Auch wenn Metastasios Opernlibretto zu L'Olimpiade im sommerlichen Elis nahe dem antiken Olympia spielt und noch keine Wettkämpfe im Winter vor Augen hatte, hinderte es Veranstalter und La Cetra Basel unter seinem künstlerischen Leiter Andrea Marcon nicht daran, das Stück jetzt ebenfalls in der für gewöhnlich kalten Saison dieser Äquatorhälfte an die barockopernbegeisterten Empfänger zu bringen. Und zwar – im tatsächlich zeitlich seltenen Rahmen von mehreren Jahren, den sie mal zur Aufführung kommt – in der heute bekanntesten Vertonung Vivaldis. Sie bildete den Abschluss der Tage Alter Musik in Herne, die unter dem Motto „Todsünden“ liefen.

Andrea Marcon © WDR | Thomas Kost
Andrea Marcon
© WDR | Thomas Kost

Die Geschichte, die sich das Who is Who der Komponisten nicht entgehen lassen wollte, ist interessant wie das sportliche Original, mit dem es als Aufhänger zu tun hat. Eigentlich geht es natürlich um ein traditionelles Verwirrspiel aus verhinderter Liebe, von Macht und Willkür sowie zahlreichen Konflikten. Doch wem kommt das auch gerade im teils hermetischen Kosmos der Sportfamilie nicht ganz unbekannt vor? Ein kurzer Abriss: zwei sich versprochene Paare, Aristea/Megacle und Argene/Licida, dürfen nicht zueinander finden. Fiesling Clistene lobt seine Tochter Aristea als Preis für den Olympiasieger aus, den Megacle als geübter Champion auch gewinnt, allerdings im Namen Licidas, in dessen Schuld er steht, dabei ist Licida ja auf der Suche nach seiner exilierten Geliebten. Keiner weiß so richtig vom anderen. Nach und nach kommt jedoch alles ans Licht, auch der Betrug, der von Clistene mit dem Tode bestraft wird, dazu Befreiungs- und Mordversuche. Am Ende stellt sich Licida als Sohn Clistenes heraus – von ihm in Phrophezeiung der eigenen Ermordung als Säugling verstoßen – sodass das Happy End seinen Lauf nimmt, nämlich Zusammenführung und Doppelhochzeit, viel Weiß und Mehrfachgold.

José Coca Loza und Vasilisa Berzhanskaya © WDR | Thomas Kost
José Coca Loza und Vasilisa Berzhanskaya
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Mit musikalischen Rekorden wartet bei Vivaldi bereits das erste Allegro der Sinfonia auf, das fast nur aus Sechszehnteln und Zweiunddreißigsteln besteht und die Atmosphäre von flirrender Spannung, sportlicher Hechelei und emotionaler Aufruhr in sich birgt. Vor allem dann, wenn mit solchem Zug, Dynamik- und Akzentlust artikuliert wird wie bei La Cetra Basel, dass die kräftigen Bass-Brauser wie das grausame Dazwischenfunken und Rumoren der angebahnten Konflikte wirkten, die Violinen wie das lodernde Feuer, die geliebten Frauen zu gewinnen. Schon mit der weiteren Einleitung, dem langsamen Satz des nicht außer Atem befindlichen Verschnaufens und lieblich-schmerzlichen Sinnierens sowie dem typischen kleinen Dreitakter-Sprint, sorgte Marcon spielerisch für optimale Wettkampfbedingungen. Umsichtig, mit verlässlichem Teaminstinkt und kompaktem Auftreten stellte das Ensemble den guten Belag für die zwischenmenschlichen Kämpfe dar, sodass ihm zurecht stehende Ovationen auf dem Siegerpodest dieser konzertanten und gekürzten Fassung gebührte.

José Coca Loza und Federica Carnevale © WDR | Thomas Kost
José Coca Loza und Federica Carnevale
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Konsequent meisterlich behandelt wurden zudem die Dacapo-immanenten Koloraturvariationen der Solisten, in denen lediglich Carlos Mena als auswegloser Attentäter Licida in seinem Bestzeit jagenden, gewetzten „Gemo in un punto e fremo“ intonationsmäßig leicht über das Ziel hinausschoss. Darin verdutzte er mit seiner Leidenschaft des mentalen Zusammenbruchs selbst Alcandro, als der baritonal unaffektiertere Sergio Foresti in der Rolle des zweifelnden Exekutors von König Clistene kurz seinen Einsatz zu verpassen drohte. Ansonsten wusste Mena mit seinem klaren und gestärkten Alt von seinem Ziel zu überzeugen, Aristea zu erobern. Von ihrer Schönheit sofort so geblendet, dass er Argene und Megacles Schicksal vergessen ließ, drang dabei stets durch, sowohl in seinem übermütigen, griffig-punktierten Rennen um sofortige Vermählung als auch im listigen, schauderlich-schönen Schlaflied „Mentre dormi“. Da konnte sein stiefväterlicher Aminta noch so erkenntnisreich in zerreißender Vorsehung warnen, was Anna Aglatova bestens verstand, sei es in inniger Vernunftappelierung, in aufwühlend-schwermütiger, aufgrund sinkender Todesbereitschaft – die haben alle mal! – oder im zwischen den Fronten vermittelnden Figurenwahnsinn des Klassikers „Siam navi all'onde algenti“.

Kangmin Justin Kim © WDR | Thomas Kost
Kangmin Justin Kim
© WDR | Thomas Kost

Licidas – und damit der antiheldenhaft übliche – eigentliche Triumph ist, dass Argene am Ende glücklicherweise in aufopferungsvoller Weise einsichtig ist. Ein unermesslich wertvoller Charakterzug, der in der Galanz Federica Carnevales zum Vorschein kam, selbst wenn sie als schändlich Übergangene in ihren knackigen, wallenden und eigentlich vor Ärger schnaufenden Arien ihrer Enttäuschung und Rache Luft verschaffen musste. Kaum Luft zur Atmung und Entfaltung bekommt Aristea von ihrem Vater Clistene, was sich in erster undankbarer Leidensnummer verdeutlicht, die Vasilisa Berzhanskaya bewältigte. Mit technisch versierter Entrüstung und dem anregend dunklen Furor ihres Contraltos warf sie die Worte unverständigen Zorns erst über Megacles Verhalten, dann in Ansicht seiner Liebe umher, genauso wie sie mit ihrer Stimme vor der Dämmerung des Komplotts dem romantischen Charme und ihrer Herzenstiefe Ausdruck in der Waldvogel-Allegorie verlieh.

Zunächst mit dem zusammengekniffenen Stolz des geschmeidigen Mehrkämpfers und dem Glück der rettenden Verbundenheit zu Licida präsentierte sich Kangmin Justin Kim als richtiger Tragikheld, ehe man vollends in seiner expressiv überzeugenden Art mitschwamm auf der virtuosen, erregten und wahrhaftigen Welle des Mitleids, die den durchtrainierten Kodex eiserner Freundschaft, selbst auf seine Geliebte zu verzichten, noch bitterlicher machte. Clistene hatte in José Coca Loza einen schäbigen, parteiischen Oberaufseher, der seine Herzenshärte gegenüber der Tochter gerissen beschwichtigend verkaufte, aber mit geschwungener Markanz in bedrohliche Bass-Abgründe führte, wo nicht nur Tyrannei schlummerte, sondern sich schlussendlich umfänglich verzeihende Sohnliebe vergrub. Das alles war die Sünde wert!

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