Mit Riesenschritten kommt er der „95“ näher, und auch beim Betreten des Podiums in der Bamberger Konzerthalle läuft Herbert Blomstedt federnd zum Pult, tätschelt zur Begrüßung herzlich die ersten Geigen am Arm. Kein Hocker dort zum Durchatmen; seit ich ihn 2017 zum ersten Mal mit Bruckners Fünfter bei den Bambergern erlebt hatte, tritt er immer energisch, seiner Selbst sicher auf. Die Auseinandersetzung mit Musik hält ihn wohl fit, seine vegetarische Lebensweise, fröhlich und auch gläubig. Er freut sich sichtlich, bei „seinen“ Bambergern zu sein, die ihn 2006 zum Ehrendirigenten ernannt hatten und mit denen er jährlich intensiv musiziert. Auch als Sammler und Bücherfreund liebt er es, die Stadt Bamberg zu durchstreifen mit ihren Bibliotheken und Antiquariaten, vertieft sich dort immer wieder in Faksimile-Kopien und alte Notenausgaben.

Hebert Blomstedt
© Andreas Herzau

Als Wiener Sängerknabe noch und frisch ausgebildeter Lehrer an der Trivial-Schule seines Vaters schrieb der 18-jährige Franz Schubert in nur zehn Tagen seine Symphonie Nr. 3 D-Dur. Eine an Beethovens Stil erinnernde Adagio-Einleitung eröffnet den Kopfsatz, in der die Bamberger Holzbläser bereits ein wunderbares Kammerkonzert musizierten, eingebettet auf getupfte Seufzer der Streicher, und mit einem Klarinettenthema, zart und doch voll Energie, in ein dramatisches Allegro con brio sprangen, das die Oboe mit einem vergnügten Dreiklangthema kontrastierte.

Den heiteren Grundton hielten die Streicher im innig-graziösen Allegretto, golddurchwirkt von sanft schwebenden Bläsermelodien. In den übermütigen Scherzo-Charakter des Menuetto brachte das Ländler-Idyll des Trios Abwechslung, für die wiederum die Holzbläser stimmungsvoll konzertierten zur Dreiviertel-Bewegung der Streicher. Blomstedt gab nur zurückhaltend Impulse durch Armbewegungen oder Nicken des Kopfes, verknüpfte die musikalischen Fäden, hob mit leichter Hand dezent einzelne Soli heraus. Das temperamentvolle Presto-Finale heizte ein ausgelassenes Thema im Tarantella-Schwung an, reich an originellen harmonischen Gewagtheiten des Achtzehnjährigen, prägnant und voller Rossini-Aromen serviert vom gesamten Bamberger Orchester.

Hebert Blomstedt
© Andreas Herzau

Anton Bruckner war seinem Wesen nach kein romantischer Komponist, bemühte sich um Objektivität und formale Strenge, mit der das Studium der Symphonien Haydns und Beethovens ihn geprägt hatte. Die überspannte Egozentrik des 19. Jahrhunderts war ihm fremd. Wenn er dennoch (und nur) seiner Vierten Symphonie in Es-Dur einen Namen „Romantische“ gab, dann eher aus Natur-Erlebnissen heraus, ohne ein Naturgemälde im Sinne einer Programmmusik schaffen zu wollen. So atmete bereits der geheimnisvolle Anfang Bewegt, nicht zu schnell in seinem schattigen Raunen und zarten Echo-Rufen reine Waldstimmung; wie aus Waldesruh tauchte das Hornthema mit dem immer wieder kennzeichnenden Quint-Intervall empor. Im zweiten gesanglichen Thema will Bruckner den „Gesang der Kohlmeise Zizibee“ der Geigen gehört haben, die so klangvoll zum Einsatz der Bratschen hinführten. Blomstedt wusste Bögen weit zu schlagen, Pausen mit Leben zu erfüllen, Kulminationspunkte gerade mit der hervorragenden Bamberger Blechbläser-Fraktion Schritt um Schritt vorzubereiten: das Finale des Kopfsatzes erklang in machtvollem Coda-Triumph des immer markanten Hornrufs.

Gegenüber seiner ersten Version hatte Bruckner die Werkfassung von 1878/80, die Blomstedt gewählt hatte, im Umfang gestrafft. Auch im Andante bekommt das Quint-Intervall zentrale Bedeutung, leuchtete aus der dunklen und wie Trost spendenden Introduktion der Celli sanft und mit weicher Kantabilität heraus. Im Mittelteil steigerte sich die Gesangslinie zu einem jubelnden Ausbruch, bevor das zuversichtliche Lied über leisen Paukenschlägen wie entrückt ausklang.

Hebert Blomstedt
© Andreas Herzau

Im bewegten Scherzo tönten Jagdhörner durch die Konzerthalle, steigerte sich vielfarbige Munterkeit wie eine Kulisse von klingender Jagdromantik. Wunderbar wie Blomstedt die sich oft vermischenden Farben ineinandergreifender Horn- und Trompetenmotive bewusst voneinander absetzte, als riefen hier zwei verschiedene Jägertrupps zum Aufbruch.

Unheimlich und geheimnisvoll auch der Beginn des langen Finalsatzes, der endlich alle schon bekannten Motive und Melodien in einem feierlich leuchtenden Schluss vereinte. Blomstedt legte dabei die Vorbereitung dieses Höhepunkts in seinem Schlag immer leicht und unpathetisch an, bescherte einen stellenweise fast federnden, überaus facettenreichen und niemals monolithischen Bruckner-Klang, dem trotz jubelnder Posaunen- und Tubenhymnen ungezügelt dröhnendes Blechgewitter fremd war.

Von der Italianità des jungen Schubert beflügelt gab es aufbrandenden Applaus nach dessen Symphonie. Die atemlose Stille nach Bruckners kathedralischem Themenaufbau wusste Blomstedt mit langsamer, geradezu hypnotisierender Handbewegung auf fast eine Minute von innerem Nachhören zu verlängern, wie sonst nur nach aufwühlenden Passionen. Umso heftigerer Beifall anschließend von Orchester und 1400 Hörern für die so tief berührende Deutung eines großen Musikerzählers.

****1