ein großer Coup gelungen. Eindrucksvoll wird eine gefühlskalte Gesellschaft porträtiert, die rücksichtslos und zerstörerisch ist. Salome ist eine unterdrückte Frau, die all ihre verbleibende Kraft zusammennimmt, und Rache schürt. Jochanaan steht symbolisch für all die Männer, die sie ausgebeutet und benutzt haben. Sie setzt ihre Hoffnung in ihn und wird erneut enttäuscht, was ihm letztlich zum Verhängnis wird. Und am Ende bekommt Salome was sie will: Rache.

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