Es gibt einige Werke klassischer Musik, auf die man sich emotional einstellen muss, um nicht von ihrer Düsternis hinfort gerissen zu werden. Elgars Cellokonzert gehört zu diesen Werken, der Finale Satz aus Tschaikowskys Pathetique und auch die Vierte Symphonie von Jean Sibelius ist ein Werk, das sich völlig nach innen gerichtet und radikal puristisch an einem Motiv aus einer übermäßigen Quarte abarbeitet. Unter der Leitung von Herbert Blomstedt nahm sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Werk im Münchner Gasteig vor.

Herbert Blomstedt © Peter Meisel
Herbert Blomstedt
© Peter Meisel

Kein Zirkus durfte sich mehr in seiner Musik wiederfinden, befand Sibelius als er seine Vierte Symphonie schrieb. Eine Kontramusik gegen den symphonischen Gigantismus, der sich im frühen 20. Jahrhundert in Europa breit machte. Das Produkt nahm sich als karge, gerüsthafte Symphonie aus, die viele als Sibelius‘ Verarbeitung seiner kürzlich überstandenen Krebserkrankung interpretierten. Blomstedt interpretiert jeden einzelnen Satz der Symphonie als eine Darstellung vom Ende eines Lebens und sieht die Symphonie gleichzeitig aber fest in der absoluten Musik verankert.

Mit unfassbarer Feinheit gelang es Blomstedt, der die Symphonie ohne Partitur dirigierte, mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Schroff und zerklüftet lotete er im ersten Satz die Klangwelt der Symphonie aus, um im zweiten Satz den kurzen Moment des optimistischen Verschnaufens umso radikaler abreißen zu lassen. Klanglich dicht und bis aufs letzte Detail hatte Blomstedt das Orchester auf für das düster dahinschwebende Largo des dritten Satzes eingestellt und arbeitete im Finale die Solisten fein heraus, bevor die Symphonie im Nichts endete.

Herbert Blomstedt © Peter Meisel
Herbert Blomstedt
© Peter Meisel

Wie eine optimistische Antwort auf die resignierende Symphonie wirkte nach der Pause das Intermezzo aus der Kantate Sången von Wilhelm Stenhammar. Das Zwischenspiel aus der 1921 uraufgeführten Kantate ist wie ein großer symphonischer Glücksseufzer, ein letztes Aufbäumen der Romantik. Vielleicht ist es diese Rückwärtsgewandtheit in der Musik des Schweden Stenhammar, weshalb man seine Musik nur selten in den Konzertsälen hört. Blomstedt ist aber zweifellos einer der wichtigsten Fürstreiter der Musik Stenhammars und die Raffinesse, mit der Blomstedt das Intermezzo anging, musste auf den letzten für dieses Orchesterjuwel begeistern. Endlos ließ er die Melodien aussingen und führte das Orchester sehr behutsam zum Höhepunkt, der Verhalten jubeln durfte, sich aber ganz in seiner vornehmen Zurückhaltung genügte.

Mit ebenselben suchendem Charakter eröffnete Blomstedt Mendelssohns A-Moll-Symphonie, die auf Grund ihrer Entstehungsgeschichte gerne die „Schottische“ genannt wird. Inspiriert durch die Highlands und die mystischen Orte der untergegangen Clangesellschaft, schaffte Mendelssohn ein wolkenverhangenes symphonisches Meisterwerk, das Blomstedt und die Symphoniker des Bayerischen Rundfunks so frisch interpretierten, als hätten sie das Werk zum ersten Mal gesehen. Als energetische Höchstleistung wusste Blomstedt dem Orchester Klänge und Stimmungen zu entlocken, wie es sonst nur ihr Chefdirigenten Mariss Jansons vermag. Im großen balladenhaften Kopfsatz läuft alles auf die furiose Sturm-Musik zum Finale des Satzes. Streng marschierte das Adagio im dritten Satz voran bevor sich die Symphonie im Finale zur Jubelhymne wandelte – wieder mit vornehmem Gestus aber diesmal keinesfalls mit Zurückhaltung mehr.

Emotionale Tiefe, Mut zum Radikalen in der Musik und das Gespür für große erzählerische Linien – mit seinem Gastspiel bei den BR Symphonikern hat Blomstedt einmal mehr bewiesen, dass mit seinen Dirigaten ganz besondere musikalische Momente gestalten kann. Das weiß man auch beim BRSO, denn schon im Dezember kommende Saison steht der dann 92-jährige wieder am Pult.

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