Václav Luks © Petra Hajská
Václav Luks
© Petra Hajská
Václav Luks ist nicht nur Gründer des Prager Barockorchesters Collegium 1704 und des Vokalensembles Collegium Vocale 1704; er steht auch hinter der Konzertreihe Musikbrücke Prag – Dresden, lehrt an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden und ist selbst aktiv im Konzert zu erleben. Heute steht er uns Rede und Antwort zum Trend der historisch informierten Aufführungspraxis und dem Leben auf großer Konzertreise. 

Die Epoche, die wir heute als Barock kennen, war der Ursprung der Grand Tour, einer Reise durch Europa, auf der es Ziel des Reisenden war, neue Kulturen kennenzulernen und seine Ausbildung zu vervollständigen. Heutzutage sind es historische Ensembles – und das Publikum – die ausgedehnte Reisen unternehmen und Menschen die Gelegenheit geben, Musik zu hören, die teils jahrhundertelang in Vergessenheit geraten war. Wie erklären Sie sich die Beliebtheit barocker Musik?

Die Musik des Barock vereint Attribute in sich, die keine andere Epoche der Musikgeschichte bieten kann. Auf der einen Seite steht der Anspruch auf absolute Verständlichkeit und Zugänglichkeit der Musik für jeden Zuhörer, auf der anderen Seite stehen die Ambition, größte künstlerische Qualität zu erlangen sowie die geradezu idealistische Suche nach Vollkommenheit. Aus heutiger Sicht könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass es unmöglich sei, zwei derartige Ansprüche miteinander zu vereinen. Doch die Meister des 17. und 18. Jahrhunderts haben es fertiggebracht, eine Kunst zu erschaffen, die zugleich in höchstem Maß kommunikativ und künstlerisch anspruchsvoll ist.

Der Schlüssel dazu ist, meiner Meinung nach, dass die alten Meister ganz einfach gedient haben – Gott, dem König, dem Impresario, den Musen – wem auch immer, nicht aber dem eigenen Ego des Komponisten. Das sehe ich als etwas sehr Positives an, denn dadurch stand der Anspruch auf Verständlichkeit im Vordergrund. Trotz der verschiedenen Nationalschulen und Personalstile herrschte eine allgemeine, natürliche Musiksprache mit vielen Dialekten. Diese Dialekte, diese Vielfalt machten die Landschaft der Barockmusik unglaublich interessant. Erst mit dem 20. Jahrhundert kam das Phänomen eines Komponisten zu Wort, der sich berufen fühlt, eine ganz eigene Musiksprache zu kreieren, die keiner versteht, und der darüber hinaus auch noch stolz darauf ist, dass der Zuhörer eine Gebrauchsanleitung zu seiner Musik benötigt. Die Barockmusik aber hat vor 300 Jahren keine Erklärung gebraucht und braucht sie auch heute nicht.

Der Status von Barockmusik in der modernen Gesellschaft ist schwer zu definieren. Einige Kinder beispielsweise lernen von Anfang an, auf einem Cembalo zu spielen. Ist Barock noch immer alt?

Barockmusik soll nicht museal sein. Bei allem Wissen über die Aufführungspraxis dürfen wir nicht vergessen, dass eine ganz wichtige Komponente der Aufführung dieser Musik schlicht nicht rekonstruierbar ist. Die „ancient music“ wird im Kontext unserer Zeit und für das heutige Publikum gespielt, und deswegen finde ich es auch ganz normal, dass historische Instrumente als ganz normale Instrumente betrachtet werden, die schlichtweg geeigneter für die Interpretation der Musik dieser Epoche sind, und dass auch Kinder lernen, diese – genau wie die modernen Instrumente – zu spielen. Das Wissen, die historischen Instrumente, die Kenntnisse der alten Techniken – das alles sollte lebendige Musik sein und nicht nur ein wissenschaftliches Instrument der Forschung.

Václav Luks mit dem Collegium und Collegium Vocale 1704 © Petra Hajská
Václav Luks mit dem Collegium und Collegium Vocale 1704
© Petra Hajská

In den letzten Jahrzehnten wurde viel zum Erbe der Barockmusik geforscht, sowohl bezüglich der Aufführungspraxis als auch der Soziologie der Musik. Welche Entdeckungen fanden Sie am aufregendsten? Was gilt es noch zu erforschen?

Ich habe bereits angedeutet, wie sehr mich die Vielfalt der Barockmusik fasziniert. Mit dem unglaublichen Erfolg der Early-Music-Bewegung ist aber ein paradoxes Phänomen aufgetreten. Die Bewegung, die als Reaktion auf konservativen Mainstream in der Klassikszene entstanden ist, wurde selbst zum Mainstream und hat viel an der Energie, am Idealismus und an der Lust zu experimentieren verloren. Ich denke jetzt an die Pioniere der Harnoncourt-Generation. Es gibt noch vieles zu entdecken, aber vor allem sollten wir uns bemühen, diese inspirative innere Kraft wiederzubeleben.

Die Geschichte scheint eine unerschöpfliche Inspirationsquelle zu sein; historisch informierte Aufführungen werden nun auch von neuerem Repertoire wie der Musik des 19. Jahrhunderts gegeben. Wie denken Sie über diesen neuen Trend? Wo wird er enden?

Ich finde alle diese Ausflüge in neuere Musik sehr interessant, aber persönlich fühle ich kein Bedürfnis, Musik der Spätromantik oder noch neuere Musik mit historischen Instrumenten aufzuführen. Die mehr oder weniger unterschiedlichen Instrumente, im Vergleich zu modernen Instrumenten, sind für mich kein ausreichendes Argument, um sich mit dem Thema ernsthaft zu beschäftigen. Musik, die ca. 80 bis 150 Jahre alt ist, ist gleichzeitig auch die Musik, die von den großen philharmonischen Orchestern ununterbrochen gespielt wurde. Sicher hat sich die Interpretation im Laufe der Zeit und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg stark verändert. Man kann aber nicht darüber sprechen, dass man z.B. die Interpretation der Spätromantik neu entdecken muss. Ich vermisse ganz einfach nichts bei einer Dvořák- Aufführung der Tschechischen Philharmonie oder bei Mahler mit den Berliner Philharmonikern. Die Alternative auf historischen Instrumenten finde ich interessant, aber für mich persönlich nicht notwendig.

Václav Luks © Michal Adamovsk
Václav Luks
© Michal Adamovsk

Zurück zum Thema der Grand Tour – was vermissen Sie am meisten, wenn Sie auf Tournee gehen? Wo liegen die Schwierigkeiten, wenn man aus dem Koffer lebt?

Ich reise gerne und genieße es. Das Einzige, was ich dabei vermisse, ist ein bisschen mehr Zeit zum Entspannen. Die Reisen sind immer sehr eng (und immer enger) getaktet, und manchmal fehlt einfach etwas Raum zum Luftholen.

Ergibt sich für Sie die Gelegenheit, die Städte zu erkunden, in die Sie reisen? Was war ihr denkwürdigstes Tourneeziel?

Zeit, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und Städte zu erforschen, gibt es selten. Und für mich gilt es, selbst wenn ich die Zeit hätte, zu versuchen, die Kräfte und die Konzentration auf das nächste Konzert zu fokussieren. Vor dem Konzert durch die Stadt zu bummeln ist nicht mein Ding. Ganz anders ist es bei Opernproduktionen, wenn man doch mal freie Tage hat. So habe ich z.B. Ausflüge zur wunderschönen Atlantikküste der Normandie in Erinnerung, als wir im Théâtre de Caen unsere Opernproduktionen gemacht haben. Wenn ich eine der vielen faszinierenden Städte nennen soll, die ich besichtigt habe, dann würde ich New York wählen.