Vor gut einem Monat gab Santtu-Matias Rouvali sein erfolgreiches Debüt bei den Münchner Philharmonikern, gestern kehrte er mit den Göteborger Symphonikern, deren Chefdirigent er seit zwei Jahren ist, in den Münchner Gasteig zurück und widmete sich vor allem den Werken seines Landsmannes Jean Sibelius. Gemeinsam mit Alice Sara Ott interpretierten die Göteburger Ravels Klavierkonzert in G-Dur, das Ott aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig statt des Zweiten Klavierkonzerts von Franz Liszt spielte. Vor wenigen Tagen informierte Ott auf ihrer Facebook-Seite über ihre Erkrankung an Multiple Sklerose und die damit verbundenen Einschränkungen ihres Konzertpensums. Dass das luzide, jazzige Klavierkonzert, das der Franzose zwischen 1929 und 1931 komponierte, nun auf dem Programm stand, stellte sich als Glücksfall heraus, denn die farbige, verspielte Klangwelt des Franzosen markierte ein spannendes Gegengewicht zu den dunklen, klaren Klängen Sibelius‘.

Alice Sara Ott © Esther Haase | Deutsche Grammophon
Alice Sara Ott
© Esther Haase | Deutsche Grammophon

Ott gestaltete das Konzert mit geschmeidiger Leichtigkeit und verführerischen Läufen. Bei ihr klang die Partitur nach Großstadt und Zwanziger-Jahre-Überfluss. Ott besitzt das untrügliche Gefühl für einen weichen Anschlag und das daraus resultierende feine Gestalten von Klangfarben. Ganz organisch spielte sie mit der Dynamik, schälte sich aus dem orchestralen Klang hervor und verschmolz wieder mit diesem. Endlos lang spannte sie die Phrasen des Adagios und interpretierte die einleitende Solopassage mit erzählerischer Kraft und versunkener Intensität als großangelegte Ballade.

Umso drastischer wirkte der Kontrast zum Presto, das in seiner Kürze zum expressiven Feuerwerk avancierte. Die Göteborger Symphoniker bildeten mit Leichtigkeit und klanglicher Transparenz eine großartige Begleitung und setzten ihrerseits mit Harfe und jazzigen Blechklängen spannende farbige Akzente. Otts Zugabe mit Chopins Es-Dur-Nocturne war anschließend Romantik pur.

Große Klangwelten erkundeten die Göteborger mit den Werken von Sibelius. Zurzeit nimmt das Orchester mit Rouvali einen symphonischen Zyklus auf und sowohl in Finlandia als auch in der Fünften Symphonie hörte man, dass Rouvali mit der Musik Besonderes vorhatte.

Rouvali interpretierte die Tondichtung ausdrucksstark und detailversessen. Die Gefahr, dass die Musik bei ihm wie bei manch anderem Kollegen schon mal zum oberflächlichen Nationalhymnus verkommt, umschiffte der Finne geschickt. Rouvali spielte viel mehr mit den komplexen Klangfarben, ließ die Celli nach den Trompetenfanfaren grummeln und hielt trotz der vielen Details den Klang immer kompakt.

Die Lust am Disruptiven entfaltete sich schließlich in der Fünften Symphonie, deren schroffen Naturcharakter Rouvali keinesfalls glätten wollte – zu Recht. Emotionsgeladen und mit sattem Klang schien das Orchester nur auf den ersten Blick im Kontrast mit der grazilen, tänzerischen Gestik Rouvalis, die viel mehr ganz dezidiert Konturen und Anweisungen kommunizierte. Geschickt variierte er die Tempi, entwickelte wie bereits in Finlandia packende lyrische Erzählkraft. Melancholisch interpretierten die Göteborger das Schwanenthema im finalen dritten Satz, das ultimativ in den finalen sechs Akkordschlägen endet. Die Stille und Spannung zwischen den einzelnen Akkorden wurde dabei zum Zerreißen greifbar und von Rouvali genussvoll ausgekostet. Auch hier zeigte sich der Finne nicht als glättender Ästhet, sondern als Intuitionskünstler mit großem Gespür für die Musik seiner Heimat.

Als Zugabe schwebten die Göteborger Symphoniker schließlich mit dem Valse triste –ebenfalls von Sibelius – durch die Philharmonie. Dass auch die Zugabe bei Rouvali zum kleinen Orchesterjuwel taugte, zeigte sich dadurch, dass er auch den gespenstischen Walzer mit derselben Detailverliebtheit behandelte wie die vorangegangene Symphonie.

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