Wagner-Lesarten, die Dritte. Was Concerto Köln und Kent Nagano in ihrer Einspielung auf Wagners Ring ab 2021 in Köln im Konzert mit dem Jubilar Berlioz und Paganini 2019 begonnen hatten, fortgesetzt mit Bruckner, beendeten sie für dieses und das nächste Jahr in der Reihe mit Debussy und dem Kölner-Pariser Geburtstagskomponisten Offenbach. Historisch-äußerlich stellte es Antisemit und Jude gegenüber, programmatisch-innerlich betrachtete man natürlich Verbindendes: hier das Fantastische, das Sänger- und Liebesschicksal sowie das Französische.

Kent Nagano © Felix Broede
Kent Nagano
© Felix Broede

Sich Wagners Ring in historisch-informierter Spielweise zu nähern, geriet beim rein instrumentalen Beispiel der Tannhäuser-Ouvertüre und dem anschließenden Bacchanale der französischen Fassung von 1861 offenkundig. Nagano, der nach der Aufführung zum Ehrendirigenten vom ansonsten dirigentenlosen Concerto Köln ernannt wurde, formulierte dazu: „Der Tannhäuser ist ein Schlüsselwerk in Wagners künstlerischer Entwicklung und zugleich mit reichhaltigen aufführungspraktischen Anmerkungen von ihm bedacht – eine wunderbare Ausgangssituation!“ Er meinte damit Phrasierungs- und Tempovorstellungen des Komponisten, die die Extreme und Kontraste wiedergeben. Die moderaten Teile des Vorspiels nahm Nagano folglich recht langsam, um das strenggläubige erste Motiv der Holzbläser gemäßigt, klar und vorausschauend abgrenzend zu gestalten. Dabei blieb trotz der bewusst starren Ausdrucksweise, unterstrichen durch das fehlende Vibrato des Orchesters, ein konstanter Grundcharakter des sich steigernden Flusses erhalten, der sich durch bindende Übergänge, den dunkleren, zarten wie gehaltvollen Streichern und den Dynamikstufen äußerte.

Der schnelle Allegropart dagegen ließ die umtriebige Lust einziehen, ein erstes Warmmachen für die überbordende Orgie des Bacchanals. Starke Akzente stachen wie die einzelnen Instrumentengruppen auch heraus, bevor sie zu einem gut balancierten Meer der Sinne verschmolzen, wobei Betonung und kleine Temposteigerungen das lebhafte Bild mit reichlich Farbe befüllten. Das hitzige Rot und Feuer der ungezügelten Leidenschaft wurde mit jeder Wiederkehr und Variation stärker angefacht, bis im eigentlichen Bacchanale Geschwindigkeit, Dynamik und Schärfe der Tonkünstler ausgereizt waren. Im wilden Flirren, Jauchzen und Heulen erklommen sie den Venusvulkan, ehe mit post-ekstatischer Ruhe die vorbotenhaften Sirenenrufe der Frauen des WDR-Rundfunkchores erklangen, die zu Debussy leiten sollten. Mit dem Eintritt der Gesangsstimmen deutete sich – wie später bei Offenbach – an, dass noch Arbeit in puncto Textverständlichkeit und Verhältnis zum Orchester vor den Projektbeteiligten liegt. Ein bekanntes Schicksal.

Text haben die Damen in Debussys „Sirènes“ seiner Nocturnes nicht zu singen. Im letzten Satz lockten sie jedoch durch die Markanz ihrer Wortsilben und den deutlich phrasierten Wellen in die spiegelige, blaue wie mysteriös darüber nebelig-schleiernde Wasserwelt. Zuvor ertastete Concerto Köln im helleren und dunkleren Lichteinfall des Himmels samt den graustufigen „Nuages“ die unverwechselbar zauberhafte Harmonik und Atmosphärenschaffung des Franzosen, für den Wagner doch (über)großes Vorbild war. Später distanzierte oder emanzipierte er sich allerdings von ihm, besonders beim Ring („fade und dumm“). Nicht nur in dieser Hinsicht passend stand Debussy zwischen Wagner und Offenbach, denn in allem Ernst bringt auch er ablenkend turbulent-feierliche Strahlen in den Zwist: die „Fêtes“ stellten seinerseits bolero-knackige Extreme dar, die Nagano und Orchester dazu veranlasste, mit stark betonter, rhythmischer Begier Kulminationspunkte zu erschaffen.

Um Jubilar Offenbach ins Programm zu nehmen, scheint das Schicksal Hoffmanns in seiner Opéra fantastique triftig begründet, selbst wenn es immer schwierig ist, einen Akt losgeeist auf die Konzertbühne zu hieven. Abseits dessen und der Kontinuität Concerto Kölns dramatischer Straffheit durch leidenschaftliches Blech, holzbläsernde Takt- und Stimmgeber sowie streicherische Sturmböen, blieb dieser skurrile Schwank Hoffmanns ein klein wenig fremd. Dazu verleitete wohl das nun dafür zu akademische Dirigat Naganos, zudem die theatralische Gewolltheit des gedrückt Gequälten Protagonisten in persona Sébastien Guèze. Antonia, die sich mit der Stimme ihrer Sängerin-Mama im Ohr und Hoffmanns Liebe im Nacken im Zwiespalt befindet, verkörperte Jessica Nuccio mit dem unsicheren Ausdruck der Rolle. Wirkte sie darin dennoch anfangs etwas unbeteiligter, erzählten die übrigen Solisten ihre Charaktere wahlweise mit mehr Schwung, Diktionsstärke und Überzeugungskraft.

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