Das Berliner Gastspiel Teodor Currentzis' mit seinem SWR Symphonieorchester versprach ein Abend der Extreme zu werden; besonders aber mit Sicht auf das Programm. Mit Strauss' Tod und Verklärung und Mahlers Erster Symphonie kamen zwei Werke zur Aufführung, die durch das jeweils erst spät auftretende Hauptthema und den finalen Triumph verbunden sind.

Teodor Currentzis © Nadia Rosenberg
Teodor Currentzis
© Nadia Rosenberg

Bei der Strauss'schen Tondichtung gerieten durchweg die leisen zurückgenommenen Passagen überzeugender als die mitunter bis an die Schmerzgrenze ausgereizten Fortissimo-Stellen. Zu Beginn wurde der Herzschlag des todkranken Helden hörbar. Die anklingenden Motive ließen ihn allmählich erwachen, bis der Sterbende im Hauptthema dann seine gräßlichen Schmerzen durchlebte. Dieses Thema wirkte nach der Sorgfalt, mit der die Einleitung musiziert wurde, etwas rumpelig gespielt. Es ist denkbar, dass der stets in Extremen musizierende Dirigent hier mit Absicht auf Schönklang verzichtete, um dieses vertonte Elend in hässlichen und entstellten Klängen hörbar zu machen. Wenn erstmals das Ideal-Thema als Vorausahnung erklang, war dies sehr wohltönend. In friedlich-idyllische Töne tauchten die MusikerInnen die Kindheitserinnerungen. Doch der Todeskampf bis zu seinem Durchbruch zog sich noch lange hin. Die Motive und Themen ließ Currentzis, dem Notentext genau folgend, in sich zerfallen, bis die Musik zum Stillstand kam. Nun intonierten die Blechbläser in edlen Tönen dreimal das je noch in sich gesteigerte Ideal-Thema, das als Resultat aller Entwicklung zelebriert wurde. Die Musik klang in aller Ruhe wie zu sich selbst gekommen aus. Allein ungeduldiger Beifall sollte diese Stille stören, obwohl Currentzis die Hand nicht gesenkt hatte.

Mit großer Sorgfalt intonierten die MusikerInnen Naturmotive in Mahlers Erster Symphony, in denen der Choral ruht, mit der das Werk endet. Currentzis und das SWR Symphonieorchester steuerten die Aufführung der Symphonie auf das Ende zu, ganz wie es Mahler komponierte. Was mich an dieser Aufführung begeisterte, war die Hingabe, mit der die oft als bloße Intermezzi dargebotenen beiden Mittelsätze an diesem Abend erklangen. Auch wenn Currentzis manches überreizte, Tempi dehnte und Pausen setzte wo sie in der Partitur nicht stehen. Er durfte sich dabei auf ein großes Vorbild beziehen: Mahler selbst soll auch um der Ausdruckssteigerung willen manche Vorgaben nach eigener Vorstellung ausgelegt haben.

Der zweite Satz ist der konventionellste dieser Symphonie. Gemächlich setzte der derbe Bauerntanz ein, dem im Kontrastteil ein zärtlicher Valse entgegengestellt wurde. Aus diesem Gegenüber ließen Currentzis und das ihm folgenden Orchester ein fesselndes Drama entstehen, auch weil sie die Anweisung „Vorwärts“ stets genau beherzigten.

Der dritte Satz gelang deshalb so vorzüglich, weil die Schrecknisse des in ihm vertonten Trauerzuges in der Ironie drastischer erlebt wurden als bei festlichen Trauermärschen. Mahler wünschte sich, dass der Satz wie von einer schlecht musizierenden böhmischen Kapelle erklingen sollte. Das Risiko gingen die MusikerInnen zwar nicht ein, inszenierten aber die Wiener Terzenseligkeit und schreckten vor Zäsuren und Übertreibungen nicht zurück, um das Ganze noch verrückter zu machen als der Satz ohnehin schon komponiert ist. Dennoch ließen sie die „Lindenbaum-Idylle“ ganz in Ruhe strömen und nicht vom Trauerzug ins Groteske abrutschen. Wenn nach all den Geschehnissen die Reprise um einen Ton höher einsetzte als zu Beginn, dann gestalteten die MusikerInnen dies als Verirrung und fanden nur langsam in den Anfang zurück, der dann wie aus der Ferne klang.

Im Finale kosteten die Aufführenden nicht allein den Triumph aus, sondern legten ein Gewicht auf den wie als einzigen langsamen Satz der Symphonie komponierten Seitensatz. Dessen Tonart Des-Dur wurde mit großem Sinn für harmonische Zusammenhänge als ein abgedunkeltes D-Dur musiziert, so dass aus ihr dann die Grundtonart wie neugeboren hervorgehen konnte.

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