Es scheint so, als hätte sich die Konfiguration für die unter diesjärigem Motto „Sauerstoff für die Seele“ stehende Ausgabe des Festivals van Vlaanderen Kempen Musica Divina wie von selbst gefunden. Zur Eröffnung der Konzertreihe, die sich unter der Coronakrise auf das schmerzlich vermisste, pathologisch-notwendige Lebenselixir kaprizierte, bespielte das Berner Ensemble Les Passions de l'Ame die Sint-Dimpnakerk in Geel, um die Heilkraft der (Alten) Musik unter die trosthungrigen Zuhörer zu bringen. Den historischen Hintergrund bildet dabei zum einen die Überlieferung, dass sich Pilger medizinische Wunder von der Reliquie der heiligen Dymphna versprachen. Den heutigen Anlass liefert freilich zum anderen – neben dem Namen des Orchesters – die Betitelung des Programms seiner neuen CD, die zum Abschluss eines mehrjährigen Zyklus mit Biber, Schmelzer und Fux „Divina“ heißt. Es verbindet Geistliches und Weltliches derart miteinander, dass die Realität der Klänge mit dem kurzzeitigen Entfliehen aus dem unsicheren Momentum der Zeit überwältigend schön war.

Les Passions de l'Ame © Edwin Thys
Les Passions de l'Ame
© Edwin Thys

Gewiss unsicher und nahe an der Vergänglichkeit waren nämlich auch die Zeiten Bibers und Schmelzers, der letztlich die Pest nicht überlebte – Irdisches und Überirdisches dicht beieinander. Das gemeinsame Band der beiden Welten zieht die Anima, mit der Les Passions getreu musizierte und die in der Partia II aus Bibers Sammlung Harmonia Artificiosa-Ariosa in aller Vitalität zum Ausdruck kam. Die zwei skordierten (je nach Tonart „ungestimmten“) Violinen von Leiterin Meret Lüthi und Sabine Stoffer setzten warm und anheimelnd an, um in der überraschenden Weise des revolutionären Komponisten mit Bewegung, Dynamik sowie den typisch virtuosen Doppelgriffen und Ornamenten den ganzen Farbreichtum in der Luft zu verteilen. Ihr Umspielen der Kontraste aus zierlicherer Dosis und kräftigeren Zügen süßlicher Düfte und raueren Charmes pumpte den Tank an Glücksgefühlen so auf, dass die nicht-antiphone Aufstellung der Geigen kaum ins Gewicht fiel. Zusammen mit dem Continuo, zu dem auch das volkstümlich-urige Psalterium Margit Übellackers gehörte, das mit seinem glockenähnlichen Ton klanglich zwischen Cembalo und Laute liegt, blühte alles Kunstvolle freudig und energisch auf. Das Balletto pustete noch ein wenig böhmischen Gypsy-Einschlag durch, die Gigue bündelte ein musikalisches Verlangen, das mit einem weichen Ausatmen endete.

Während Lüthi die Skordatur-Violinen für die Partia V wechselte, stimmte Ieva Saliete Fux' reichlich sprudelndes Harpeggio im Toccatastil an. Ausgerüstet mit den neuen Stimmungen ließen die Geigerinnen und die Bassgruppe einen frohlockenden Schlagabtausch einmalig wohlig-spannenden Charakters niederprasseln, der einen blutvollen Kokon um die Gedanken hüllte. Auftrumpfende, überschäumende Akkorde und Figurationen, tänzerische Sprinbogen-Effekte, Triller, Vorschläge und gefühlvoll entwickelte Dynamiken trafen dafür jegliche Reize. Samt dem „gestimmten“ Original-Stainer-Exemplar (zweite Violine und Cello waren ebenfalls kostbarste Originalzeugnisse) trat Lüthi bei der „Schutzengel“-Passacaglia aus den Rosenkranzsonaten in den kulminierend solistischen Höhepunkt. Mit ihren geschlossenen Augen und der ihrer Ensemblekollegen nahm sie uns alle mit ins Gebet, das in seiner meisterhaften Empfindung inneren Impulses, erschütternder Emotionalität und prächtiger Wunderkraft die Sinne vernebelte. Umgeben wurde dieses Geschenk tonlichen Anrufes von Schmelzers Sonaten VII und VIII aus Sacro-Profanus Concentus Musicus, die mit der angereicherten Fülle von Violen und Truhenorgel in harmonisch gefälligerem, aufgehobenerem beziehungsweise sanfterem Fluss eine Wohltat für die Seele darstellten.

Jonathan Sells © Edwin Thys
Jonathan Sells
© Edwin Thys

Mit Passion ging auch Jonathan Sells im Nisi Dominus zu Werke, als er mit den Fähigkeiten seiner Diktion, textbasierten, dramatischen Ausdrucksweise und den kräftigen wie lichten Stärken seines Basses in allen Registern trotz kleinerer Unstimmig- und Geschmeidigkeiten oxygene Zuversicht vermittelte. Stimmt er (unter anderem mit der instrumentalen Untermalung von Love Perssons Basse de violon) im Psalm eher lange, sehr tiefe Linien an, hat die Violine in Bibers Vertonung höchste Ansprüche zu erfüllen, denen Lüthi in den Passagen der feurigen Cavatina-Interaktion in kleinsten Notenwerten vollkommen genügte. Mit den Sonaten Nr. 1 und 3 aus Fidicinium Sacro-Profanum zelebrierte Les Passions de l'Ame zu guter Letzt die abwechslungsreiche, zu Herzen gehende Affektsprache von Biber in sowohl beeindruckend meditativer als auch glorioser Manier.

*****