Bekanntermaßen ist die Improvisation eine der Verbindungslinien zwischen den Genres der Alten Musik und des Jazz und auch sonst in Form der Kadenz eine feste Größe im Wandel der Stile und Jahrhunderte. Genauso überraschend, spielerisch jauchzend, verträumt, besorgt oder lieblich wie der persönliche Ausdruck des Erfundenen kann die Nacht daherkommen, die vielfach Thema in der Kunst ist. Kein Wunder also, dass im Rahmen des Bonner Beethovenfestes und seines Mottos „Mondschein“ Blockflötistin Dorothee Oberlinger Station machte, um ihr Programm Night Music vorzustellen, welches über Standardwerke des Barock mit dem Klassiker Round Midnight von Thelonious Monk endet.

Dorothee Oberlinger © Barbara Frommann
Dorothee Oberlinger
© Barbara Frommann

So auch zum Abschluss dieses Festivalkonzerts auf dem Petersberg, das zwar nur zur vorgelagerten Serenadenzeit anstelle eines kuscheligen Late-Night-Gigs stattfand, doch mit dem ausgänglich dämmernden Blick auf den sehnsüchtigen Rheinstrom für ein schönes Ambiente sorgte. Bei diesem Stück, das elfte im abendlichen Programm, schlug es allerdings zumindest auf dem Glöckchen zwölfmal, um die von Luigi Mangiocavallo für das Ensemble der Sonatori de la Gioiosa Marca arrangierte Jazzballade mit dem gezupften Kontrabass-Intro über ein Monteverdi-Thema beginnen zu lassen. Cello und Violine stiegen mit dem blue(note)-hypnotischen Slang ein, dessen Grooven und Anschmieren Oberlinger mit der Brillanz der Sopranino über der knappen, etwas untergehenden „Stille-Nacht-Gesangseinlage“ Elisabetta de Mircovichs zum stimmungsvoll köstlich einratzenden Finalton führte.

Seltene Klänge bekam man vorab bei der um Vivaldi konzipierten Agenda zu hören, als Mircovichs Fidelsaitenumschläge zurück ins Mittelalter wogen. Hin zu dem traditionellen sephardischen Lied Nani Nani, dessen orientalische Färbung mit seinen ebenso gar mit dem Jazz verwandten harmonischen Sprüngen und eingleitenden Sprachtonelementen auf der Bühne eine warme und trotz der Entspannungsatmosphärik spannungsvolle Intrada aufzog. Zur ihr schritt Oberlinger ein, die mit der Bassflöte neben einer noch gesanglich-dezenteren, weicheren Stimmung einen benötigten Fluss und die heimelige tiefe Tonlage für das Schlafwohl einbrachte. Wie die Fidel von dort zum Ausklang hinausschritt, tat sie dies erneut bei Fratre Gerardos vertonter Albtraumnacht. In dieser träumt der vermeintlich selig-sinnlich Ruhende vom „süßen Spiel“ der Liebe, bis er feststellen muss, dass ihn seine Geliebte verlassen hat. Klanglich mochten die volkstümlichen Einflüsse ebenfalls wieder an den Anfang anknüpfen, die Mircovich in Variationen und Improvisationen ihrer wechselnden Instrumente (Sopranstimme und Fidel) mit nur leicht schicksalshaftem Impetus versah, während Oberlinger mit tenoraler Renaissanceflöte mehr Theatralik aufbot.

Etwas zurückhaltend geriet so auch die Stimme über der Altblockflöte, die starrer zwischen der Empfindung des Abschiedsschmerzes aus der gegebenen englischen Vorlage von Robert Jones und der fröhlich-sanft belegten Version Jacob van Eycks steckte, die das Arrangement mit sich brachte. Die zum Gesang von Oberlinger dann mit der Sopranflöte improvisierten cantus-firmus-Läufe über die choralartige Liedstrophe veranschaulichten die virtuose Art, mit der der niederländische Meister das Instrument einzusetzen verstand. Dies umso mehr, als er die beliebt-berüchtigte Nachtigall aus der passend titulierten Sammlung Der Fluyten Lust-hof zirpen ließ. Denn dort war Oberlinger in ihrem naturalistischen, lautmalerischen Element, ein Gezwitscher in Form eines musikalischen Spaßes vom Zaun zu brechen, der in Technikvarianz, Artikulations- und Einfallsfreude samt agogischer Reize ihre Imitationsfähigkeit und schlagfertige Spielklasse präsentierte. Die Sonatori de la Gioiosa Marca hatten ihr Solo in Boccherinis „La Ritirata“ aus La musica notturna delle strade di Madrid, in der sie mit etwas mehr Dynamik und Begeisterung den dörflich-romantischen Trupp in gassenhauerisch rhythmischer und einfacher Charmanz darstellten, der zur Sperrstunde im versiegenden Pianissimo die Lichter ausknipste.

Ein wenig verschlafen wirkten die Musiker nämlich beim anfänglichen Vivaldi, als nicht nur die Instrumente nicht ganz gestimmt waren, sondern auch die Violinen zusätzlich unsauber aus der Stille zur abgespeckten La Senna festeggiante-Sinfonia einsetzten. Eine schlaftrunkende, gesättigt-abendliche Milde tat sich auf, die zum stets leisen Mittelsatz passte, zu dem Oberlinger mit großbogigem Schleier einlud, allerdings mehr Kontrast vertragen hätte. Gab es davon schon mehr im Il riposo-Konzert, in der ziehende Gedanken, seidige Wälzungen und nerviges Nichteinschlafenkönnen doch versöhnlich in heiliger Schlafbettung mündeten, hüllte La Notte den Saal spürbar und in ihren Facetten ausdrucksstärker in die Dunkelheit. Deckte das Continuo das Düstere ab, hielt das Flirren und Ungewisse mit Oberlingers Altflöte Einzug, dem ein Kurzfilm von megaschnell aufgedrehtem, wildem Treiben durch die Nacht mit Eyck-konnotierter Dialog-Fantasie folgte, das – wurde es doch gewollt schärfend von einem herrlich ausgepowerten Nickerchen in regloser Interpretation unterbrochen – bis in den Morgen dauerte. Eine Feier, in der der adrenalingetriebene Gehirnwecker einige Male klingelte, als Oberlinger ihre Töne spiccato und quasi ponticello anspitzte sowie mit den Läufen und Figuren tanzte.

War mit dieser Portion an energievollen Mitternachtsübungen der Vivaldi zudem im Lullaby-charakterhaften c-moll-Sopranino-Konzert ausgeklungen, in dem das Ensemble insgesamt Assoziationen eindringlicher hervorlocken und die Solistin ihre geschickte, traumwandlerische Sicherheit als eloquente Unruhestifterin vermelden konnte, gebührte einer weiteren Besonderheit die Aufmerksamkeit: Mircovichs schnurrend-knarrenden Drehleier, die die Sonate RV 59 von Chédevilles Ursprung dafür um den urtümlichen Musetteklang in der Weisenmelodie der Pastorale bereicherte. Sie lässt vielleicht den Schäfer in den Schlaf finden, mich ermunterte dazu später zufrieden das unbeschwert ländliche Tapsen in ausgelassenerer Lagefeueridylle mit Barockgitarre. Gute Nacht!

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