Auch diese Prom stand im Zeichen des Gedenkens an den Ersten Weltkriegs und kennzeichnete ein ganzes Jahrhundert, das seit seinem Beginn am 3. August 1914 vergangen war. Inspiriert durch das Stück des National Theatre, das auf Michael Morpurgos Roman basiert, stand der Abend unter dem Titel War Horse Prom. Dementsprechend bekam das BBC Concert Orchestra unter David Charles Abell auf der Bühne Gesellschaft vom Ensemble des National Theatre und einigen der vom Publikum sehnsüchtig erwarteten War Horse-Figuren. Zusammen erkundeten sie Geschehnisse des Krieges und Musik, die in diesen Jahren geschrieben wurde, einschließlich der New War Hymn des Proms-Gründers und Dirigenten Sir Henry Wood, die speziell für diese Aufführung rekonstruiert wurde.

Als das Licht gedimmt wurde, betrachteten wir die Bühne neugierig. Es ist Sommer, Jung und Alt genießen die Sonne am Strand, die Stimmung ist entspannt und ausgelassen. Mit einer handgeführten Kamera werden im schwarz-weiß-Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts kleine, persönliche Details gefilmt, die dann auf mehrere große Leinwände über der Bühne projiziert werden. Frank Bridges Summer fing diese Atmosphäre mit leichten, schwebenden Klängen ein, doch mit den ersten Trompetenklängen in der Ferne schlug die fröhliche und sorglose Stimmung um. Wenig später schon ist die leise Ahnung von Gefahr Realität geworden, Männer jeden Alters werden von zu Hause fortgerissen, viele von ihnen kommen nie zurück. Drei mehrstimmige Lieder von Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams, bewegend gesungen vom Proms Military Wives Choir, legten den Fokus auf die äußere und innere Kälte eines verschneiten Winters und zeigten eine vom Kampf gezeichnete Nation, in der Frauen allein, ohne ihre Männer, Söhne und Väter zurück gelassen wurden - ein Land ohne Männer.

Als kleine Binnenerzählung zeigte Adrian Suttons War Horse Suite, die aus seiner Schauspielmusik entstanden ist, ganz kompakt die Geschichte von Hauptdarsteller Albert und seinem Pferd Joey, von ihrer ersten Begegnung über das Anwerben von Pferden und leicht zu begeisternden jungen Männer für den Krieg, ihre Erlebnisse im Krieg selbst und schließlich die Rückkehr der überlebenden Soldaten und ihrer vierbeinigen Gefährten. Der Effekt der lebensgroßen Handpuppen auf der Bühne war umwerfend. Besonders für jemanden wie mich, der sie bisher nur in kurzen Ausschnitten im Fernsehen gesehen hatte, war es faszinieren zu sehen, mit wie viel Liebe zum Details die Kompanie die Puppen und ihre Bewegungen gestaltet haben, sodass Joey geht, hüpft und mit den Ohren wackelt wie ein richtiges Pferd. Er hatte sogar ein wenig liebenswerten Schabernack im Sinn und stupste David Charles Abell in mitten eines Stückes mehrfach an, beschnupperte sein Jackett auf der Suche nach etwas Essbarem, und gab erst Ruhe, als der Dirigent mit seiner mehr oder weniger freien Hand ein paar Leckerli hervor gezaubert hatte. Das erheiterte nicht nur das Publikum, sondern hob generell die Stimmung ein wenig, die sonst schnell ins Traurige hätte umschlagen können.

Die Prom aber beschäftigte sich nicht nur mit den Geschehnissen in Großbritannien. Nach der Suite schlug man einen internationalen Weg in, der zunächst in die Türkei führte: Çanakkale içinde (In Çanakkale) wurde 1915 von Sänger Ihsan Ozanoğlu geschrieben, um als Mahnmal des Krieges die Angst, die Schmerzen und die Klage der Soldaten zu beschreiben.Mit Auszügen aus Maurice Ravels Le tombeau de Couperin ging die Reise weiter nach Frankreich. Die Komposition ist sowohl neobarocke Hommage an den früheren Komponisten als auch ein Klagelied für Freunde, die Ravel im Krieg verloren hatte. In Anbetracht dessen scheint das Stück überraschend leicht und positiv, mit lebhaften Rhythmen und strahlenden, musikalischen Farben - eine Tatsache, für die es mehrfach in die Kritik geriet, doch Ravel erklärte, 'die Toten in ihrer ewigen Stille sind traurig genug.'

Diese hellere Stimmung hatte sich nun schon im Ohr und auch den Gedanken festgesetzt, weswegen die drei Lieder des dänisch-deutschen Komponisten Paul von Klenau danach trotz des soliden Vortrags durch Bariton Duncan Rock nicht recht zu passen schienen. Das eigens für diese Prom in Auftrag gegebene Some See Us, geschrieben von Adrian Sutton, brachte aber schließlich eine hoffnungsvollere Stimmung. Es ist eine erdachte Antwort auf die Ironie, dass der Krieg oft als „Krieg, der alle Kriege beendet“ beschrieben wurde. Sutton wählte hierfür einen Chor von 14- bis 18-jährigen Jungen, die sowohl die ganze Generation junger Menschen symbolisieren, die in den Krieg geschickt wurden, als auch zukünftige Generationen. Die Cambiata North West war stimmkräftig und eindringlich und erinnerte uns mit Suttons Worten daran, dass jeder einzelne die Fähigkeit besitzt, mit sich und anderen Frieden zu schließen und eine bessere Zukunft zu gestalten.

Das Lied Only Remembered jedoch ist die wahre Hymne des Abends. Ursprünglich vertont vom amerikanischen Gospelsänger und Komponisten Ira D. Sankey, wurde es nun in einer Fassung von Musiker und Schauspieler John Tams wundervoll schlicht gesungen von Tim van Eyken rahmte es diese großartige Vorstellung ein. Trotz des düsteren Themas war es ein sehr schöner und unterhaltsamer Nachmittag. Die Fragmente, die live auf der Bühne gefilmt wurden, und auch Eindrücke aus Kriegszeiten in Form von Photographien von Soldaten und allerlei Tieren wurden auf die großen Bühnen-Leinwände  projiziert, und das Ensemble des National Theatre stellte sicher, dass es immer etwas interessantes zu sehen gab - besonders für die jüngeren Zuhörer, und Kinder und Erwachsene waren gleichermaßen fasziniert von den lebensechten Handpuppen, die die Geschehnisse des Krieges veranschaulichten.

Das Publikum war hingerissen und ließ die vielen Darsteller und Musiker auch nicht ohne Zugabe gehen. Hierfür wurde der Music Hall-Hit It's a long way to Tipperary ausgewählt und das Publikum wurde eingeladen, mitzusingen. Erneut aufbrandender frenetischer Applaus für eine phänomenale Besetzung und eine ebensolche Vorstellung veranlassten den Dirigenten des Proms Military Wives Choir Gareth Malone sogar zu einem Akt von Rockstarqualitäten, als er seine Banjo-Plektren ins Publikum warf. Für mich und sicherlich auch viele andere war das eine Vorstellung, an die wir uns noch lange erinnern werden.



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